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Kreatives Chaos in der Alten Molkerei

Junge Künstler haben an der Fabrikstraße ein Domizil gefunden. Nun steht die Ateliergemeinschaft vor einer ungewissen Zukunft.

Umgeben von mehreren seiner Arbeiten wie plakatgroßen Fotografien sowie einer Leichenskulptur, dessen Gesicht die Züge des Künstlers trägt, sitzt Manuel Frolik auf einem Rolltisch im großen Atelierraum.
Umgeben von mehreren seiner Arbeiten wie plakatgroßen Fotografien sowie einer Leichenskulptur, dessen Gesicht die Züge des Künstlers trägt, sitzt Manuel Frolik auf einem Rolltisch im großen Atelierraum. © Arvid Müller

Unkraut wuchert zwischen Pflastersteinen, vor Treppenstufen und Eingängen. Ein altes Fahrrad liegt mit anderen Schrottteilen wild verstreut vor einer Lieferrampe. Auf den ersten Blick scheint die Alte Molkerei an der Fabrikstraße in Radebeul ungenutzt zu sein. Doch der Eindruck täuscht, spätestens wenn man auf der Rampe steht. Ein alter Sessel, Bänke und Plastikstühle sowie Aschenbecher mit Kippenresten zeugen davon, dass hier ab und zu jemand Platz nimmt.

Einer von ihnen ist Manuel Frolik. „Es ist der schönste Balkon von Radebeul“, meint der Künstler etwas scherzhaft. Die Rampe liegt zwar an der Südseite der einstigen Fabrik, jedoch blickt man auf der anderen Seite auf ein ebenfalls leer stehendes Werksgebäude. Die Lößnitzstadt hat definitiv schönere Aussichten zu bieten.

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Im Inneren stehen mehrere Werkbänke, darauf sowie auf dem Boden daneben liegen verschiedene Materialien, wie Holz, Kabelschläuche oder Metallteile wild verstreut. Leere Eimer mit Farbe türmen sich mehrmals. In einem Regal lagern Winkelschleifer, elektrisch betriebene Sägen und anderes Werkzeug. Handwerkern gehören sie allerdings nicht. Bilderrahmen sind auf einem alten Ledersofa aufgereiht. Frisch gedruckte Grafiken stapeln sich auf einem Tisch. Große Fotografien mit Selbstporträts stehen an einer Wand. Was auf einen wie ein anarchisches Durcheinander wirkt, ist mit großer Sicherheit wohl das, was man unter „kreativem Chaos“ versteht.

In der Fabrikstraße 26 sind Künstler am Werk. Vor reichlich zehn Jahren haben sie dort eine Ateliergemeinschaft gegründet. Die Besetzung wechselte seither immer wieder. „Ich bin von Anfang dabei und bin am längsten hier“, sagt Frolik, der Installationen aus Skulpturen, Fotografie und Druckgrafik kreiert. Bis zu 15 Kunstschaffende teilen sich derzeit die Räumlichkeiten, wobei der „harte Kern“, der fast täglich dort arbeitet, aus rund zehn Personen besteht. „Wir sind eine bunte Truppe“, meint der 41-Jährige.

Frolik hat an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden (HfBK) studiert. Er war Meisterschüler von Eberhard Bosslet, Professor für Skulptur und Raumkonzepte. In den lichtdurchfluteten Ateliers und Werkstätten für Bildhauer am HfBK-Standort Pfotenhauerstraße haben sich die meisten der Kreativen kennengelernt, die nun die Ateliergemeinschaft in der Nähe des Lößnitzbades bilden. Als Studenten standen Frolik und seinen Kommilitonen die Räume der Hochschule zur Verfügung. Jedoch als Absolventen benötigten die jungen Freischaffenden einen eigenen Platz zum Arbeiten, der wenig Miete kostet.

Bei ihrer Suche sind sie 2009 auf die Alte Molkerei in Radebeul gestoßen. Bei dem rund 3.000 Quadratmeter großen Areal mit dem großen Gebäude, mehreren Schuppen und Garagen sowie einer Halle dahinter soll es sich um einen früheren Standort von Pfundsmolkerei handeln, wie Frolik von alteingesessenen Radebeulern gehört hat. Wahrscheinlich bis zum Ende der DDR-Zeit wurde dort Milch verarbeitet. Nach der Wende nutzte wohl ein Getränkemarkt den Komplex. „Die Wände waren mit Werbeplakaten für Bier und andere Getränkesorten tapeziert“, erinnert sich Frolik, als er mit weiteren Mitstreitern das damals bereits längere Zeit leer stehende Objekt bezog.

Der Zustand der Alten Molkerei war damals schon etwas ruinös. Fensterscheiben waren kaputt. Es gab weder Wasser noch Heizung. Die jungen Künstler reparierten Scheiben, flickten das Dach und andere undichte Stellen. Sie verlegten Wasserleitungen und bauten sich eine Toilette ein. Eine Heizung fehlt bis heute. Die einen machen es sich im Winter mit einem kleinen Holzofen warm. Frolik hat in seinem Bereich eine Dieselheizkanone stehen. Das Auspuffrohr ragt aus einem Fenster. Mit dem Gerät kann er die Innentemperatur in seinen Atelieraum auf 15 Grad Celsius bringen, wenn draußen Minusgrade herrschen. „Mit einer Unterhose und zwei weiteren Hosen darüber hält man das schon aus“, meint Frolik. Zudem werde ihm durch Bewegung warm, wenn er an seinen Skulpturen flext, sägt oder mit Silikon und anderen Werkstoffen formt.

Die Lieferrampe der Alten Molkerei mit Blick zur Fabrikstraße bezeichnen die Künstler als ihren Balkon. In kreativen Pausen nehmen sie dort Platz.
Die Lieferrampe der Alten Molkerei mit Blick zur Fabrikstraße bezeichnen die Künstler als ihren Balkon. In kreativen Pausen nehmen sie dort Platz. © Arvid Müller

Als die Künstler in das einstige Molkereigebäude außerhalb Dresdens und etwas abgelegen am Rande von Kötzschenbroda einzogen, haben einige Kommilitonen Frolik belächelt. „Sie zeigten mir einen Vogel“, erinnert er sich. Denn vor rund zehn Jahren konnten die freischaffenden Künstler noch ähnlich leer stehende Gebäude in der Landeshauptstadt finden, die sie für wenig Geld in Ateliers umfunktionierten. Die Situation hat sich jedoch komplett verändert. „Nach fünf Jahren standen sie bei uns Schlange. Zu Hochzeiten befanden sich rund 20 Namen auf der Warteliste“, so Frolik.

Einen dreistelligen Betrag zahlt die Ateliergemeinschaft Miete im Monat. Und für diese Konditionen sei es sehr schwer bis fast unmöglich, Flächen für eine „Zwischennutzung“ , wie Frolik sagt, in Radebeul und Umgebung zu finden. Jedoch nach neuen Räumlichkeiten müssen sie sich nun umschauen. Vor rund anderthalb Jahren brachten die Eigentümer ein Plakat mit der Aufschrift „Zu verkaufen“ am Zaun zur Fabrikstraße an. Die Kündigungsfrist wurde von einem Jahr auf ein Vierteljahr verkürzt, wie Frolik berichtet. Und sobald sich ein Käufer und neuer Nutzer für das Gewerbeobjekt findet, müssen sie raus.

Bei der Suche nach einem neuen Atelier steht die Künstlergemeinschaft unter anderem in Kontakt mit dem Kulturamt der Lößnitzstadt. Zwei Termine waren für eine Besichtigung von Räumen im alten E-Werk im Lößnitzgrund dieses Jahr bereits angesetzt. „Doch wegen Corona wurden sie verschoben“, so Frolik. Dann kam jedoch eine Absage. Bei den anfangs zur Debatte stehenden Flächen im alten E-Werk handelte es sich um Büroräume im früheren Verwaltungstrakt. „Sie wären auch nicht besonders geeignet gewesen“, meint Frolik. Er und seine Mitstreiter benötigen Platz, wo sie beim Formen ihrer Skulpturen und Installationen auch Dreck machen können.

Neue Impulse und ein Wiederaufgreifen der Gespräche erhofft sich die Ateliergemeinschaft nach dem Dienstbeginn der neuen Kulturamtsleiterin. Gabriele Lorenz tritt am 1. September ihr Amt an. Derweil halten die Künstler selbst nach leer stehenden Räumen Ausschau. Sie wollen gern in Radebeul bleiben.

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