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Kommt nach Corona die bessere Welt?

Christian Friedels Dresdner „Macbeth“-Inszenierung wurde wegen Corona verschoben. Der Regisseur, Musiker und Schauspieler über Hoffnung in der Krise.

Am Sonnabend sollte am Dresdner Staatsschauspiel „Macbeth“ Premiere haben, in der Regie von Christian Friedel.
Am Sonnabend sollte am Dresdner Staatsschauspiel „Macbeth“ Premiere haben, in der Regie von Christian Friedel. © Ronald Bonß

Lieber Christian Friedel, nach der Vollbremsung durch die Corona-Epidemie müssen Sie jetzt statt Theater soziale Distanz proben. Fällt Ihnen das trotzdem leicht?

Die Vollbremsung schmerzt natürlich, aber da diese Maßnahmen sein müssen und Gesundheit immer vorgeht, muss man sich mit der Situation abfinden. Ich versuche, mir auch immer positive Aspekte bewusst zu machen, trotz der ernsten Lage. Wir haben sieben Wochen intensiv geprobt und waren heiß, das Ergebnis zu präsentieren, aber nun haben wir die Möglichkeit innezuhalten und mit Abstand und neuer Energie noch tiefer in den Wald von Birnam vorzudringen.

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Als freiberuflicher Schauspieler, Regisseur und Musiker sind Sie auf laufende Produktionen angewiesen. Nun finden keine Proben statt, Dreharbeiten werden ausgesetzt, Konzerte abgesagt. Wie füllen Sie diese Zeit-Lücke? Können Sie diese Zwangs-Ruhe auch genießen?

Für uns freischaffende Künstler sind diese Absagen wirklich eine finanzielle Katastrophe. Aber auch hier empfiehlt es sich, Ruhe zu bewahren und die Hoffnung nicht aufzugeben. Wir leben in einem gut funktionierenden Sozialstaat, Hilfen wurden angekündigt, Solidarität in der Bevölkerung, nicht nur Künstlern gegenüber, macht sich bemerkbar und es wurde uns quasi Ruhe aufgezwängt, die in einer Zeit die immer schneller und unübersichtlicher wird, ein Luxusgut geworden ist. Macht man sich das bewusst und verliert man den Glauben nicht daran, dann kann man diese Ruhe auch genießen. Aber es braucht erst einmal einige Zeit, wirklich runter zu kommen.

Sie sind als Serien- und Filmschauspieler gut im Geschäft. Wie lange könnten Sie das rein wirtschaftlich durchhalten?

Eine gute Frage. Das Theater in Düsseldorf, für das ich ebenfalls arbeite, hat uns freischaffenden Künstlern bereits Unterstützung zugesichert, was eine großartige Geste in dieser schwierigen Zeit ist. Auch das Staatsschauspiel Dresden ist in Gesprächen und Überlegungen. Für die Theater sind die Vorstellungsausfälle und Premierenverschiebungen eine absolute Herausforderung. Ich habe zum Glück ein wenig gespart, obwohl ich mit Geld überhaupt nicht umgehen kann, aber lange sollte die Krise bitte nicht anhalten. Doch da befinde ich mich in einer noch recht glimpflichen Lage. Vielen Kolleginnen und Kollegen geht es deutlich schlechter und ich hoffe, dass sie schnellstmöglich ebenfalls Unterstützung bekommen, denn manche stehen vor dem Aus ihrer künstlerischen Existenz und das ist nicht hinnehmbar.

Sie sind gut vernetzt mit anderen freien Künstlern. Welche Formen der Solidarität stellen Sie in der Szene fest?

Es gibt zum Beispiel den Solidaritätsappell #meinekartemeinebühne, bei der all diejenigen aufgerufen werden, ihr bereits erworbenes Ticket für ein Konzert oder für eine Theatervorstellung oder andere ausfallende Kulturveranstaltungen nicht zurückzugeben, sondern quasi zu spenden. Das finde ich eine großartige Aktion. Dann werden bereits fieberhaft neue Termine gesucht, um die Ausfälle aufzufangen. Das ist auch wichtig, dass wir uns immer gegenwärtig machen: Diese Krise wird irgendwann ein Ende haben.

Szenenfoto aus "Macbeth".
Szenenfoto aus "Macbeth". © PR/Sebastian Hoppe

Was könnten die Künstler und was müsste die Politik tun, damit Existenzen nicht vernichtet werden und die Kulturlandschaft Schaden nimmt?

In allererster Linie ist natürlich die Politik gefragt, Unterstützungen die zugesichert wurden, auch in die Tat umzusetzen. Die Zuschauer und Liebhaber der Künste könnten durch Spenden oder durch verstärkte Besuche in Zukunft die vielfältige Kulturlandschaft unterstützen. Und Künstler sollten das tun, was sie am besten können: kreativ sein. In der Krise darf die Kreativität nicht einschlafen, im Homeoffice weiterdenken, neue Konzepte entwickeln und vielleicht auch in Zeiten der Isolation über neue Wege der Verbreitung von Kunst über digitale Netzwerke nachdenken. Man merkt jetzt sehr stark, dass man ein Theater oder ein Konzertsaal nicht ersetzen kann und es nie ein adäquates Äquivalent zur Livesituation mit vielen anderen Zuschauern geben wird.

Es heißt: In Notzeiten zeigen die Menschen und zeigt die Gesellschaft ihr wahres Gesicht. Was überrascht Sie an diesem Gesicht negativ, was hingegen positiv?

Die Klopapier- und Nudelhortung macht mich fassungslos. Zuerst war ich belustigt, zunehmend verärgert mich dieser Egoismus. Bei allem Respekt vor Ängsten und Ungewissheit in diesen Tagen, sollte sich eine Solidargesellschaft durch gegenseitige Rücksichtnahme auszeichnen und nicht durch panische Hamsterkäufe. Wo leben wir denn? Wie kann man denn glauben das irgendwann die Lebensmittel ausgehen, in einer Gesellschaft, die den Überfluss praktisch perfektioniert hat. Was mich positiv stimmt, ist die Unterstützung von Menschen, die Einkäufe oder Besorgungen für bedürftige Mitmenschen anbieten. Und auch die zahlreichen Reaktionen von Zuschauern in Dresden und Düsseldorf, die Mut machen und uns Künstler unterstützen, das berührt mich sehr.

In Ihrer eigenen und nun vorerst ausgesetzten Dresdner Inszenierung hätten Sie Macbeth gespielt, eine Allegorie auf die aktuell zunehmende Macht der Autokraten weltweit. Wie fühlt es sich nun an, wenn nun weltweit wieder Hoffnung, Zusammenhalt und Solidarität aufkeimen?

In meiner Inszenierung erzähle ich „Macbeth“ als ein böses Märchen, als eine Fabel über die Verführungen, das Schlechte im Menschen für einen glitzernden Preis herauszulocken. Hoffnung, Zusammenhalt und Solidarität machen Mut. Ich hoffe, dass damit die Solidargesellschaft gestärkt wird, Grundwerte wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung zurückkehren und durch den Zusammenhalt der zunehmenden Macht von Autokraten schnell ein Ende gesetzt wird.

Wenn Sie die Proben eines Tages wieder aufnehmen können: Glauben Sie, dass Sie die Ausrichtung der Inszenierung dann ändern müssen?

Nein. Wichtig ist die großartige Energie des Ensembles, der Teams vor und hinter der Bühne wieder zu entfachen und das „böse“ Baby zu einem hoffentlich orgiastischen Finale zu bringen. Sätze wie „Wasch Dir die Hände“ führen dann hoffentlich nicht zu Grusel, sondern zu Schmunzlern, nach erfolgreich überstandener Krise.

Ob auf der Theaterbühne oder im Club: Christian Friedels größte Leidenschaft ist das Singen, am liebsten mit seiner Band Woods of Birnam.
Ob auf der Theaterbühne oder im Club: Christian Friedels größte Leidenschaft ist das Singen, am liebsten mit seiner Band Woods of Birnam. © Foto: Ronald Bonß

Viele Bühnen begegnen der Krise, indem sie ihre Aufführungen streamen, sodass man sie sich zu Hause anschauen kann. Was denken Sie: Hätte diese Art von Theater-TV auch über Corona hinaus vielleicht doch wieder Zukunft?

In der Krise finde ich das eine schöne Idee, aber keine Aufnahme von Theateraufführungen kann das wirkliche Gefühl des Zuschauerraums ersetzen. Mich ermüden leider diese Aufführungen oft, und „Macbeth“ noch vor der Premiere zu streamen fände ich eine grauenhafte Vorstellung. Das Theater gehört an einen Ort, wo Zuschauer und Schauspieler im Moment in den Dialog treten. Aber wie ich vorhin sagte, die Kreativen könnten darüber nachdenken, wie ein Theater-TV der Zukunft aussehen könnte, ohne dass man eine Inszenierung abfilmt oder einen Film dreht. Wenn es etwas dazwischen gibt, dann bin ich der Erste der neugierig mitmachen möchte.

Was sind Ihre Streaming-Tipps für zu Hause, welche Serien und Filme stehen auf Ihrer Watchlist?

Ich freue mich auf die neue Staffel von „Better Call Saul“ und „Homeland“. Außerdem liebe ich Science-Fiction und schaue gerade „Star Trek: Picard“. Welche bereits gesehenen Serien ich aber vorbehaltlos empfehlen kann, sind: „Chernobyl“, „American Crime Story 1 & 2“, „Mr. Robot“ und „Legion“. Und natürlich die neue Staffel von „Babylon Berlin“.

Was denken Sie: Wird Corona die Welt ändern? Wie?

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Ich hoffe, dass die Krise unser Bewusstsein für Gesellschaft verändert und den Zusammenhalt stärkt. In der Krise zeigt sich der Charakter eines Menschen und der Shutdown zeigt uns, in welchem Luxus wir selbstverständlich leben und dass uns nicht alles kostenlos jeden Tag geschenkt wird. Ein ebenso positiver Nebeneffekt in dieser schweren Zeit ist die teilweise Gesundung der Natur und ich hoffe, dass Mensch und Politik Lehren daraus ziehen. Entschuldigen Sie bitte folgendes ktischige, aber wahre Bild: Wenn das Wasser im Canal Grande wieder glasklar wird und Delfine in Triest wieder am Hafen spielen – ist das dann nicht eine viel lebenswertere Welt?

Die Fragen stellten Johanna Lemke und Oliver Reinhard.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

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