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"Bauern bekommen die Preise diktiert"

Hagen Stark erklärt, warum so viele Bauern bei "Land schafft Verbindung" mitmachen, was sie so richtig ärgert und wann die nächste Aktion geplant ist.

Hagen Stark ist beim Verein "Land schafft Verbindung" aktiv. Der Landwirt und Tierarzt hat auch den Trecker-Flashmob am 18. Dezember mitorganisiert, wo das Bild entstanden ist.
Hagen Stark ist beim Verein "Land schafft Verbindung" aktiv. Der Landwirt und Tierarzt hat auch den Trecker-Flashmob am 18. Dezember mitorganisiert, wo das Bild entstanden ist. © Hagen Stark

Der Initiative "Land schafft Verbindung" haben sich im vergangenen Jahr in der Oberlausitz zahlreiche Landwirte und Mitarbeiter von Agrarunternehmen angeschlossen. Auch der Kemnitzer Tierarzt und Landwirt Hagen Stark. Er ist inzwischen sogar stellvertretender Vorsitzender in Sachsen und rührt vor allem in Ostsachsen die Trommel - egal, ob Landmaschinen-Korso vor dem Landratsamt, Traktorendemo in Berlin oder Trecker-Flashmob in Zittau.

Herr Stark, wie war das Bauernjahr 2019?

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Angefangen hat es mit guten Hoffnungen und Erwartungen, es hatte ja geregnet. Die Ernte war dann durchschnittlich gut. Aber ab Mitte Sommer bis in den Herbst setzte eine extreme Trockenheit ein, die für die neue Aussaat und die Futtermittelproduktion sehr schwierig war. Normalerweise hat ein Betrieb immer ein Viertel bis die Hälfte der Futtermittel in Reserve. Doch die Trockenheit und Hitze 2018 hat bei vielen alles aufgebraucht. Das war 2019 nicht wieder auszugleichen. Hinzu kommt, dass auch der Milchpreis das ganze Jahr über schwierig war: Zum Jahresbeginn lag er noch knapp über 30 Cent, danach - bis jetzt - dauerhaft unter 30 Cent pro Liter. Das ist über eine so lange Zeit zu wenig.

Andere Jahre waren auch durchwachsen. Warum haben sich gerade 2019 so viele Bauern zusammengeschlossen?

Das liegt ganz klar am neuen Agrarpaket, das verabschiedet werden soll und der darin angestrebten, erneuten Verschärfung der Düngemittelverordnung.

Dabei geht es um zu hohe Nitratwerte im Grundwasser - ein Problem, das die Oberlausitz doch gar nicht betrifft, oder?

Es ist tatsächlich so, dass das hier nicht das Problem ist, die Werte liegen im grünen Bereich. Aber schon in Nordwest- und Mittelsachsen und vor allem in den westdeutschen Bundesländern sieht das ganz anders aus. Was uns aber alle - unabhängig vom Grad der Betroffenheit - aufregt, ist, dass die Politik Fehler gemacht hat und wir als Bauern das ausbaden sollen. Durch die Verschärfung der Düngemittelverordnung dürfen Bauern in problematischen Gebieten 20 Prozent weniger düngen als normal. Und im Jahr danach müssen sie sich an den Erträgen aus dem Vorjahr orientieren - da droht eine Abwärtsspirale bei Ertrag und Qualität.

Wo liegt der Fehler? Bei der EU, die ein Verfahren gegen Deutschland wegen zu hoher Werte eingeleitet hat?

Nein, in Deutschland. Die EU hat klar vorgegeben, unter welchen Bedingungen gemessen werden soll und Durchschnittswerte der Jahre 2004 bis 2016 eingereicht werden müssen. Das ist so unseres Wissens nach nicht passiert. Stattdessen wurden beispielsweise in Brandenburg nur die drei Prozent der Messstellen mit negativen Werten gemeldet, was das Bild völlig verzerrt. Jetzt gibt die EU aber nicht mehr nach und geht von den gemeldeten Werten aus. Bildlich gesprochen ist es jetzt so, als ob 20 Kinder in einer Klasse Diät halten müssen, nur weil drei von ihnen zu dick sind.

Aber sollte man nicht etwas gegen Überdüngung tun?

Klar muss man da etwas tun! Wir Landwirte wollen die Umwelt schützen, wir sind für Insektenschutz, wollen keine Tiere quälen und das Land nicht verpesten. Wir wollen nachhaltig wirtschaften, weil wir mit der Natur leben. Ich finde das Wort Pestizid zum Beispiel nicht richtig: Wir nutzen Pflanzenschutzmittel, beispielsweise Fungizide, die alle in Deutschland und der EU zugelassen sind. Die setzen wir durch die moderne Technik sehr gezielt ein. Das ist wie Medizin: Die ist sehr teuer und wird nicht mit der Gießkanne in Massen verteilt. Und mit Dünger ist es dasselbe - auch der kostet viel Geld. Wer spritzt denn da unnötig? Mich ärgert sehr, dass wir immer als Agrarfabriken bezeichnet werden - das ist ein falsches Bild.

Sie kritisieren hohe Standards in Deutschland - beim Tierwohl beispielsweise. Warum?

Wir sind nicht dagegen, dass es den Tieren gut oder noch besser geht. Nur dann können beispielsweise Milchkühe gute Leistung bringen. Was wir kritisieren, ist, dass manche Vorschriften sehr hart sind - aber eben nur in Deutschland. Es müsste eine EU-weite Regelung geben und eigentlich auch einen Außenschutz für unsere Erzeugnisse, damit wir keinen Nachteil durch die strengeren Regeln haben. Darum geht es auch beim Mercosur-Handelsabkommen, das die Bundesrepublik anstrebt: Dabei sollen die Importhürden für Rindfleisch aus Südamerika sinken. Dass die Tiere dort mitnichten nach unseren Standards gehalten werden und sogar Regenwald abgeholzt wird, um Platz für die Viehherden zu schaffen, ist da plötzlich nicht wichtig. An dem Tag, als bekanntgegeben wurde, dass das Abkommen kommen wird, sind die Kälberpreise bei uns deutlich gefallen.

Apropos Preise: Können die Bauern eigentlich den Preis ihrer Ware selbst aushandeln?

Nein, im Grunde nicht wirklich, man bekommt von allen Seiten die Preise diktiert: Bei der Milch ist es in meinem Fall derzeit so: Einen Tag vor Monatsende bekommen wir mitgeteilt, was uns die Molkerei für den kommenden Monat zahlen wird. Dann erhalten wir 75 Prozent der Summe Ende des jeweiligen Monats - also zum Beispiel am 25. Januar und den Rest dann Mitte des nächsten Monats. Einige Erzeugermeinschaften versuchen seit einiger Zeit mit den Großabnehmern zu verhandeln, das ist mühsam, zeigt aber erste kleinere Erfolge. Bei Getreide gehen die Bauern in der Regel im Vorfeld Kontrakte ein und müssen dann auch liefern. Oder sie entscheiden je nach Preis an der Börse, ob und wann sie verkaufen.

Welche Chancen rechnen Sie "Land schafft Verbindung" dauerhaft aus - das ist eine sehr inhomogene Gruppe und auf Bundesebene gibt es Spaltungstendenzen.

Das sehe ich nicht als Problem oder als Gefahr. Und dass bei uns Biobauern und konventionell arbeitende Betriebe Mitglied sind, sehe ich als Stärke. Wir haben inzwischen generell demokratische Strukturen eingeführt und organisieren uns momentan vor allem über WhatsApp-Gruppen. Da gibt es zum Beispiel eine Gruppe für die gewählten Sprecher der Länder auf Bundesebene. Wenn dort etwas entschieden ist, wird das in die anderen Gruppen weiter getragen. In Sachsen sind wir inzwischen auch als Verein organisiert und nehmen nun Mitglieder auf - um die 50 sind es bislang.

Das klingt, als ob "Land schafft Verbindung" eher eine Sache der jüngeren Landwirte ist?

Ja, das ist es tatsächlich. Ich bin mit 51 schon einer der Oldies. Das merkt man auch daran, wie sich die Mitstreiter untereinander vernetzen, wie sie kommunizieren und die Technik nutzen.

Was haben Sie als nächstes vor?

Am 17. Januar wird sich der Bundesrat das erste Mal mit dem Agrarpaket befassen. Eigentlich sollte das ja in den Bundestag, aber das wollte die Bundesregierung wohl umgehen. Außerdem startet am 18. Januar die Grüne Woche in Berlin und es sind Aktionen gegen die Bauern angesagt. Deshalb werden wir uns am 17. zu Wort melden - wie genau wird noch entschieden.

Was versprechen Sie sich vom neuen sächsischen Landwirtschaftsminister - erstmals ein Grüner?

Das wird sicher eine Herausforderung für uns Bauern. Gegen das Ziel der Grünen, die Umwelt zu schützen und zu bewahren, haben wir ja nichts. Es geht eher um die Frage nach dem Weg dorthin. Wir haben Wolfram Günther, den neuen Landwirtschaftsminister, schon eingeladen. Bislang haben wir noch keine Antwort erhalten, aber er ist ja erst kurz im Amt. 

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