merken
PLUS Görlitz

"Ja, wir trauen uns die Görlitzer Stadthalle zu"

Der Kulturservice ist als Betreiber im Gespräch. Das Bauwerk ist sehr umstritten. Warum Maria Schulz und Benedikt Hummel die Wiederbelebung wollen.

Benedikt M. Hummel und Maria Schulz, Geschäftsführer des Görlitzer Kulturservice, in der Stadthalle. Maria Schulz hat hier noch getanzt. Als eine der letzten. Vor 15 Jahren wurde das Haus geschlossen.
Benedikt M. Hummel und Maria Schulz, Geschäftsführer des Görlitzer Kulturservice, in der Stadthalle. Maria Schulz hat hier noch getanzt. Als eine der letzten. Vor 15 Jahren wurde das Haus geschlossen. © Nikolai Schmidt

Auch wenn das Altstadtfest ausfällt, Däumchen dreht der Kulturservice Görlitz nicht. Die städtische Gesellschaft ist nicht nur für viele Feste und Veranstaltungen in Görlitz zuständig. Voraussichtlich soll sie auch den Betrieb der Stadthalle übernehmen. Kaum ein Thema, das so umstritten ist in Görlitz - bis hin zur Grundsatzfrage: Soll die Stadthalle wiederbelebt werden oder nicht? Scheint auch eine Altersfrage zu sein. Ältere, die das Haus kennen, sind eher dafür. Jüngere haben vielleicht andere Orte gefunden. Maria Schulz und Benedikt M. Hummel sind die Geschäftsführer des Görlitzer Kulturservice. Mit 36 und 39 Jahren gehören sie zu denen, die die Stadthalle nicht in ihren Hochzeiten kennen. Warum sie trotz aller Debatten die Betreiber sein wollen, erklären sie im SZ-Gespräch. 

Frau Schulz, Herr Hummel, warum setzen Sie sich für eine Wiederbelebung ein?

Anzeige
Krankenschwester/-pfleger (m/w/d) gesucht
Krankenschwester/-pfleger (m/w/d) gesucht

Die Orthopädischen Werkstätten Görlitz suchen zur Verstärkung des Teams suchen eine/n examinierte/n Krankenschwester/-pfleger (m/w/d).

Benedikt Hummel: Ich glaube, dass die Stadt Görlitz einen Ort braucht, wo sich die Stadtgesellschaft trifft. Wir haben viele Veranstaltungsorte, die aber alle gewisse  Zielgruppen haben. Es sind keine Orte, wo man sich unabhängig von kulturellen Interessen trifft. Wir haben in den vergangenen ein, zwei Jahren viel über gesellschaftliche Risse gesprochen. In dem Kontext ist solch ein Ort wichtig. Ein zentraler Punkt für das Gesamtgesellschaftliche, ob es der Tanzball oder die Abifeier ist. Natürlich sind Ältere mehr für die Stadthalle, weil sie sie noch kennen. Die so begeistert von Veranstaltungen dort sprechen, waren damals so alt wie wir jetzt. Wenn das Haus offen ist, wird eine neue Erlebnisgeneration heranwachsen, die genauso begeistert sein wird.

Maria Schulz: Der Punkt ist für mich: Die Halle ist da. Es hängen unheimlich viele gute Erinnerungen daran. Wenn man bedenkt, was in diesem bedeutenden Haus schon alles passiert ist - man muss etwas damit machen. Wenn wir in die ganz negativen Zeiten zurückgehen, sind es auch schwierige Bausteine, die genauso reflektiert werden müssen. Wie Goebbels Rede kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in der Stadthalle. Mit allen Facetten, diese Halle ist unser kulturelles Erbe.

Frau Schulz, Sie stammen aus Görlitz. Haben Sie noch persönliche Beziehungen zur Stadthalle? 

Maria Schulz: Ich hatte dort meinen Abiball. Ja, wenn ich vor Ort bin, sehe ich mich dort tanzen und habe meine Eltern vor Augen, die von den legendären Faschingsbällen schwärmen. Mein Großvater war selbst als Musiker in der Stadthalle aktiv.

Hummel: Das klingt für Kritiker so lax: die schöne Erinnerung. Aber es ist viel mehr, ein Stück Identifikation. Aber ich glaube, dass wir die Halle auch wirtschaftlich brauchen. Als ein Investment in kulturelle Infrastruktur. Das kostet immer. Aber eine Straße, die ein Industriegebiet erschließt, kostet auch Geld. 

Wir sprechen aber nicht von einer Straße, sondern allein für Sanierung und Planung der Stadthalle von 40 Millionen Euro.

Hummel: Es muss Ziel sein, dass wir auch Geldkreisläufe in die Stadt bekommen, die wir momentan nicht haben. Wir müssen neue Zielgruppen erschließen. Wenn man schaut, was sich derzeit in der Stadt entwickelt – der Siemens-Innovationscampus, das Casus-Institut: Die brauchen auch Orte, wo sie sich treffen oder tagen können. Und im Unterhaltungssektor bietet die Halle eine für Görlitz neue Größe.

Schulz: Die Wirtschaftlichkeit später ist der Grund dafür zu sagen, man muss den späteren Betreiber so früh wie möglich mit ins Boot holen. Wir halten uns ja nicht die Ohren zu, ohne an die Folgekosten zu denken. Durch andere Projekte, wie das Lausitzfestival oder den Kunstzug, die über die Stadt hinausgehen, konnten wir uns ein großes Netzwerk aufbauen und über den Tellerrand schauen. Man spricht mit anderen Veranstaltern und Hallenbetreibern, sieht, wie andere das machen. Wir sehen auch die Risiken. Deshalb ist es wichtig, die Fragen der Fachplaner für die Stadthalle so zu beantworten, dass der Betreiber am Ende mit dem Haus bestmöglich arbeiten kann.

Hummel: Damit versuchen wir, jetzt die Grundlagen zu setzen, damit die Halle später gut zu vermieten ist und die Folgekosten möglichst niedrig bleiben. 

Kann man eine solche Halle wirtschaftlich betreiben oder wird sie immer ein Zuschussgeschäft sein?

Hummel: Wir müssen sie wirtschaftlich betreiben. Aber sie wird immer einen Zuschuss brauchen. Die Halle ist auch für gesellschaftliche Veranstaltungen gedacht. Die sind anders zu betrachten als Kongresse. Außerdem haben wir auf dem Veranstaltungsmarkt andere finanzielle Rahmenbedingungen als eine Metropole, das ist auch zu bedenken. Zurück zum Bild der Straße: Deren Unterhalt kostet auch. Aber in der Kultur wird es immer negativ eingeordnet, wenn Dinge Geld kosten. Dabei wird übersehen, dass damit auch Einnahmen wie etwa zusätzliche Übernachtungen in der Stadt kommen. Aber das ist schwer messbar. In dieser ganzen Zuschussdebatte jetzt ging es auch immer um die Frage, was bedeutet die Stadthalle für andere freiwillige Aufgaben, wie Museum oder Straßenbahn? Ist auch richtig. Aber ich bin dringend dafür, dass die Stadthalle überhaupt einen Platz in dieser Diskussion bekommt. Wir können nicht von vornherein sagen: Das sind jetzt die freiwilligen Bereiche und die Stadthalle lassen wir außen vor, wie es jetzt auch Kritiker vorgeschlagen haben. Das halte ich für unverantwortlich. 

Dass sie bei der Sanierung der Halle mit im Boot sein werden, wurde im jüngsten Stadtrat beschlossen. Vorher gab es Diskussionen, angestoßen von fünf Stadträten, ob man mit der Stadthalle nicht bis nach der Corona-Krise pausieren soll. Wie haben Sie das wahrgenommen? 

Hummel: Ich war froh, dass die fünf Stadträte sich positioniert haben. Man merkte schon, dass sie nicht dafür sind. Aber in Gesprächen hieß es immer: "Ich bin weiß Gott auch nicht dagegen." Jetzt haben wir eine klare Position. Corona hätte es dafür nicht unbedingt gebraucht. Ich teile die Meinung nicht, aber es ist legitim zu sagen: Ich will nicht, dass noch ein Projekt in das Portfolio der freiwilligen Aufgaben der Stadt kommt. Wir sind uns bewusst, dass kaum ein Thema solche Debatten aufbringt wie die Stadthalle. 

Schulz: Verwundert war ich über den Zeitpunkt. Die Grundsatzfrage – Stadthalle ja oder nein – ist ja beschlossen. Vor einem Monat wurden die Leistungen an die Planer vergeben. Man hätte die Debatte auch da aufmachen können. Vielleicht gibt uns das jetzt aber die Möglichkeit, unsere Pläne darzustellen.

Sie sprechen die Debatten um die Stadthalle an. Trauen Sie sich den Betrieb zu?

Schulz: Ja. Wir trauen uns das zu, wenn wir bereits jetzt in die Sanierungsphase, bei wesentlichen Planungs- und Ausstattungsentscheidungen mit einbezogen werden. Mit mehr Personal an unserer Seite, damit wir die Ressourcen haben, uns tief hineinzudenken. Und um diesen Punkt geht es aktuell: Wir sollen bis zum vierten Quartal ein Betreiberkonzept vorlegen, auf dessen Grundlage dann der Stadtrat über die Betreibung der Stadthalle entscheiden soll. Eine solche Frage können wir nur entscheiden, wenn wir wissen, worauf wir uns einlassen. 

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Görlitz