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"Meinem Wald geht es extrem schlecht"

Nicht nur die Förster im Sachsenforst haben mit dem Borkenkäfer zu kämpfen, sondern auch Privatwaldbesitzer wie Johannes von Hertell. Eine Zwischenbilanz.

Johannes von Hertell bewirtschaftet 600 Hektar Wald. Damit ist er einer der größten Privatwaldbesitzer im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.
Johannes von Hertell bewirtschaftet 600 Hektar Wald. Damit ist er einer der größten Privatwaldbesitzer im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. © Karl-Ludwig Oberthür

Herr von Hertell, wie geht es Ihrem Wald?

Meinem Wald geht es extrem schlecht. Ich habe nicht einen Nadelbaumbestand, der nicht von einer der verschiedenen Borkenkäferarten befallen ist. Die Käfer sind wie ein Krebsgeschwür, das überall seine Metastasen ausgestreut hat. In den vergangenen 2,5 Jahren musste ich wegen des Käferbefalls so viel Holz ernten wie in den sechs Jahren zuvor. Durch den Borkenkäfer habe ich von meinen 600 Hektar Wald schon etwa 25 Hektar verloren.

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Was machen Sie mit dem Holz?

Als Privatwaldbesitzer habe ich keine Lagermöglichkeiten. Ich muss versuchen, das Holz an Sägewerke zu verkaufen. Das ist im Moment ganz schwierig, weil der europäische Markt derzeit überflutet wird. Denn das Absterben von Nadelbäumen durch den Borkenkäfer spielt nicht nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland und in den Nachbarländern Polen und Tschechien eine Rolle. Zum Glück läuft der Schnittholzabsatz, weil die Leute weiter Häuser bauen und Bauholz gebraucht wird. Aber die Wege ins Sägewerk sind total verstopft. Das hat unter anderem zu einem extremen Preisverfall geführt, die Abnahmepreise pro Festmeter sanken dramatisch. Vor drei Jahren bekam man für den Festmeter Fichte noch um die 80 Euro, gegenwärtig sind es rund 25 Euro. Der Erlös, den ein Baum bringt, deckt derzeit nicht mal die Maschinenkosten.

Wie überlebt Ihr Forstbetrieb das?

Wir ernten trotzdem Holz und versuchen, Kosten zu sparen. Wenn ich das nicht machen würde, würde es die Situation noch schlimmer machen, da sich die Borkenkäfer noch schneller ausbreiten würden. Als Privatwaldbesitzer haben wir aber eine schlechte Marktposition. Denn 40 Prozent des Waldes in Sachsen gehört dem Freistaat und werden über Sachsenforst bewirtschaftet. Sachsenforst hat eine marktdominierende Rolle in der Preisfindung mit den Sägewerken.

Bekommen Sie genauso viel Geld wie Sachsenforst?

Nein. Wir bekommen meist ein paar Euro weniger.

Wie kann Ihr Betrieb unter diesen Bedingungen bestehen?

Ich arbeite mit anderen Waldbesitzern zusammen, frei nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark. Wir versuchen, das Holz bestmöglich zu verkaufen. Dazu haben wir uns in der Forstbetriebsgemeinschaft Freibergerland - Erzgebirge, einem wirtschaftlichen Verein, organisiert. Die Forstbetriebsgemeinschaft hat mehr als 700 Mitglieder. Wir agieren in der Region von Pirna bis Freiberg. Unser Ziel ist es, das geerntete Holz gemeinsam zu vermarkten.

Arbeiten Sie mit dem Sachsenforst zusammen?

Als Nachbarn schon. Wenn der Landesförster einen Käferbaum in meinem Wald sieht, informiert er mich. Genauso mache ich das. Wenn ich einen befallenen Baum im Staatswald entdecke, gebe ich dem Landesförster Bescheid. Eine praktische Zusammenarbeit zwischen dem Sachsenforst und privaten Waldbesitzern gibt es aber nicht.

Bekommen private Waldbesitzer Unterstützung vom Land?

Ja. Das Land hat ein Förderprogramm ins Leben gerufen. Es gibt unter anderem eine mengenbezogene Schadholzpauschale. Damit unterstützt das Land Waldbesitzer, damit diese das Schadholz schnellstmöglich aus dem Wald holen. Der Wald muss gerettet werden – das ist eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung!

Sachsenforst setzt auf Waldumbau. Der Trend geht von Monokultur- zu Mischwäldern. Wie geht es bei Ihnen weiter?

Waldumbau ist auch bei uns das große Thema schon seit Jahren. Der Wald stirbt aber viel schneller ab, als wir ihn umbauen können. Es ist sehr schwierig, bei der gegenwärtigen Dynamik, einen Ausblick zu wagen. Um die Wälder zu erhalten, ist ein großer Kraftaufwand notwendig.

Würde es helfen, den Wald zu bewässern?

Das ist keine Option. Die größte Unsicherheit ist das Wetter. 2018 und 2019 waren sehr trockene Jahre. Insbesondere fehlte der Niederschlag im Winter. Deshalb sind die tieferen Schichten im Waldboden immer noch trocken. Das macht auch den Tiefwurzlern, wie der Buche und Eiche, stark zu schaffen. Durch den Regen der letzten Wochen sind zwar die oberen 20 Zentimeter des Waldbodens feucht geworden. Das hilft nur aber den Gräsern und den jungen Bäumen. Die alten Bäume bekommen zu wenig Wasser. Dadurch werden sie schwächer und bleiben anfällig für die Borkenkäfer.

Sie bewirtschafteten 600 Hektar Wald und sind damit ein sehr großer Waldbesitzer im Landkreis. Vergrößern Sie Ihren Bestand?

Wir haben viele kleine Waldnachbarn, die mit ihrem Wald emotional sehr stark verbunden sind und sich davon nicht trennen möchten. Nach Absprache bewirtschaften wir aber einen Teil dieser Flächen mit. Wir haben aber auch schon Waldflächen gekauft.

Ein studierter Agrarökonom

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Johannes von Hertell ist 31 Jahre alt. Der studierte Agrarökonom hat den Privatforstbetrieb von Hertell-Hirschbach im Januar 2019 von seinem Vater, Hubertus von Hertellübernommen. Das Unternehmen startete mit den Wäldern der früheren Rittergüter Reinhardtsgrimma und Lungkwitz. Später sind weitere Waldflächen dazugekommen. Gegenwärtig bewirtschaftet der Betrieb 600 Hektar Wald, auf dem ungefähr je zu Hälfte Laub- und Nadelbäume stehen. Von Hertell arbeitet als Vorstandsmitglied ehrenamtlich im Sächsischen Waldbesitzerverband mit.

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