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Lausitz 4.0 geht schwarz-weiß und als Baukasten

Digitalisierung soll helfen, den Strukturwandel zu schaffen. Bislang gibt es wenige, dafür aber spannende Projekte.

Ein altes Foto der Rakotzbrücke im Kromlauer Park – es wurde digitalisiert für das Landschaftsfotoportal des Senckenberg-Museums Görlitz. Um die 2.000 historische Bilder wurden schon erfasst. Sie stehen künftig im Internet.
Ein altes Foto der Rakotzbrücke im Kromlauer Park – es wurde digitalisiert für das Landschaftsfotoportal des Senckenberg-Museums Görlitz. Um die 2.000 historische Bilder wurden schon erfasst. Sie stehen künftig im Internet. © Foto: Bruno Häcker/Sammlung Senckenberg Görlitz

Noch klingen sie oft ein bisschen vage, die Ideen für eine Digitalisierung der Ober- und Niederlausitz. Mehr Möglichkeiten im Internet, mehr Vernetzung, schnellerer Datenaustausch, mehr Teilhabe für viele am Wissenschatz einzelner Einrichtungen, mehr Mitmachmöglichkeiten – das und mehr steckt in der Digitalisierungsstrategie von Behörden und Organisationen für die Region, die sich bis 2038 aus dem Abbau und der Verstromung von Kohle verabschieden wird. Bislang gibt es nur wenige konkrete Beispiele, wie das alles praktisch gehen kann. Einige Einrichtungen und Unternehmen sind aber Vorreiter und setzen spannende Projekte um. Die SZ stellt zwei beispielgebend vor.

Wissenschaft und Kunst im Museum 4.0 in Görlitz

Erntezeit im Schöpstal nahe Görlitz. Auf einem Feld beim Gut Charlottenhof trockenen Weizengarben, zusammengestellt zu Diemen, in der Sonne. Sie trocknen in schwarz-weiß. Und nur noch auf einem Foto von Bruno Häcker. Aufgenommen 1937. Das, was einst die spätsommerliche Landschaft prägte, was hundertfach auf Gemälde verewigt und später auf Fotografien festgehalten wurde, gibt es so gut wie gar nicht mehr. Mit der Entwicklung moderner Erntemaschinen und dem Trend hin zur industrialisierten Landwirtschaft hat sich die Ansicht von Dorf und Land geändert. 

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Und was eine Dieme ist, wissen wohl nur noch wenige. Beim Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz läuft ein Projekt, um „diese Veränderungen zu dokumentieren“, sagt Mitarbeiter Dr. Jens Wesenberg. Dafür hatte das Haus die Lausitzer gebeten, private Bilder zur Verfügung zu stellen, um sie zu digitalisieren – also für Computer und Internet nutzbar zu machen. Rund 800 Dias und 1.000 Fotos habe man erhalten. Sie wurden eingescannt und zeigen jetzt Ansichten von Cunewalde bis Girbigsdorf, von Radmeritz über Königshain bis Kromlauer Park, aber auch aus Südtirol, der Eifel, Lappland oder der Wallonie. Und sie machen deutlich, „wie sich Landschaft verändert“, so Jens Wesenberg. Bis September oder Oktober sollen die Bilder mit den nötigen Orts- und Zeitangaben auf einem Portal im Internet zur Verfügung stehen. „Wir wollen damit keine Analysen betreiben, sondern Datenquellen erschließen und dafür sorgen, dass andere sie gebrauchen können“, so Wesenberg. Denn – ja – es gibt solche Bilder. Aber je älter sie werden, um so schwieriger sei es, von den Eigentümern noch die nötigen Informationen dazu zu bekommen. Sprich: Wo und wann wurde das Bild aufgenommen, mit welcher Technik, von wem? Was konkret zeigt es? Das aber sei wichtig, um tatsächlich historische und moderne Landschaften vergleichen zu können, wie Wesenberg weiß.

Er ist Koordinator für ein Projekt, an dem Senckenberg Görlitz beteiligt ist. „Museum 4.0“ heißt die seit 2017 laufende Aktion von vier Kultureinrichtungen aus Deutschland. Geld gibt es aus dem Topf von Monika Grütters, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Partner testen bis Ende 2020 digitale Technologien und wie man sie in Museen nutzen kann. Das Landschaftsfotoportal mit den alten Aufnahmen ist eine von insgesamt fünf Ideen, die von den Görlitzern praktisch umgesetzt werden.Das Museum ist damit ein Vorreiter in der Oberlausitz. Auch wenn in den Wochen der coronabedingten Schließung mancherorts sehr schnell virtuelle Museumsrundgänge aus dem Boden gestampft worden sind, hat das Senckenbergmuseum Vorhaben auf den Weg gebracht, die weit darüber hinausgehen. Das Landschaftsfotoportal ist im Werden. Es kann künftig sogar um Bilder ergänzt werden. Doch noch ist es nicht im Internet öffentlich zu sehen. Genauso wenig wie die kostenfreie Software-Anwendung (App) „Bodentier“. „Sie ist noch nicht freigeschaltet“, sagt Jens Wesenberg. Mit diesem Programm können Forscher, Studenten, aber auch Laien künftig all die Winzlinge im Erdreich – von Assel, über Hundert- und Tausendfüßlern bis hin zu Springschwänzen und vielen anderen Arten – bestimmen und melden.

Bis Ende des Jahres soll auch ein sehr aufwendiges Datarama entstehen. Das wird ein begehbarer Teil-Zylinder mit sechs Metern Durchmesser, der einen ganzen Museumsraum füllt. Dort können Interessierte einen Blick hinter die Kulissen der Senckenberg-Forschung werfen und die wissenschaftliche Sammlung über Filme und interaktiv entdecken. „Dafür werden die Inhalte noch erstellt“, so Wesenberg. Und der Zylinder muss erst ins Haus eingebaut werden – voraussichtlich in diesem Dezember. Schon im Einsatz seit Ende 2017 sind „Virtual-Reality-Brillen“. Die kann man sich aufsetzen und dann über eine Art Film direkt in den Lebensraum „Boden“ eintauchen. Über das Gerät sollen künftig drei Welten sichtbar gemacht werden – der Porenraum im Oberboden in fünf Zentimetern Tiefe, das Laubstreu über der Erde im Wald und eine feuchte unterirdische Porenschicht, wo zum Beispiel Fadenwürmer und Rädertierchen leben. Eine Brille für die virtuelle Realität gibt es im Görlitzer Naturkundemuseum, steht aber nicht immer zur Verfügung. Eine weitere ist Teil einer Wanderschau und derzeit in Österreich. Beide sind wegen Corona gerade nicht im Gebrauch. Auch Teil von „Museum 4.0“ ist ein simulierter Überflug über die Neiße. Er vermittelt wohl in Kürze einen Einblick in verschiedene Momente im Laufe der Görlitzer Geschichte. Angedacht seien das Jahr Null, 1550, 1910 sowie 2020. Damit werde man deutlich machen, wie „dramatisch sich das Umfeld des Flusses in der Zeit vor der Besiedlung des Menschen bis heute verändert hat“, beschreibt Museumssprecher Christian Düker. Dieses virtuelle Erlebnis soll Teil der Ausstellung „Abenteuer Neiße – Leben am Fluss“ werden, die bis 2021 im Senckenbergmuseum zu sehen ist.

Neues Bauen im Fertigteil-Prinzip aus Hoyerswerda

Dies war das erste schwimmende Haus auf dem Geierswalder See. Künftig ist so etwas auch als Modul- und Fertigbau denkbar.
Dies war das erste schwimmende Haus auf dem Geierswalder See. Künftig ist so etwas auch als Modul- und Fertigbau denkbar. © Archiv Wolfgang Wittchen

Ziegel aus dem 3D-Drucker. Ein Haus, das problemlos wachsen und schrumpfen oder sogar umziehen kann. Häuser in Serie – sogar fürs Wasser. Bauten, die sich der künftige Nutzer weitgehend am Computer zusammenstellt aus vorgegebenen Teilen – ein bisschen wie bei Lego oder wie beim Videospiel Minecraft.Klingt nach einer Revolution des Bauens. Doch diejenigen, die hinter dieser Idee stehen, greifen zurück unter anderem auf den „Plattenbau im Baukastenprinzip“, der in Hoyerswerda schon vor Jahrzehnten gelaufen ist. Das Lausitzer Technologiezentrum Lautech mit Sitz in Hoyerswerda hat daraus das Bauraumwerk-Projekt für das 4.0-Zeitalter entwickelt. Mit Partnern unter anderem vom Wirtschaftslabor inku-BA-tor in Bautzen und von PPC-Planung aus Bernstadt wurde ein Kooperationsnetzwerk gegründet. Über ein Konsortium seien 20 kleine und mittelständische Unternehmen eingebunden, wie Lautech-Geschäftsführerin Kathrin Schlesinger sagt.

Am Beispiel einer Familie beschreibt inku-BA-tor-Geschäftsführer Matthias Untisz, was konkret gemeint ist. Ein Ehepaar baut sich so ein Modulhaus. Dann kommen die Kinder, der Platzbedarf wächst, Module werden angebaut. Der Nachwuchs zieht aus. Module werden entfernt, die Kinder nehmen sie mit oder sie werden verkauft. Und wenn die Eltern alt geworden sind und bei den Kindern leben möchten, ziehen sie mit dem Rest ihres Hauses dorthin um. Wohnen – angepasst an den Lebenslauf, so beschreiben es die Partner. Möglich sei das auch für Büros, Kitas, Schulen sowie im Bereich Tourismus mit Ferienhäusern oder Hotels. Holz könne als Baumaterial im Mittelpunkt stehen. „Die Baustellentätigkeit könnte um 40 Prozent gesenkt werden“, nennt Kathrin Schlesinger einen Vorteil – das heiße: weniger Schmutz und Lärm. Und könne mit Blick auf den zunehmenden Fachkräfte- und Nachwuchsmangel auch der Baubranche helfen. 

Gleichzeitig solle Forschung und Entwicklung für diese Form des Bauens in der Lausitz laufen. Das wiederum schafft Jobs für Kreative, Softwareentwickler und Ingenieure. Noch müsse für all dies aber neben der technischen Entwicklung viel Vorarbeit geleistet werden – zum Beispiel mit Blick auf Bauverordnungen, wie Ingo Weidelt von Lautech sagt. Das Team will Fördermittel aus den Strukturwandel-Töpfen zum Kohleausstieg für die Umsetzung beantragen. „Wir hoffen, dass dies ab Herbst möglich ist“, so Kathrin Schlesinger. Bis Mitte 2023 soll ein Prototyp entwickelt und zur Serienreife gebracht werden. Dann könnte die Idee über digitale Plattformen und Lizenzmodell sogar aus der Lausitz in die Welt gelangen.Für Hubertus Domschke vom Lautech-Beirat bietet diese Form des Bauens auch eine Antwort auf steigende Baukosten, die vor allem in Großstädten auf hohe Grundstückspreise zurückzuführen seien.

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