merken
PLUS

Leben und Stil

„Ich bin mehr als eine Kleidergröße“

Jeder vierte fühlt sich wegen seines Körpers diskriminiert. Auch Tanja Marfo, Kleidergröße 54. Wie sie anderen zu einem positiven Selbstbild verhelfen will.

Mit einer Größe von 1,86 Meter konnte sich Tanja Marfo nie gut verstecken. Und heute will das die 40-jährige Modebloggerin aus Hamburg auch nicht mehr. Doch sie musste erst lernen ihren Körper zu akzeptieren.
Mit einer Größe von 1,86 Meter konnte sich Tanja Marfo nie gut verstecken. Und heute will das die 40-jährige Modebloggerin aus Hamburg auch nicht mehr. Doch sie musste erst lernen ihren Körper zu akzeptieren. © Anna Lena Gerharz

Fette Sau, du bist hässlich: Solche Beleidigungen hat Tanja Marfo schon in ihrer Jugend gehört. Denn ihr Körper weicht in den Augen vieler von der Norm ab. Jedem vierten Deutschen geht es ähnlich. Laut einer repräsentativen Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov ist ein Viertel der Bevölkerung ab 18 Jahren bereits zum Opfer von Body Shaming geworden, also der Diskriminierung aufgrund von Äußerlichkeiten. Frauen sind noch häufiger betroffen. Als Gründe nennt die Mehrheit ein zu geringes Selbstbewusstsein und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Gegen beides kämpft Marfo an. Sie bloggt zum Thema große Größen und macht sich seit Jahren für ein positives Sprechen über Körper stark. Warum sie Diäten krankhaft findet und wie sie gelernt hat, sich zu akzeptieren, verrät sie im Interview.

Frau Marfo, Sie tragen Kleidergröße 54 und kommen gerade von der Berliner Fashion Week. War Ihr Frauentyp auf dem Laufsteg präsent?

Anzeige
Mit uns geht deine Ausbildung hoch hinaus

Für das Ausbildungsjahr 2020/21 suchen wir Hochbaufacharbeiter/in in der Fachrichtung Beton- und Stahlbaubauer.

Nein, Plus Size ist auf der Fashion Week nicht sichtbar. Für eine der wichtigsten Modemessen ist das erschreckend. Der Trend geht wieder zu sehr androgynen Modellen, die kaum Brust haben. Ich weiß nicht, ob sich Deutschland das im internationalen Modevergleich erlauben kann. Die Schau wirkt abgehängt. In New York spielt Diversität, also Vielfalt, wozu auch Plus-Size gehört, längst eine sichtbare Rolle. Hier laufen Modelle mit großen Größen, ältere Modelle oder solche mit einer Beinprothese. 2018 habe ich eine Plus-Size-Lounge auf der Fashion Week veranstaltet, jetzt überlege ich, wie wir das fortsetzen könnten.

Wo fängt Plus-Size eigentlich an?

Für den Verbraucher beginnt eine große Größe gefühlt bei der Konfektion 46 oder 48, in der Branche ist bereits die Größe 38 Plus-Size. Nach oben gibt es keine Grenzen.

Sie setzen sich für das Thema Body Positivity ein. Was ist damit gemeint?

Für mich ist das ein neutraler Begriff, der für ein positives Körpergefühl plädiert. Wenn wir über Körper sprechen, dann meist negativ. Zu dick, zu untrainiert, falsche Proportionen. Body Positivity will ein Anders-Denken und -Sprechen über Körper erreichen, in dem Sehgewohnheiten geändert werden – hin zu einem diversen Schönheitsideal. Egal, ob große, kleine, dicke, dünne, farbige oder eingeschränkte Körper. Viele Menschen denken, dass sich gerade dicke Menschen hinter Body Positivity verstecken, um essen zu können, was sie wollen. Dass sie sich darauf ausruhen. Aber das ist unfair. Es geht darum, bewusst zu machen, wie vielfältig Gesellschaft ist.

Können Sie ein Beispiel für das Schlechtreden des Körpers nennen?

Jetzt zum Jahresbeginn wird uns wieder stetige Optimierung vorgeschlagen. Zeitungen und Magazine sind voll mit Diäten. Das ist eine Fokussierung aufs Negative. Viele Frauen assoziieren mit Diäten das Gefühl, nicht gut genug zu sein und an sich arbeiten zu müssen. Diese Fixierung auf das Körperliche hat etwas Krankhaftes.

Sie selbst haben mit 13 Jahren mit Diäten angefangen. Bis heute kämpfen Sie mit den Folgen einer Essstörung. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich war immer mollig, hatte seit der Jugend Selbstzweifel und fühlte mich wie viele Mädchen minderwertig. Ich war in einem ständigen Diätkreislauf zwischen ab- und zunehmen gefangen. Daraus hat sich eine Essstörung entwickelt. Nur ein extremes Beispiel ist Heilfasten. Hier habe ich komplett auf Essen verzichtet und sehr schnell abgenommen. Unter dem Deckmantel der Heilung ging es mir nur darum, Gewicht zu reduzieren. Ich sagte schon, dass ich diese Fixierung auf den Körper krankhaft finde. Ich möchte mich jetzt ausgewogen ernähren. Als Nebeneffekt wird sich dann zwangsläufig das Gewicht einpendeln.

Sind Sie mit Ihrem Körper zufrieden?

Ich würde gern zwei Größen kleiner tragen, aber ich mache mich davon nicht abhängig. Ich bin mehr als eine Kleidergröße. Ich gehe auch nicht auf die Waage, weil ich mir die Laune nicht von einer Zahl diktieren lasse. Mir geht es darum, gesund und fit zu sein und mich wohlzufühlen.

Das war nicht immer so. Welche Erfahrungen haben Sie mit Body Shaming?

Ich denke, solche Erfahrungen hat jeder. Wir alle wissen, dass Schule grausam sein kann. Mal werden die Dicken gehänselt, mal die Dünnen, dann die mit dem großen Leberfleck. Trotzdem gab es so massives Mobbing wie heute nicht zu meiner Schulzeit. Bei mir fielen Sprüche wie „Fette Sau“ oder „Deutsche Panzer rollen wieder“, aber ich hatte Freunde, die mich gestärkt haben. Da ich immer mit dieser Körperlichkeit gelebt habe, habe ich eine Stärke entwickelt. Für viele ist die Erfahrung des plötzlichen Zunehmens – sei es krankheitsbedingt, durch Medikamente oder eine Schwangerschaft wie bei mir auch – schwierig. Da entwickelt sich ein Selbsthass gegen den Körper, das kenne ich von vielen Frauen.

Wie haben Sie zu einem positiven Selbstbild gefunden?

Es klingt banal, fängt aber damit an, einen Schalter im Kopf umzulegen. Meditation hat mir geholfen. So lernt man, Stille auszuhalten, achtet auf den eigenen Atem, schaltet kreisende Gedanken ab. In meinen Selbstliebe-Seminaren mache ich auch diese Übung: Die Teilnehmer schreiben alle negativen Gedanken über sich auf. Da stehen dann Dinge wie „Ich bin hässlich“ oder „Ich kann mich nicht lieben“. Daraus formen wir etwas Positives. Zum Beispiel: „Ich bin bereit, mich zu lieben“. Es kann auch helfen, sich vor den Spiegel zu stellen und sich positive Dinge zu sagen: „Ich bin mehr als eine Kleidergröße“, „Ich bin eine tolle Frau“, „Ich bin eine gute Mutter“. Oder man notiert fünf Minuten täglich, wofür man dankbar ist. Das hilft zu verstehen, dass man mehr als eine Hülle ist.

Gerade in diesem Punkt wird Body Positivity auch kritisiert: Die Bewegung reduziere Frauen wiederum nur auf ihren Körper und Äußerlichkeiten?

Das ist ein Missverständnis. Es geht darum, zu lernen, positiv über Körper zu sprechen. Das passiert noch zu wenig. Auch Plus-Size ist noch negativ besetzt. Es gibt in Deutschland nur ein Magazin für kurvige Frauen. In Katalogen ist außerdem nur das Standardmaß, die Mustergröße abgebildet. Also maximal eine 38er-Konfektion. Bei großen Modeketten wird Plus-Size in die hinterste Ladenecke oder sogenannte Concept Stores verbannt oder ist nur im Onlineverkauf zu finden. Viele Läden scheinen nach wie vor einen Imageschaden zu fürchten, wenn sie Größen bis 5XL anbieten würden.

Verschleiert Body Positivity Gesundheitsgefahren durch Übergewicht?

Jeder Mensch ist selbst verantwortlich für seinen Körper. Diese Freiheit will ich keinem nehmen. Ich sage ja auch nicht jedem Raucher, dass er aufhören soll, weil so sein Krebsrisiko sinkt. Gesund und fit zu sein, ist trotzdem wichtig. Das gilt unabhängig vom Gewicht. Ich gehe zum Beispiel ins Fitnessstudio und schwimme regelmäßig.

Auf Sat.1 läuft jetzt montags, 20.15 Uhr das Selbstliebe-Experiment „Nobody is perfect“. Die meist übergewichtigen Kandidaten sollen lernen, ein positives Körpergefühl zu entwickeln – indem sie und die Coaches nackt sind. Was halten Sie davon?

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Wie Sachsens Biggest Loser 100 Kilo verlor

Show-Gewinner Mario Pohl verrät, wie er in kurzer Zeit so viel abnahm und ob er jetzt sein Gewicht hält. Teil 3 der SZ-Diätserie.

Symbolbild verwandter Artikel

Wie Hormone unser Gewicht beeinflussen

Neue Forschungen zeigen: Übergewicht hat nicht nur mit mangelnder Selbstbeherrschung zu tun. Teil 4 der SZ-Diätserie.

Die Sendung ist sehr extrem und polarisiert, weil auch alle Coaches übergewichtig und dauerhaft nackt sind. Ich fände es toll, wenn die Jury diverser besetzt wäre – zum Beispiel mit einer farbigen oder schlanken Person. Ich wurde auch für die Sendung angefragt, habe aber ein Problem mit dieser Freizügigkeit. Ich habe einen Sohn im Teenageralter und damit eine andere Verantwortung. Generell spielt die Body-Positivity-Bewegung viel mit Nacktheit, was ich nicht unproblematisch finde. Auf der einen Seite muss es so sein, damit Sehgewohnheiten aufbrechen, andererseits ist mir das zu intim. Ich wünsche mir, auch anders gesellschaftliche Toleranz und Öffnung gegenüber diversen Körpern zu erreichen.

Das Gespräch führte Melanie Schröder.