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„Mut machen, die Welt verändern“

Manuel Schöbel ist seit 2011 Intendant der Landesbühnen Sachsen, mit 200 Mitarbeitern und normal genauso vielen Vorstellungen im Jahr. In diesem Jahr ist nichts normal, gerade als der Theaterchef 60 wird.

Manuel Schöbel, Intendant der Landesbühnen Sachsen, ist 60. und hat noch einiges vor. Diese Woche startet „Aschenbrödel“ am Moritzburger Schloss.
Manuel Schöbel, Intendant der Landesbühnen Sachsen, ist 60. und hat noch einiges vor. Diese Woche startet „Aschenbrödel“ am Moritzburger Schloss. © Arvid Müller

Manuel Schöbel ist Dresdner, lebt seit 2011 in Radebeul, ist verheiratet und Vater zweier Kinder in der Pubertät. Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität und Schauspielkunst an der Ernst-Busch-Hochschule hat er studiert. Manche kennen ihn noch als Chefdramaturgen vom Theater Junge Generation in Dresden. Er war Intendant am Berliner Carrousel Theater an der Parkaue, am Freiberger Theater und ist seit neun Jahren der Chef an den in Radebeul ansässigen Landesbühnen – mit etwa 200 Schauspielern, Tänzern, Sängern, Technikern, Musikern hinter der Bühne. Am vergangenen Sonnabend, dem Siebenschläfer, wurde Manuel Schöbel 60 Jahre.

Herr Schöbel, wann waren Sie das erste Mal im Theater?

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Wahrscheinlich in einem Kinderwagen auf der Seitenbühne des Theaters Junge Generation. Mein Vater (Red.: Regisseur Helfried Schöbel) hat dort inszeniert, meine Mutter (Red.: die Autorin und Dramaturgin Hildegard Schöbel) war Schriftstellerin. Die erste Erinnerung: Staatsschauspiel, eine verkürzte Vorstellung von „Hänsel und Gretel“ und im Anschluss eine Weihnachtsfeier, bei der aus den Pfefferkuchenhäusern die Geschenke verteilt wurden. Wie die Oper war, weiß ich nicht mehr, aber an die Weihnachtsfeier erinnere ich mich genau.

An welches Stück haben Sie die tiefste Erinnerung?

„Der zerbrochene Krug“ in der Inszenierung wieder meines Vaters am Staatsschauspiel und Rolf Hoppe als Dorfrichter Adam. Das sind ganz tiefe Eindrücke. Da war ich als kleines Kind auf der Probe und habe dann die Aufführung gesehen. Die Szene, wie der Dorfrichter den Gerichtsrat mit einem Käse aus Limburg zu besänftigen versucht, ist mir eingebrannt.

Sie haben sehr viele Stücke für Kinder und Jugendliche geschrieben. Liegt Ihnen das am meisten?

Verkürzt gesprochen liegt es am Erfolg. Als 22-Jähriger habe ich erlebt, dass am Theater Junge Generation ein Stück von mir gespielt wurde. Da habe ich das kennen- und natürlich lieben gelernt, weil es so viel Anerkennung eingebracht hat. Ein Schlüsselerlebnis war dann „Prinz Tausendfuß“, welcher 1987 Premiere hatte und gleichzeitig in Berlin und Dresden inszeniert wurde. Ein Mädchen hat Sehnsucht nach der Welt und will sich nicht von Mauern aufhalten lassen. Sie dringt durch alle Mauern, löst ein Rätsel beim Prinzen und kommt letztlich darauf, dass die Mauer die Welt bremst und behindert.

Erstaunlich, dass es die beide Bühnen erreichte und aufgeführt wurde. Salopp gesagt, führte es auch anschließend zu intensivsten und manchmal sehr unangenehmen Gesprächen, hat mich aber nochmals zusätzlich als Weltveränderer genährt. Deshalb habe ich sehr viele Gegenwartsstücke auch für Kinder und Jugendliche geschrieben. Mut machen, ändere die Welt, du kannst es.

Vor dem Theaterzelt in Rathen, dem ersten Neustart der Landesbühnen nach und mit Corona überwog vor wenigen Tagen in Ihrem Gesicht das Glück, endlich wieder loslegen zu können.

Genau in dem Moment war die Wehmut mit der Situation, wie wir alle eingeschränkt und in Gefahr sind, sehr spürbar. Eben im Glück, wieder spielen zu dürfen.

Wie sind die Besucherzahlen, wie ist die Stimmung unter den Schauspielern, Musikern, Tänzern und Sängern?

Die Besucherzahlen sind, logisch, viel geringer, wenn wir seit Mitte März nicht spielen konnten. Aber die, die da sind, sind sehr deutlich in ihrer Dankbarkeit, wieder Theater erleben zu können. Ebenso bei den Kollegen - etwa als wir mitmachen durften bei den ersten Aktionen der von der Stadt initiierten Veranstaltungsreihe „Radebeuler LebensArt“ am Dorfanger und in den Wiesen hinterm Deich in Kötzschenbroda. Dort habe ich selten so viel Glanz in den Augen von Erwachsenen gesehen, als sie mit den Kindern hinter unseren Schauspielern herzogen. Natürlich haben wir zahlenmäßig weniger Zuschauer, aber das Empfinden ist oft sehr intensiv.

Wird das Theater finanziell vom Land aufgefangen?

Es ist nicht selbstverständlich. Bisher sieht es so aus, dass wir einen Weg finden werden, den Ausgleich zu schaffen, mit der Unterstützung des Gesellschafters. Viele Mitarbeiter sind bisher auch in Kurzarbeit.

Wenn Sie jetzt Ihr liebstes Stück aus der Kiste ziehen müssten, welches ist das?

Möglicherweise ist es jeden Tag ein anderes Stück. Heute wäre es „Frühlingserwachen“ von Frank Wedekind. Das ist so ein Stück, das Mut zum Leben macht und dabei nichts beschönigt, was etwa Heranwachsen so schwer macht. Ich habe es zweimal inszenieren dürfen.

In der Rückschau – gibt es etwas, von dem Sie sagen, das hätte ich lieber lassen sollen.

Zu inszenieren oder zu schreiben? Oder die falschen Freunde?

Bleiben wir beim Theater.

Das ist schwer bei einem Optimisten wie mir. Weil ich am Ende auch aus meinen Niederlagen und aus meinem Scheitern letztlich immer auch Energie fürs Weitermachen gezogen habe. Scheitern, um wieder besser scheitern zu können, sagt unser Oberspielleiter Peter Kube ganz häufig und im Scherz, an dem ja was dran ist. Zurücknehmen möchte ich nichts.

Manuel Schöbel drückt übers Jahr gehörig aufs Tempo. So viele Stücke und Aufführungen mit einer teils kleinen Mannschaft. Geht das nach dem 60. so weiter?

Theater tickt überall auf der Welt ziemlich schnell. Und in Deutschland findet man Häuser, da geht es viel rasanter zu als bei uns. Wenn es hier so schnell wirkt, dann muss es daran liegen, dass es eine ruhige Landschaft ist. Oder es vorher anders war.Ob es so weitergeht? Nie. Ich liebe es, etwas zu ändern. Auch an meinen Verhaltensweisen. Da stelle ich mir immer kleine Aufgaben. Ich will gerne auch ein Stückchen den Rhythmus meines Lebens verändern. Ich habe zwei wunderbare Kinder, die meinen Rhythmus teils sehr entschieden mitbestimmen und meine Frau wiederum gibt mir sehr viel Ruhe.

Was wollen Sie unbedingt noch machen?

Die Felsenbühne in Rathen haben wir angefangen umzubauen. An diesem Prozess möchte ich so teilnehmen, dass er zu einem sehr guten Ende führt und dass dieser Spielort eine lange Perspektive hat.

Zum 60. – was haben Sie sich gewünscht? Wie und wo haben Sie gefeiert?

Mit meiner Familie und einem sehr kleinen Kreis von Freunden. Es passt sogar irgendwie zu mir, dass im Moment sowieso Abstand verbietet, rauschende Feste zu feiern. Ich leide da nicht. Ich habe so viel Menschen um mich herum im Theaterleben, da bin ich, wenn es um mich selber geht, ganz zufrieden, wenn ich meine Abgeschiedenheit und Ruhe haben kann.

Der Wunsch ist, Zeit mit bestimmten Menschen zu verbringen und Zeit geschenkt zu bekommen, um diese mit anderen mal zu zweit oder in kleiner Gruppe teilen zu können. Das habe ich mir vorgenommen, mehr als bisher zu nutzen.

Glückwunsch zum Geburtstag sagen die SZ und Peter Redlich.

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