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Mein Kind will sich nicht waschen

Die drei Jahre alte Tochter lehnt Körperpflege ab. Die Eltern verzweifeln. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum gibt Rat.

Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum.
Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum. © Matthias Rietschel

Unsere Tochter ist drei Jahre alt und möchte sich trotz aller Erklärungen partout nicht die Nägel schneiden lassen. Mittlerweile lehnt sie auch andere Dinge, insbesondere die Körperpflege betreffend, ab. Ich bekomme mittlerweile schon Schweißausbrüche, wenn es Richtung Badezimmer gehen soll.

Besonders im Rahmen ärztlicher Untersuchungen fallen uns immer mal wieder nicht ausreichend gepflegte Kinder auf. Der Mangel beruht dabei nicht immer auf Vernachlässigung. Manchmal erklären die resignierten Eltern, dass die Kinder Waschen, Duschen und Zähneputzen gerade nicht mögen oder zulassen.

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Das stimmt uns Ärzte nachdenklich. Wie kann es so weit kommen, dass Kinder nicht mehr gewaschen werden? Haben wir generell häufiger als früher Angst vor der Reaktion unserer Kinder? Wieso rinnt bei uns Eltern der Schweiß, auch wenn es um ganz normale Anforderungen an und Festlegungen für unsere Kinder geht? Was sind unsere Befürchtungen? Dass unsere Kinder uns weniger lieben, wenn wir mal eine unbeliebte Anforderung durchsetzen?

Wenn Sie Ihrem Kind ängstlich gegenübertreten, wird es das genau spüren. Oft wird gesagt, dass Kinder Schwachpunkte ihrer Eltern ausnutzen. Ich denke aber eher, dass sie sich mindestens genauso von der elterlichen Unsicherheit „anstecken lassen“ und selbst unsicher werden. Kinder empfinden intuitiv die Unsicherheit der Eltern, die eigentlich die Familie führen sollten, als „Warnsignal“. Sie werden stark verunsichert und fühlen sich durch die Unsicherheit der Eltern in ihrer Abneigung und unbegründeten Angst – zum Beispiel beim Nägelschneiden – bestätigt: „Wenn die Mama so ein Gesicht macht, dann muss das, was sie von mir möchte, wirklich schlimm sein.“ Natürlicherweise erfüllen Kleinkinder aber eigentlich gern Aufträge für „die Mama“, „die Erzieherin“.

Erklärungen, warum das Zähneputzen sein muss, fruchten in diesem Alter nicht, weil das kindliche Entwicklungsalter für diese komplexen Erläuterungen und daraus folgende Handlungen einfach noch nicht erreicht ist.

Das entwicklungspsychologisch Richtige wäre, auf regelmäßige Körperpflege zu bestehen. Zeigen Sie aktiv, dass das Nägelschneiden nichts Gefährliches ist. Vermeiden Sie Verletzungen oder Schmerz, indem Sie die Nägel häufiger und dafür nicht zu kurz schneiden. Machen Sie das Nägelschneiden bei sich selbst vor. Beruhigend könnte folgender Satz wirken: „Ich passe ganz besonders auf und schneide die Nägel nur wenig ab“. Und haben Sie Geduld. Langjährige Experten unserer Familientagesklinik bestätigen, dass ein neu zu erlernendes Verhalten mindestens zwei bis drei Wochen kontinuierliches und ausnahmsloses Üben benötigt, bis es sich (wieder) verselbstständigt. Im Alter von rund vier Jahren können Sie beginnen, mit ganz einfachen logischen Konsequenzen zu arbeiten, die jedoch wirklich kurzfristig sein müssen, zum Beispiel eine kürzere Geschichte, wenn der Abend aufgrund des Widerstandes schon fortgeschritten ist.

Manche Eltern berichten, dass sie die Nägel ihrer Kinder im Schlaf schneiden. Das kann eine vorübergehende Alternative sein, solange das der einzige schwierige Punkt bei der Körperpflege ist. Auf keinen Fall sollte es aber eine Herausforderung für Sie werden, Lösungen zu finden, um sich vor der Verweigerung Ihres Kindes zu drücken. Machen Sie ein nettes Ritual aus der regelmäßigen Haarpflege an einem festen Wochentag, um auch selbst, gerade bei mehreren Kindern, den Überblick zu behalten.


Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]

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