merken
PLUS Görlitz

Neun Direktkandidaten wollen einziehen

Der sächsische Landtagswahlkreis 58 umfasst Görlitz und Reichenbach sowie Königshain, Markersdorf und Vierkirchen. Es ist ein besonderer.

Die Landtagskandidaten aus dem Wahlkreis 58 auf einen Blick.
Die Landtagskandidaten aus dem Wahlkreis 58 auf einen Blick. © SZ-Montage

Im Landtagswahlkreis 58 treten Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und darüber hinaus gleich drei derzeitige Landtagsabgeordnete an: Franziska Schubert (Bündnisgrüne), Mirko Schultze (Linke) und Sebastian Wippel (AfD). Gewinnen kann nur einer, die größten Chancen haben Kretschmer und Wippel. Allerdings sind alle vier über vordere Plätze auf der Landesliste abgesichert, werden also mit hoher Wahrscheinlichkeit in den neuen Landtag einziehen. Die anderen Kandidaten haben allenfalls Außenseiterchancen.

„Das Eigentum der Bürger muss sicher sein“

Ministerpräsident Michael Kretschmer tritt in der Heimat an, doch er trifft auf starke Konkurrenz.

Anzeige
Wandern mit Kindern: Das muss mit
Wandern mit Kindern: Das muss mit

Bei Ausflügen mit Kindern stehen Erlebnis und Abenteuer im Vordergrund. Das sollte bei der Tourenplanung und beim Packen des Rucksacks bedacht werden.

Michael Kretschmer tritt für die CDU an.
Michael Kretschmer tritt für die CDU an. © Ronald Bonß

Den Ausgang der Bundestagswahl 2017 hat Michael Kretschmer nicht vergessen: Damals verlor er seinen sicher geglaubten Görlitzer Wahlkreis an Polit-Neuling Tino Chrupalla von der AfD. Inzwischen ist der gebürtige Görlitzer sächsischer Ministerpräsident – und kandidiert als solcher auch für den Landtag als CDU-Direktkandidat in Görlitz.

Doch diesmal gilt der Wahlkreis keineswegs als sicher. Auch AfD-Kandidat Sebastian Wippel hat gute Chancen auf das Direktmandat. Kretschmer ist freilich durch den Listenplatz 1 abgesichert. Unermüdlich tourt er durchs Land, immer und immer wieder ist er auch in Görlitz und Umgebung anzutreffen – nicht nur zu Empfängen und Firmenbesuchen, sondern oft auch im Gespräch mit der Bevölkerung.

Für Sachsen setzt er vier Schwerpunkte: gesellschaftlichen Zusammenhalt, Bildung, Sicherheit und Digitalisierung. „Ich will die Menschen in Sachsen aktiv ermuntern, ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten wahrzunehmen und sich freiwillig zu engagieren“, sagt der 44-Jährige, der mit seiner Partnerin und den beiden gemeinsamen Söhnen in Dresden lebt.

Zur Bildung sagt er: „Ich möchte, dass in Sachsens Schulen und Kitas Menschen heranwachsen, die ihr Leben selbstbestimmt meistern und gestalten können.“ Doch auch das Eigentum der Bürger müsse sicher sein: „Ich will, dass alle Menschen im Freistaat gut geschützt sind und sich sicher zu Hause fühlen.“ Bei der Digitalisierung sei es Ziel, dass ein pulsierendes Netz von digitalen Lebensadern die Menschen privat wie beruflich miteinander verbindet.

„So viel Einwanderung wie nötig“

Sebastian Wippel wollte OB von Görlitz werden. Nun hat er beste Chancen, im Landtag zu bleiben.

Sebastian Wippel will für die AfD in den Landtag. 
Sebastian Wippel will für die AfD in den Landtag.  © AfD

Sebastian Wippel war von 2010 bis 2013 Mitglied der FDP. Danach trat er in die AfD ein. Bei den Wahlen 2014 wurde er für die damals noch neue Partei in den Kreistag und – dank Platz 8 der Landesliste – auch in den Sächsischen Landtag gewählt. Diesmal steht der 36-jährige Polizeikommissar sogar auf Listenplatz 5. Sein Wiedereinzug in den Landtag gilt damit als sicher.

Allerdings könnte er auch als Direktkandidat einziehen: Ihm und Michael Kretschmer werden die besten Chancen eingeräumt. Wippel, der mit seiner Frau und den drei Kindern in der Görlitzer Innenstadt lebt, ist bei der Oberbürgermeisterwahl im Juni im zweiten Wahlgang an Octavian Ursu (CDU) gescheitert. Jetzt will er weiterhin auf Landesebene Politik machen. Als seine Schwerpunkte nennt er die Themen sichere Grenzen/Sicherheit, Arbeit und Ausbildung sowie Familie. „Gerichte, Staatsanwaltschaften und Polizei müssen besser ausgestattet werden, damit eine effektive und effiziente Arbeit möglich wird“, sagt er. Zur effektiven Fahndung setzt er sich für Personen- und Güterkontrollen an den deutschen Außengrenzen ein.

Der gebürtige Görlitzer fordert ein „Hinwirken auf ein bundeseinheitliches Bildungssystem, das sich an den besten orientiert, damit Lehrlinge und Studenten auch ausbildungs- und studierfähig sind“. Einwanderung lehnt er nicht pauschal ab. Er will „so viel Förderung und Qualifikation wie möglich, und so viel Einwanderung wie nötig“. Stärkere demokratische Mitbestimmung von Familien soll über ein Familienwahlrecht möglich werden. 

„Die Menschen sollen mitentscheiden“

Mirko Schultze sitzt schon für die Linke im Landtag. Dort will er künftig zwei Schwerpunkte setzen.

Mirko Schultze kandidiert für die Linkspartei. 
Mirko Schultze kandidiert für die Linkspartei.  © privat

Mirko Schultze ist längst Politprofi. Von 2005 bis 2013 leitete der gelernte Baufacharbeiter das Büro des damaligen Bundestagsabgeordneten Ilja Seifert, zwischendrin rückte er 2009, kurz vor Ablauf der Legislaturperiode, für zwei Monate in den Landtag nach. Danach war er wegen seines schlechten Listenplatzes wieder draußen, aber seit der Wahl 2014 ist der 45-Jährige erneut Mitglied des Sächsischen Landtages – und Sprecher für Feuerwehr, Rettungswesen und Katastrophenschutz der Fraktion Die Linke.

Diesmal steht er auf Listenplatz 10, seine Wiederwahl gilt somit als sicher. Für die neue Legislatur sieht der gebürtige Görlitzer, der heute in der Innenstadt lebt, zwei Schwerpunkte. „Für die Region ist es ganz wichtig, dass wir den Strukturwandel so organisieren, dass die Menschen mitgenommen werden.“ Er spricht vom „Strukturwandel von unten“: Die Menschen sollen mitentscheiden, nicht alles nur aufgestülpt bekommen. Sein zweiter Schwerpunkt: „Ich möchte, dass es in der neuen Legislatur gelingt, ein modernes Brand-, Rettungs- und Katastrophenschutzgesetz aufzustellen.“ Wichtig sei, dass es einen guten Schutz der Bevölkerung bringt und mit den Bedürfnissen der Ehrenamtler im Einklang steht.

Doch es gibt noch weitere Themen, die Schultze umtreiben: Er will, dass die Jugendförderung erhöht wird und dass die Infrastruktur auf die Dörfer zurückkehrt: „Wir müssen den ländlichen Raum durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen attraktiv machen“, sagt Schultze, der für seine Partei auch im Kreistag sowie im Görlitzer Stadtrat sitzt.

„Die Kommunen brauchen mehr Geld“

Franziska Schubert sitzt seit 2014 für die Grünen im Landtag. In Görlitz war sie aber lange unbekannt.

Franziska Schubert bewirbt sich für die Grünen. 
Franziska Schubert bewirbt sich für die Grünen.  © privat

2019 war Franziska Schubert in Görlitz plötzlich in aller Munde: Für die Bündnisgrünen, die Bürger für Görlitz und Motor Görlitz trat sie bei der OB-Wahl an. Die SPD sprach sich letztlich auch für sie aus – und am Ende kam die 37-Jährige im ersten Wahlgang auf 28 Prozent. Im zweiten Wahlgang zog die gebürtige Löbauerin zugunsten von Octavian Ursu (CDU) zurück.

Vor dem OB-Wahlkampf war sie in Görlitz kaum wahrgenommen worden – obwohl sie seit 2014 für die Bündnisgrünen im Landtag und auch im Kreistag sitzt. Sie wohnte lange in Ebersbach-Neugersdorf, wo sie auch aufgewachsen ist und bis vor Kurzem im Stadtrat saß. Erst zum OB-Wahlkampf zog sie nach Görlitz. Hier will sie nach eigener Aussage auch bleiben.

Bei der Landtagswahl steht sie auf Listenplatz 5. Ihr Wiedereinzug gilt damit als sicher. Ihre Schwerpunkte im Landtag sind Finanzpolitik, Kommunalfinanzen und Petitionswesen. „In der neuen Legislatur wollen wir eine Verbesserung der Finanzausstattung der Kommunen erreichen“, sagt sie. Das heißt vor allem: Es soll mehr Geld in die Regionen abseits der drei großen Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz fließen – also auch in die Oberlausitz. Zudem setzt sie auf Mobilität: „Nah-, Bahn- und Radverkehr müssen attraktiver werden.“ Dazu gehöre auch eine gute Taktung des Nah- und Bahnverkehrs. Doch auch für Kinder und Jugendliche will sie sich einsetzen: „Ich möchte helfen, Kitas, Schulen und außerschulische Angebote zu stärken.“ Wichtig sei es, Kindern und Jugendlichen ein gutes Leben zu ermöglichen, unabhängig von ihrer Herkunft. 

„Kostenlose Kindergärten“

Mike Thomas ist Direktkandidat der SPD. 
Mike Thomas ist Direktkandidat der SPD.  © privat

Dass seine Chancen, in den Landtag einzuziehen, nicht riesig sind, weiß Mike Thomas. Doch der frisch gewählte SPD-Stadtrat aus Weinhübel probiert es gleich doppelt: Als Direktkandidat und auf Platz 36 der Landesliste. Er wünscht sich, dass die SPD zumindest besser abschneidet als zur Görlitzer Stadtratswahl, wo sie auf 2,3 Prozent kam.

Mike Thomas ist 50 Jahre alt, seit 1998 verheiratet, gelernter Programmierer, blind und EU-Rentner. „Im Landtag würde ich mich gern für drei Ziele einsetzen“, sagt Mike Thomas: „Die Einführung der Gemeinschaftsschule, kostenlose Kindertagesstätten und den Erhalt der Werke von Siemens und Bombardier in Görlitz.“ Letzteres habe die Politik zwar nicht in der Hand, aber zumindest könnte er als Landtagsabgeordneter darauf Einfluss nehmen, sagt er. Ein anderer Schwerpunkt, der aber nicht mit Görlitz zu tun hat: „Nicht jeder Tagebau muss ein See werden.“ Stattdessen ließen sich darin auch Anlagen für regenerative Energien aufbauen, zum Beispiel Solarfelder oder Windkraftanlagen: „Am Tagebau wohnen meist relativ wenige Leute, so stören Windkraftanlagen kaum.“

„Schulen besser ausstatten“

Stefan Waurich wurde von der FDP nominiert. 
Stefan Waurich wurde von der FDP nominiert.  © privat

„Ich kandidiere, weil ich nicht nur meckern, sondern politisch mitgestalten will“, sagt Stefan Waurich von der FDP. Weil er es Ernst meint, hat er mit waurich.de eine Internetseite geschaltet. Der 39-jährige Diplom-Verwaltungswirt ist Sachgebietsleiter Personal beim Landkreis Görlitz und lebt nach eigener Aussage in einer „glücklichen Beziehung“. Er ist in Görlitz geboren und lebt jetzt auch in der Neißestadt.

Sein wichtigstes Thema ist das Schulsystem: „Es muss etwas gegen Lehrermangel und Unterrichtsausfall getan werden, aber auch für eine bessere technische Ausstattung der Schulen.“ Auch das Thema Sicherheit ist ihm sehr wichtig: „Wir brauchen eine deutlich besser ausgestattete Polizei.“ Videoüberwachung könne keine gute Alternative sein, sondern bestenfalls eine Ergänzung. Als drittes Thema bewegt ihn der Kohleausstieg. Die Lausitz stehe vor einem Strukturwandel wie seit 30 Jahren nicht. Er halte einen Kohleausstieg im Jahr 2038 für zu zeitig: „Das werden wir nicht schaffen.“ Weil die Planungsverfahren in Deutschland so lange dauern, plädiert er für eine Verschiebung um zehn bis 20 Jahre. 

„Sicherheit ist Staatsaufgabe“

Frank Hannig will es für die Freien Wähler wissen. 
Frank Hannig will es für die Freien Wähler wissen.  © privat

„Wir Freien Wähler wollen in jedem Wahlkreis vertreten sein“, sagt Frank Hannig. Obwohl er in Halle/Saale geboren wurde und seit 1997 als selbstständiger Rechtsanwalt in Dresden lebt und arbeitet, findet er den Görlitzer Wahlkreis extrem spannend – wegen seines persönlichen Schwerpunktthemas „Innere Sicherheit“, aber auch, weil Michael Kretschmer und Sebastian Wippel hier antreten. Dass er selbst nicht in Görlitz lebt, sieht er nicht als Nachteil: „Ich kenne Görlitz gut, vertrete viele Mandanten am hiesigen Landgericht.“ Strafrecht ist seit vielen Jahren der Schwerpunkt des 49-Jährigen, der verheiratet ist und zwei Kinder hat.

Die Freien Wähler seien der Meinung, „dass uns weniger Staat guttun würde, aber nicht bei der inneren Sicherheit“. Er sei für Videoüberwachung und Grenzpolizei, aber gegen Bürgerwehren: „Hier ist der Staat als Einziger gefragt, nur er hat die Kompetenz.“ In allen anderen Bereichen sei er für viel Bürgerengagement. Hannig ist ehrenamtlicher Feuerwehrmann. Die Frage, wie es gelingt, mehr Jugendliche fürs Ehrenamt zu begeistern, ist ihm deshalb sehr wichtig.

„Sorbenstatus für jedermann“

Michael Krause geht für „Die Partei“ ins Rennen. 
Michael Krause geht für „Die Partei“ ins Rennen.  © privat

Michael Krause war in den vergangenen fünf Jahren CDU-Gemeinderat in Markersdorf. „Dort trat ich aber 2017 aus, da junge Menschen nicht wirklich mitwirken können“, sagt der heute 27-Jährige. Nun ist der Markersdorfer Direktkandidat für die Satirepartei „Die Partei“. Entsprechend spaßig sind seine Ziele. „Ich möchte die traditionelle Blasmusik fördern, auch, um den Menschen im Land den gepflegten Bierkonsum zu ermöglichen“, sagt Krause, der nach eigener Aussage selbst gar kein Bier trinkt. Zudem möchte er den Sorbenstatus für jedermann einführen, „da das bei aktueller Gesetzeslage recht schnell machbar ist“. Er beschreibt sich gern als den „Super-Micha“: jung, dynamisch und top ausgebildet.

Aufgewachsen ist Krause in Vierkirchen. Durch die dortige Kirchgemeinde ist er christlich geprägt. Er hat von 2008 bis 2011 eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter in Reichenbach gemacht. Dort arbeitet er seit 2011 im Meldewesen: Nebenberuflich hat er noch eine Fortbildung zum Verwaltungsfachwirt absolviert. Statt Wahlkampf zu machen, ist er jetzt in den Urlaub gefahren.

„Demokratie einführen“

Dietmar Jakowitz wurde von der BüSo aufgestellt.
Dietmar Jakowitz wurde von der BüSo aufgestellt. © Webe

Mit 70 Jahren ist Dietmar Jakowitz der mit Abstand älteste Direktkandidat im Wahlkreis. Er stammt aus Zittau, lebt mit seiner Partnerin in Eckartsberg und war vor seinem Renteneintritt als Elektromeister selbstständig. Er ist geschieden, hat zwei Kinder und tritt für die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) an. Bei Wikipedia heißt es: „Die aktuellen Hauptthesen der Partei sind der baldige Zusammenbruch des globalen Finanzsystems, der seit Jahrzehnten als jeweils unmittelbar bevorstehend vorausgesagt wird, und die Forderung nach einer anschließenden Reorganisation des globalen Finanzsystems.“

Jakowitz sagt, in Deutschland gebe es keine Demokratie. Sein Hauptziel sei deshalb deren Einführung: „Die Bürger sollen mehr Mitsprache bekommen, zum Beispiel über Volksentscheide.“ Weiterhin wünscht er sich eine bessere Zusammenarbeit mit Russland und China und den gemeinsamen Aufbau von Raketen- und Weltraumforschung mit den Partnern im Osten. „Außerdem muss der Staat etwas dafür tun, dass mehr Kinder zur Welt kommen, damit die Region nicht ausblutet“, sagt er.

Das sind die vier Wahlkreise:

Wahlkreis 57 (Weißwasser/Niesky): Tilmann Havenstein (CDU), Antonia Mertsching (Linke), Thomas Baum (SPD), Roberto Kuhnert (AfD), Thomas Pilz (Bündnisgrüne), Sebastian Grubert (FDP), Siegmund Hänchen (Freie Wähler).

Wahlkreis 58 (Görlitz und Umland): Die neun Kandidaten, die auf dieser Seite vorgestellt werden.

Wahlkreis 59 (Löbau und Oberland): Matthias Reuter (CDU), Marie Wobst (Linke), Thomas Kuhne (SPD), Mario Kumpf (AfD), Sylvio Pfeiffer-Prauß (Bündnisgrüne), Christine Schlagehan (FDP), Rico Hertrampf (Freie Wähler).

Wahlkreis 60 (Zittau und Umgebung): Stephan Meyer (CDU), Tuomo Neumann (Linke), Andreas Herrmann (SPD), Christian Siegert (AfD), Marie Mühlich (Bündnisgrüne), Hans Grüner (FDP).

1 / 4

Mehr Lokales unter:

www.sächsische.de/goerlitz

www.sächsische.de/niesky

Mehr zum Thema Görlitz