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Glutofen Görlitz: Was tun gegen Hitze in der Stadt?

Die Hitzefotos rütteln die Politik auf. Stadträte schlagen vor, auf dem Obermarkt Bäume zu pflanzen. Ein Biologe begrüßt das – und hat noch mehr Vorschläge.

Etwa so wie auf dieser Fotomontage könnte der Görlitzer Obermarkt mit Bäumen aussehen.
Etwa so wie auf dieser Fotomontage könnte der Görlitzer Obermarkt mit Bäumen aussehen. © Fotos: Nikolai Schmidt, Montage: SZ-Bildstelle

Die Bilder von Janet Conrad haben aufgerüttelt. Mit der Wärmebildkamera war die Görlitzerin an einem heißen August-Sonnabend durch die Alt- und Innenstadt gegangen und hatte dokumentiert, was Görlitz so aufheizt. Mitte August waren einige ihrer Fotos in der SZ und auf sächsische.de zu sehen.

Auf großen Teilen des Obermarktes gibt es kaum Schatten. Der heißeste Punkt auf diesem Foto ist 64,9 Grad warm.
Auf großen Teilen des Obermarktes gibt es kaum Schatten. Der heißeste Punkt auf diesem Foto ist 64,9 Grad warm. © Janet Conrad

Auf dem Obermarkt hatte Janet Conrad besonders viele Hitzetreiber ausgemacht. Die Gebäude auf der Südseite und die Pflasterflächen, die den ganzen Tag Sonne abbekommen, wiesen Oberflächentemperaturen von bis zu 50 Grad Celsius auf, die sie dann in den Straßenraum abgeben. Besondere Hitzetreiber überall in der Stadt sind mitten in der Sonne parkende Autos, sagte die dreifache Mutter in dem Artikel.

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Diese Botschaft hat auch die Stadträte erreicht – und erschreckt. Und zwar so sehr, dass nicht etwa nur die ohnehin auf Umweltthemen fokussierten Grünen, sondern auch die CDU-Fraktion,  das Thema jetzt im Technischen Ausschuss angesprochen hat. Der neue CDU-Stadtrat Matthias Schöneich brachte gar den Vorschlag, für eine bessere Klimatisierung der Stadt mehr Bäume zu pflanzen – und dabei auch den Obermarkt mit Bäumen auszustatten. Ob dafür spezielle Umwelt-Förderprogramme nutzbar sind, wollte er wissen.

Ebenfalls am Obermarkt existiert der Durchgang durch den Reichenbacher Turm, wo die Trauerweide zusätzlich Schatten spendet. Nur 28,4 Grad warm ist es dort. Ein wenige Meter entfernt stehendes Auto hingegen hat sich auf 67,4 Grad aufgeheizt.
Ebenfalls am Obermarkt existiert der Durchgang durch den Reichenbacher Turm, wo die Trauerweide zusätzlich Schatten spendet. Nur 28,4 Grad warm ist es dort. Ein wenige Meter entfernt stehendes Auto hingegen hat sich auf 67,4 Grad aufgeheizt. © Janet Conrad

So etwas gibt es nicht, sagt Bürgermeister Michael Wieler. Das sei aber auch gar nicht das Problem. Es gebe andere Förderprogramme. Bisher sei eine Umgestaltung des Obermarktes nicht am Geld gescheitert, sondern am politischen Willen der früheren Stadträte: „Es hieß immer, wir brauchen die Parkplätze.“ Wenn der neue Stadtrat das anders sehe, könne er den Obermarkt zusammen mit der Elisabethstraße im Rahmen des Gesamtverkehrskonzeptes wieder diskutieren, sagt Wieler.

Und dann wird er deutlich: „Wir haben beim Obermarkt kein Fördermittel-Problem, sondern ein Eigenmittel-Problem.“ Anders gesagt: Nirgendwo werden 100 Prozent aller Kosten gefördert. Wenn die Stadt also zum Beispiel 80 Prozent gefördert bekäme, müsste sie 20 Prozent selbst tragen. Das sei immer noch viel Geld. Da die Stadträte auch viele andere Projekte umsetzen wollen, müssten sie Prioritäten setzen. Sollten sie sich für den Obermarkt entscheiden, könne dieser angegangen werden.

Sanierungskonzeption Luft liegt längst vor

Hans-Dieter Engelmann fände das gut. Der 84-jährige Biologe war ab den 1960er Jahren stellvertretender Direktor des Naturkundemuseums. In dieser Funktion erarbeitete er 1980/81 eine „Sanierungskonzeption Luft“. Die stellte er den damaligen Stadtverordneten vor. Danach verschwand das Papier im Panzerschrank. Vermutlich, weil es der damaligen Rathausführung nicht gefiel. „Ich habe über 40 Vorschläge formuliert“, sagt Engelmann. Mehr Grün in der Stadt war ihm wichtig – Bäume, Sträucher, aber auch Wiesen. „Einzelne Hof- und Straßenbäume in der Innenstadt sind wichtig“, sagt er. Für Königshufen schlug er mit wildem Wein und Efeu begrünte Fassaden vor. Das sollte verhindern, dass sich die Betonwände aufheizen, nachts Wärme abstrahlen und die Stadt so zusätzlich aufheizen.

Vieles wäre leicht umsetzbar

Engelmann hält bis heute an seinen damaligen Vorschlägen fest. „Vieles wäre ganz leicht umsetzbar“, sagt er – und schlägt beispielsweise vor, Wiesen nur noch nach Bedarf zu mähen und nicht länger nach festgelegten Zeitabständen: „Die Stadt macht das schon sehr gut, aber viele Vermieter noch nicht.“ Die Wiesen würden tot gepflegt, sodass sich der Boden erhitze, keine Feuchtigkeit mehr enthalte und folglich nachts nicht mehr zur Frischluftbildung beitragen könne.

Engelmann will jetzt Kontakt zu Janet Conrad aufnehmen. Er wünscht sich, dass sie mit der Wärmebildkamera eine normal gepflegte Wiese mit Baum, eine normal gepflegte Wiese ohne Baum und einen tot gepflegten Rasen aufnimmt – und das möglichst zu zwei verschiedenen Tageszeiten. Im nächsten Schritt will Engelmann mit dem Thema bei OB Octavian Ursu (CDU) vorsprechen: „Das hatte ich bereits Anfang des Jahres geplant, aber dann kam Corona dazwischen.“ Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für einen neuen Anlauf, findet der Biologe: „Da möchte ich die Wärmebildkamera-Fotos gern mitnehmen, um dem OB klare Fakten vorlegen zu können.“

Nachhaltigkeitsmanager wurde eingespart

Im OB-Wahlkampf 2019 hatte Ursu sich auf SZ-Nachfrage dafür ausgesprochen, das Stadtklima zu verbessern, indem – soweit möglich – verrohrte alte Flussläufe wie die Lunitz oder die Ponte oder entlang des Siebenbörners wieder freigelegt sowie Kaltluftschneisen wie in Rauschwalde und an der Cottbuser Straße nicht bebaut werden. Auch die anderen OB-Kandidaten – außer Sebastian Wippel (AfD) – waren dafür.

In Ursus Partei gibt es offenbar noch weitere Stimmen für ein besseres Klima in der Stadt. Und zwar nicht nur Matthias Schöneich, sondern auch Matthias Urban. Der wollte jetzt im Technischen Ausschuss wissen, ob es in der Stadtverwaltung eine Art Nachhaltigkeitsmanager gibt. Gab es mal, sagt Wieler: „Die halbe Stelle wurde aber bei der Haushaltskonsolidierung vor einigen Jahren eingespart.“ So weit er sich erinnern kann, gab es daran im Stadtrat damals keine Kritik. Seither, erklärt Wieler, bringt das Amt für Stadtentwicklung Themen wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit immer dann ein, wenn etwas Konkretes gebaut werden soll, aktuell etwa beim Feuerwehr-Neubau in der Innenstadt, wo eine Frischluftschneise freigehalten werden soll. Fortlaufend aber arbeitet niemand mehr an solchen Themen, seit die halbe Stelle eingespart wurde. Zumindest Urban würde das jetzt gern wieder zurückdrehen.

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