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„Gute Modelle werden nie fertig“

Der Schiffsmodellbau begeistert seit Jahrzehnten die Tüftler in der Station Weißwasser. Ein Werkstattbesuch.

Die Station Junger Naturforscher und Techniker in Weißwasser gibt es seit 1953. Der Schiffsmodellbau gehört zu den am längsten bestehenden AGs vor Ort. Emil Vogel (links) und Hartmut Noack begeistern sich für Technik und Details der Tugboats, an denen
Die Station Junger Naturforscher und Techniker in Weißwasser gibt es seit 1953. Der Schiffsmodellbau gehört zu den am längsten bestehenden AGs vor Ort. Emil Vogel (links) und Hartmut Noack begeistern sich für Technik und Details der Tugboats, an denen © Andreas Kirschke

In der Praxis kommen sie als Arbeits-Schiffe zum Einsatz. „Tugboats sind Schiffe mit leistungsstarker Antriebsanlage, die zum Ziehen und Schieben großer Schiffe im Hafen eingesetzt werden“, erläutern Emil Vogel (23) und Hartmut Noack (69), ehrenamtliche Betreuer der AG Schiffsmodellbau. Seit 2015 gehören sie zum Stamm der vier hauptamtlichen und 22 ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Station Junger Naturforscher und Techniker Weißwasser. Aus Sperrholz, Glasfaser und Epoxydharz bauen sie derzeit vier „Tugboats“.
„Unsere Station gibt es seit 1953. Außer Naturkunde gehört Schiffsmodellbau zu den am längsten bestehenden AGs vor Ort“, sagt Leiter Bernd Frommelt. Ehrenamtliche Kräfte wie Emil Vogel und Hartmut Noack sind für ihn unverzichtbar. Ersterer bringt jugendliche Neugier, Begeisterung, den Blick über den Tellerrand und Einsatzfreude mit. Hartmut Noack indes vereint Fachwissen, langjährige Berufserfahrung und Kreativität in sich. All dies wertschätzt Bernd Frommelt an den beiden Ehrenamtlern.

Berufserfahrung nutzt beim Hobby

Emil Vogel ist technischer Modellbauer für Gießereitechnik. In Krauschwitz bei Modell- und Formenbau Krahl erlernte er seinen Beruf. Seit der zweiten Klasse kam er als Schüler in die Station Weißwasser. In der AG Kreativwerkstatt konnte er sich ausprobieren und entwickeln. Bald baute er sein erstes Schiffsmodell. „Ein Modellbauer braucht Ausdauer, Sorgfalt und Fingerspitzengefühl“, meint der 23-jährige Weißwasseraner. Hinzu kommen technisches Verständnis, die Sensibilität für das Lesen technischer Zeichnungen, das Interesse für Holzbau, Elektrotechnik und Farbgebung. „All das ist wichtig. All das fließt zusammen“, meint Hartmut Noack. Der gebürtige Muskauer und heutige Krauschwitzer entdeckte seine Liebe zum Modellbau bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Dort leitete er jahrelang eine AG mit zehn Schülern im Alter von zwölf bis 15 Jahren.
Als Beruf erlernte Hartmut Noack zunächst Elektriker im Braunkohlenkombinat „Glückauf“ Knappenrode. Später arbeitete er in Berlin als Elektriker für Starkstromanlagen. Bis 1975 baute er die Blöcke 1-12, ebenso den Block 13 im Kraftwerk Boxberg mit auf. Seit 1975 war er im „Wissenschaftlich-Technischen Betrieb für Wirtschaftsglas“ (WTW) Bad Muskau tätig.
Das war in der DDR eine wichtige Forschungseinrichtung für die Glasindustrie. Hartmut Noack und seine Kollegen entwickelten und bauten elektronische Schaltungen. Sie betreuten sämtliche Glasbetriebe im Bereich Wirtschaftsglas der DDR. Noack war Elektromeister und Leiter der Werkstatt. „Das war eine spannende, sehr kreative Zeit“, entsinnt er sich.
Seit 1990 bis 2003 arbeitete er für BMTronic in Weißwasser. Unter anderem entwickelte er Steuerungen und Schaltschränke für die Glasindustrie. Seit 2003 kam Hartmut Noack bei der Firma LWN Lufttechnik Wilsdruff als Elektriker zum Einsatz. „Wir bauten prozesslufttechnische Anlagen für Kühlsysteme für den weltweiten Markt“, erinnert er sich. „Wie zuvor in Knappenrode, in Bad Muskau, in Boxberg und in Weißwasser konnte ich erneut viel Erfahrung sammeln“, erzählt er heute dankbar. Seine Begeisterung für Technik und seine handwerkliche Ader erbte er vom Vater. Zu Hause blieb kein Spielzeug ohne technische Zusätze. Spielzeugautos erhielten spontan kleine Beleuchtungen. Die Zeuke-Eisenbahn auf dem Dachboden wurde später auf dem Fußboden mit Landschaften, Gebirgen und Gebäuden ergänzt. Hartmut Noack baute später sogar kleine Radios aus alten Radio-Röhren. „Ich bin Autodidakt“, meint er. „Ich habe mir immer wieder viel angelesen und angearbeitet im Laufe der Jahre. Die Begeisterung hält bis heute an.“

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Medaillen bei Modellbau-WMs

Nach der Wende gründete Hartmut Noack mit fünf Mitstreitern den Schiffsmodellbau-Club Lausitz. Immer wieder wurden neue Modelle entwickelt, mit denen der Verein sogar an Weltmeisterschaften teilnahm. Drei Mal wurde er Vizeweltmeister, mehrere Male WM-Dritter. Die Jury bewertete vor allem Aufbau und Funktionsweise der Schiffsmodelle und achtete genau auf den Programm-Ablauf. „Gute Modelle brauchen Zeit. Gute Modelle werden nie fertig. Da gibt es immer wieder Ergänzungen“, sagt der 69-Jährige. „Ein anspruchsvolles Schiffsmodell braucht rund 3.000 Stunden Arbeit, es kostet mindestens 500 Euro. Wichtig ist, immer klein anzufangen.“
Mit sieben Jahren baute Hartmut Noack selbstständig sein erstes kleines Boot aus Kiefernrinde. Er setzte es auf dem Schlossteich im Fürst-Pückler-Park aus. Seine Tante schenkte ihm ein „Knatterboot“. Angetrieben wurde es durch Wasserdampf. „Das war für mich der Impuls für den Schiffsmodellbau“, sagt Hartmut Noack.
In der Station Weißwasser betreut Emil Vogel heute einen siebenjährigen Schüler. Aus Sperrholz entsteht nach und nach ein Dinosaurier. Der Schüler lernt richtig messen, sägen, feilen und kleben. Emil Vogel will ihn behutsam an den Schiffsmodellbau heranführen. Zugleich erstellt er derzeit einen Schiffsmodellbau-Kasten. Dieser dient als Anleitung für den kompletten Aufbau, für die Beplankung und Technik eines Schiffsmodells. „Die Kinder werden bereits nach kurzer Zeit fertig. So erfahren sie ein konkretes Ergebnis und Erfolgserlebnis. Das ist wichtig – gerade für den Anfang“, meint Emil Vogel. Das Schiffsmodell wird mit der CNC-Fräse ausgefräst. Der Modellbau-Kasten ist so ausgestattet und beschriftet, dass die Montage auch Schülern gelingt.
In Zeiten der Corona-Pandemie hatte Emil Vogel für Hartmut Noack einspringen müssen. Dieser gehört zur Risikogruppe und kann daher erst jetzt wieder regelmäßig in die Station kommen. Beide zusammen tüfteln an einer modernen Steuerung der Heizung der Bungalow-Siedlung auf dem Außengelände der Station. Die Bedienung soll künftig vom Smartphone aus möglich sein. Bedarfsgerechter und zielgerichteter kann die Station künftig ihre Bungalows beheizen.

30 Jahre Tüftelei an einem Boot

Offen sind die beiden Ehrenamtler für die Zusammenarbeit mit Schulen. Erst im Februar gab es ein Projekt mit der Freien Alternativschule Weißwasser. Schüler bauten dabei akribisch ein kleines „Knatterboot“. „Sie bekamen ein erstes Erfolgserlebnis“, unterstreicht Hartmut Noack. Er selbst baut und tüftelt derweil zu Hause weiter. Seit über 30 Jahren baut er zum Beispiel am Modell „Feuerlöschboot Duisburg“. Dessen Rumpf besteht aus Glasfaser, der Rest mit den Aufbauten aus Messing, Sperrholz und Draht. „Das Einzige, was noch fehlt, ist die Ankerwinde“, sagt der 69jährige Krauschwitzer. „Die will ich noch schaffen. Ich habe auch noch einige Schiffsmodelle zum Restaurieren und zum Fertigstellen. Dazu gehören unter anderem die Seenotkreuzer „Adolph Bermpohl“ und „Berlin“ mit den kleineren Tochterbooten.“

Die AG Schiffsmodellbau trifft sich dienstags 15-17 Uhr. Mitstreiter sind herzlich willkommen. Ansprechpartner sind Waldemar Klatt, Hartmut Noack und Emil Vogel.

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