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Als die DDR die BRD besiegte

Das Hockey-Team aus dem Osten spielt bei Olympia 1964 in Tokio. Was das mit einem Dresdner Verein zu tun hat - ein Zeitzeuge erzählt.

Ein Bild mit begehrten Autogrammen: Das sind die DDR-Hockey-Helden der Sommerspiele 1964 in Tokio, darunter die beiden Dresdner Dieter Ehrlich (hinten in der Mitte) und Klaus Träumer (vorn rechts).
Ein Bild mit begehrten Autogrammen: Das sind die DDR-Hockey-Helden der Sommerspiele 1964 in Tokio, darunter die beiden Dresdner Dieter Ehrlich (hinten in der Mitte) und Klaus Träumer (vorn rechts). © RKK/privat

Dresden. Der Rasen macht einen guten Eindruck, die reparierten Tore stehen bereit. Derzeit wird aber auf dem Platz des Pillnitzer Hockeyvereins weder gespielt noch trainiert. Deshalb bietet sich ein Blick in die Geschichte dieses traditionsreichen Dresdner Klubs an, dessen beste Spieler einst über die Leistungszentren in Jena und Leipzig zu Nationalspielern aufstiegen.

Die DDR-Auswahl gehörte damals zu den besten Mannschaften der Welt – und ein Dresdner Duo dazu: Dieter Ehrlich und Klaus Träumer. Ehrlich, geboren 1941 in Dohna, starb vor einigen Jahren. Träumer, Jahrgang 1940, ist unauffindbar auch für seinen früheren Mitstreiter Dieter Lorenz. Er kam im Sommer 1947 zur Welt, war für Olympia 1964 zu jung. Als Zeitzeuge erinnert er sich jedoch gut. „Dieter und Klaus gingen als Teenager nach der Schule und Lehre nach Jena“, sagt Lorenz, auch er ein DDR-Nationalspieler. „Wer im Nationalteam spielen wollte, der musste zu einem Sportclub.“

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Lorenz erinnert sich auch noch gut an die entscheidenden Duelle gegen die BRD. Ost und West spielten darum, wer die gesamtdeutsche Auswahl bei den Spielen 1964 im Hockey vertritt. Nach den ersten zwei vereinbarten Partien gab es keinen Gewinner. Beide Seiten einigten sich auf eine neue Runde. Die DDR siegte im Hinspiel in Jena. Das Rückspiel in Westberlin endete remis. Mit den 18 Akteuren stellte die DDR 194 Athleten in Tokio, die BRD nur 177 in der gesamtdeutschen Mannschaft. Das war mindestens schon ein Prestigeerfolg.

Ein Unentschieden gegen Olympiasieger

Dabei sollte es nicht bleiben, denn das Hockey-Team belegte in Tokio ungeschlagen Platz fünf und trotzte Olympiasieger Indien ein Unentschieden ab – der größte Erfolg dieser Sportart im Osten. „Die Duelle gegen den Westen waren die emotionalen Höhepunkte und die DDR-Spieler unsere Helden“, sagt Lorenz.

Er ging nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem neun Jahre älteren Bruder zum Hockey. „Für uns gab es nichts anderes.“ Das Spiel sei auch aufgrund der Erfolge und Auswärtsfahrten wie nach Bautzen, Freiberg oder Niesky attraktiv und lukrativ gewesen. Dabei fällt ein Name immer wieder: Richard Ulbricht. Er war der Hockey-Vater. Seine Schützlinge gewannen 1952 als Kinder und zwei Jahre später als Jugendliche die DDR-Meisterschaft. Er gründete 1955 den Verein und weihte den Naturrasenplatz unterhalb der Weinberghänge ein. „Die Eltern wussten, dass ihre Kinder bei ihm gut aufgehoben sind“, meint Lorenz.

Sie trainierten dienstags und donnerstags je fünf Stunden. „Wir achteten besonders darauf, dass die Bälle nicht in die Elbe fielen, da es nicht viele gab.“ Ehrlich und Träumer fielen auf. „Die Jungs konnten mit dem Schläger umgehen, den Ball ordentlich passen, spielen und stoppen.“ Lorenz spricht vom Anreiz und Ehrgeiz, sich mit den Besten in der eigenen Mannschaft messen zu können.

Außerdem war die Ablenkung nicht so groß – bis auf Mädels und Mopeds. Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Die Männer stiegen 1958 in die Oberliga, die höchste Spielklasse der DDR, auf. Die Jugend holte bis 1965 sechsmal den DDR-Meistertitel. Lorenz ging 1966 als Letzter aus Pillnitz weg und nach Leipzig. 1967 folgte eine Knie-Operation. Ein Jahr später bereiteten ihm die Mandeln Beschwerden. Olympia 1968 in Mexiko fand ohne ihn statt – die zweiten und nach Rang elf auch letzten Sommerspiele für eine DDR-Hockey-Auswahl.

Das Spielfeld ist ein Alleinstellungsmerkmal

Klaus Pietzsch gehört zu denen, die Hockey in Dresden am Laufen halten - und das schon seit 1975.
Klaus Pietzsch gehört zu denen, die Hockey in Dresden am Laufen halten - und das schon seit 1975. © Steffen Unger

1969 bedeutete der Leistungssportbeschluss des Deutschen Turn- und Sportbundes das Aus für Hockey auf Weltklasse-Niveau im Osten. Die beste Phase war zu Ende – auch für Lorenz. Er bestritt in jenem Jahr seine einzigen beiden Länderspiele.

1970 starb Richard Ulbricht, der immer für einen Spruch gut war. „Gut gefrühstückt, ist halb gewonnen“, bringt Lorenz ein Beispiel. In Pillnitz machten sie in seinem Sinne weiter. „Das hängt immer an ein paar Personen“, sagt Klaus Pietzsch, der als einer der Nachfolger von Ulbricht ab 1975 ein Aktivposten war und es weiter ist.

„Wir haben uns immer irgendwie durchgewurschtelt“, betont Pietzsch. Er nennt die Wende 1989 und die Elbeflut 2002 als Beispiele, wie sie Herausforderungen gemeistert haben. Der 71-Jährige sieht den Verein auch jetzt und trotz der Corona-Krise gut aufgestellt – und das nicht nur wegen des 2019 fertiggestellten neuen Funktionsgebäudes. Pietzsch hebt zwei Punkte hervor: die Nachwuchsarbeit und den Naturrasen. „Wir haben wieder starke Knaben – qualitativ und quantitativ.“ Pillnitz bleibe eine Talenteschule. Er spricht von etwa 100 Mitgliedern, darunter rund zwei Drittel aus dem Nachwuchs.

„Und das Spielfeld ist unser Alleinstellungsmerkmal in Sachsen.“ Pillnitz trete als einziger Verein im Freistaat noch auf Naturrasen an. „Da sind wir die Exoten.“ Er findet Hockey auf Kunstrasen einfacher. Das anspruchsvollere Spiel auf Naturplätzen könnte ein Grund für die starken Knaben sein – so wie in den 1960er-Jahren, als die Sportart in der DDR ihre beste Zeit erlebte. Doch daran, Nationalspieler oder sogar Olympiateilnehmer herauszubringen wie damals, denken weder Lorenz noch Pietzsch. Für sie geht es wie für Maik Weber, den jetzigen Vorsitzenden, vor allem darum, die Freude an diesem besonderen Sport in Dresden an die nächsten Generationen weiterzugeben.

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