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Ist das Massentierhaltung in Herwigsdorf?

Das wird der Agrofarm aktuell im Streit vorgeworfen. Sachsens grünes Landwirtschaftsministerium erklärt sich nun zu Ställen und Haltungsbedingungen.

Der Streit um den neuen Kuhstall in Herwigsdorf spitzte sich am letzten August-Freitag zu - mit einer Demo von Fridays für Future.
Der Streit um den neuen Kuhstall in Herwigsdorf spitzte sich am letzten August-Freitag zu - mit einer Demo von Fridays für Future. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Sachsens grüner Landwirtschaftsminister Wolfram Günther verschickte kürzlich eine Mitteilung unter der Überschrift "Tierhaltung neu ausrichten". Ein Satz, der gerade mit Blick auf die jüngste Demo von Fridays for Future gegen den Herwigsdorfer Stallneubau aufhorchen lässt. Es ging dem Minister dabei zunächst um das Treffen mit seinen Länderkollegen vom gleichen Fach. Von "Nachhaltigkeit, Ressourcenschutz und Tierschutz, fairen Preise und besseren Sozialstandards von Beschäftigten als wesentliche Leitgedanken" war die Rede. Was also erwartet jetzt die Bauern? Sind neue Ställe - so wie sie in Herwigsdorf im Bau oder von anderen Agrargenossenschaften beispielsweise im Zittauer Gebirge nach geltenden Richtlinien errichtet wurden - jetzt schon Auslaufmodelle? Geht es wieder Richtung Weidewirtschaft?

Manche Landwirte befürchten das. Sie fragen sich, wie es sein kann, dass ein Unternehmen angefeindet werde, wenn es einen Stall nach geltenden und gehobenen Vorschriften errichten will. Immerhin hatte sich auch Günthers Parteifreundin und Grünen-Fraktionsvorsitzende Franziska Schubert im Streit um den Herwigsdorfer Kuhstall eindeutig gegen den Stallneubau und die Anzahl der Tiere vor Ort positioniert. Wie sieht das also der Minister, der sich von Frau Schubert bei seinen Besuchen in der Oberlausitz gern begleiten lässt? Ist der neue Kuhstall in Herwigsdorf für maximal 870 Tiere jetzt "Massentierhaltung" oder "Fleischindustrie" - Schlagworte von der jüngsten Demo - und damit zu verurteilen?

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Robert Schimke, Sprecher des von Günther geführten Ministeriums für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft, äußert sich auf Nachfrage der SZ ausführlich zum Thema Tierhaltung. Er macht zugleich deutlich, dass das Ministerium die Kritik am Stallbau der Agrofarm nicht bewerten werde -  weil es hier auch mit Blick auf die dabei laufenden juristischen Verfahren nicht zuständig sei.

"Massentierhaltung", so macht Schimke gegenüber der SZ deutlich, sei ein Begriff, der hier insgesamt wenig hilfreich sei. Ausschlaggebend sei nicht die pure Zahl der Tiere, die ein Landwirt hält, sondern die Frage, ob er die Tiere mit selbst erzeugtem Futter versorgen und die Exkremente selbst per Biogasanlage beziehungsweise für die Düngung seiner Flächen nutzen kann. Viel Grünland und mehrere Biogasanlagen - das hält sich auch die Agrofarm prinzipiell zugute. Ob die Rechnung - auch mit Blick auf die Schweine in Herwigsdorf - aufgehen würde, stellen Kritiker infrage. "Wichtig ist hier aber der flächengebundene, geschlossene Stoffkreislauf", präzisiert der Pressesprecher. In der Konsequenz heißt das: Fällt die Ernte bei Dürre geringer aus, kann der Landwirt weniger Tiere versorgen und muss schlachten. Einige Biohöfe setzten das bereits so um.

Wolfram Günther (Grüne) ist Landwirtschaftsminister von Sachsen - der erste Grüne noch dazu.
Wolfram Günther (Grüne) ist Landwirtschaftsminister von Sachsen - der erste Grüne noch dazu. © Jan Woitas/dpa

Regionale Vermarktung steht im Fokus

Dass dieses System als flächendeckendes Muster derzeit kaum realistisch ist, ist auch im Ministerium unumstritten. "Jeder Schritt nach vorn ist gut, die Betriebe sollen stabile Grundlagen zum Wirtschaften haben", betont Robert Schimke. Ein Schritt zu mehr Tierschutz seien daher moderne Stallanlagen. Einen solchen Laufstall für Rinder wie in Herwigsdorf, der neben den baulichen Mindestanforderungen noch weitere Kriterien für "eine besonders tiergerechte Haltung" erfüllt, sieht man im Ministerium per se positiv: "Moderne Laufställe für Rinder richten sich schon heute stark an den artgemäßen Ansprüchen der Tiere aus", erklärt der Sprecher. Sie böten großzügig Platz, verschiedene Aktivitätsbereiche für die Tiere, sowie ausreichend Licht und Frischluft - auch dank eines Auslaufes. Futteraufnahme und Milchabgabe seien hier - dank modernster Technik für die Tiere nach ihrer eigenen inneren Uhr gestaltbar, heißt es weiter.

Bei allem Wunsch zu einem Ausbau der arbeitsintensiven Weidehaltung - ohne Ställe wird es in Zukunft auch in Deutschlands Landwirtschaft aber nicht gehen. Deshalb streben die Bundesländer Verbesserungen für die Stallhaltung an - bei Rindern, Schweinen und Geflügel vor allem, weil hier der größte Handlungsbedarf besteht. Denn klar ist: Mit Blick auf den EU-Binnenmarkt müssen die Landwirtschaftsbetriebe konkurrenzfähig bleiben - auch in der Oberlausitz. "Wir wollen die regionalen Vermarktungsketten fördern", benennt Schimke eine Prämisse des Ministers, "da haben wir nichts davon, wenn die regionalen Betriebe verloren gehen."

Zu den politischen und juristischen Auseinandersetzungen um den Herwigsdorfer Stall wollen sich weder Wolfram Günther noch der Ministeriumssprecher konkret äußern. Zum einen schlicht, weil das Ministerium in der Sache die falsche Adresse sei, zum anderen, weil der Minister im Amt nicht parteipolitisch agiere, wie es Landtagsabgeordneten wie beispielsweise Franziska Schubert freistehe. In dem Konflikt geht es im Kern ohnehin um einen schon länger währenden Streit und die Frage, wie sich die Tierhaltung mit den Rechten der Anwohner verträgt. Die generelle Kritik an der Art der Stallhaltung selbst flammte dabei zusätzlich verstärkt auf.

Die betroffenen Anwohner - die Bürgerinitiative "Lebenswertes Rosenbach" - haben deshalb gegen die Baugenehmigung des Landkreises für den Stall geklagt. Das Ansinnen ist im Eilverfahren inzwischen sowohl vom Verwaltungsgericht Dresden als auch von der höheren Instanz, dem Oberverwaltungsgericht Bautzen, abgewiesen worden. So steht nun das Hauptsacheverfahren vor dem Verwaltungsgericht Dresden im Raum. Aber bis das abgeschlossen ist, wird es dauern, skizziert die stellvertretende Pressesprecherin des Gerichtes, Carola Vulpius: "Die Hauptsachen dauern leider am Verwaltungsgericht fast immer mindestens zwei Jahre."

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