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Nicht zu stoppen: Larven fressen Wälder auf

Besonders junge Baumbestände sind gefährdet. Experten hoffen nun auf einen Virus. Der könnte die Plage beenden.

Siegmund Hänchen aus dem Rothenburger Ortsteil Neusorge hat an seinen Kiefern die Gefräßigkeit der Wespenlarven bereits festgestellt. Seit einer reichlichen Woche fallen sie über die Nadeln an drei- bis 20-jährigen Kiefernbeständen her.
Siegmund Hänchen aus dem Rothenburger Ortsteil Neusorge hat an seinen Kiefern die Gefräßigkeit der Wespenlarven bereits festgestellt. Seit einer reichlichen Woche fallen sie über die Nadeln an drei- bis 20-jährigen Kiefernbeständen her. © André Schulze

Wenn Siegmund Hänchen zu seinen Kiefern hinüberschaut, bietet sich ihm derzeit ein ziemlich trauriger Anblick. Viele Äste sind von Massen kleiner, schwarzer Krabbeltiere befallen. Sie ziehen allmählich in Richtung Stamm und sind vor allem eins – gefräßig. An einigen Stellen hängen die Nadeln schlapp und ohne das sonst so typische saftige Grün leblos herab. Meist sind sie aber schon völlig verschwunden. Abgefressen von den Larven der Rotgelben Kiefernbuschhornblattwespe.

Hänchen hat seinen Baumbestand in und um den Rothenburger Ortsteil Neusorge stehen. Gerade hier aber, sagt Revierförsterin Silvia Friedrich, sei das Zentrum der so plötzlich aufgetretenen biologischen Katastrophe. „An der Neiße zwischen Rothenburg und Neusorge sieht es besonders kritisch aus. Aber auch rund um Rietschen und Daubitz, wo die Sandböden völlig ausgetrocknet sind.“ Latent sei die Wespenlarvengefahr aber überall in drei- bis 20-jährigen Kiefernwäldern vorhanden. „Manche Leute haben das bestimmt auch in ihren Gärten bemerkt. Wo dort Kiefern in dem für die Wespenlarven bevorzugten Alter stehen, sind die Tiere momentan nicht zu stoppen.“

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Die Invasion der schwarzen Raupen kam quasi über Nacht. „Seit einer reichlichen Woche fressen sie sich durch den Kiefernwald“, erklärt Katrin Lattermann vom Kreisforstamt im Landkreis Görlitz. Bei der alljährlich durchgeführten Winterbodensuche habe man nichts festgestellt. Dabei wird auf bestimmten Flächen die Zahl der Individuen der jeweils festgestellten Schädlingsarten ermittelt und dann hochgerechnet. Daraus ergeben sich Prognosen, mit welchem Schädlingsbefall wo zu rechnen ist. Die Rotgelbe Kiefernbuschhornblattwespe hat den Experten allerdings ein Schnippchen geschlagen. Die im September und Oktober schwärmenden Insekten legen ihre Eier in die Nadeltaschen der Kiefern, wo sie überwintern und erst Ende April oder Anfang Mai zu neuem Leben erwachen. Denn dann beginnt das große Fressen. Bis die Raupen etwa 2,5 Zentimeter groß geworden sind, werden in den Kiefernjungbeständen alle Nadeln verspeist, die erreichbar sind. Das dauert bis etwa Ende Mai, dann „seilen“ sich die Larven auf den Waldboden ab und beginnen, sich zu verpuppen. Bis September sieht man die Insekten nicht, erst danach werden aus ihnen richtige Kiefernbuschhornblattwespen. Als die Forstleute im Winter den Boden nach Schädlingen absuchten, lagen die Wespeneier bereits hoch oben in den Kiefern. Entdecken konnten sie selbst die Experten nicht, die schon im vergangenen Jahr eine Zunahme der Art in den hiesigen Kiefernbeständen feststellten. „Auslöser einer solchen sprunghaften Vermehrung ist immer ein besonders trockenes Jahr. Das hatten wir 2018. Pilze und Parasiten, die sonst negativ auf die Wespenbrut wirken, sind in diesen Dürreperioden ganz einfach nicht da“, erläutert Katrin Lattermann. Besonders gefährdet gewesen seien sonnig stehende Kulturen. Und Aufforstungsflächen, die durch die Trockenheit einen regelrechten Stresstest hätten bestehen müssen. Sollte 2019 – wie von Meteorologen bereits angekündigt – ein ebenso heißes Jahr werden, dürfte sich die Zahl der Wespenlarven im Folgejahr noch einmal erheblich erhöhen. Und damit Schäden anrichten, die nur schwer zu kompensieren sind. „Bei kleinen Kiefern kann es durchaus zum Kahlfraß kommen. Bei den etwas größeren bleibt der Maiwuchs oft unversehrt. Der ist dann Ziel der Wespenlarven im nächsten Jahr. Auf jeden Fall sind die Bäume dann schon extrem geschwächt“, erklärt Silvia Friedrich.

Bis Ende Mai fressen sich die Larven in Massen an den Kiefernzweigen entlang. Der Maiwuchs (rechts) bleibt in den meisten Fällen jedoch verschont.
Bis Ende Mai fressen sich die Larven in Massen an den Kiefernzweigen entlang. Der Maiwuchs (rechts) bleibt in den meisten Fällen jedoch verschont. © André Schulze

Trotzdem raten die beiden Fachfrauen Waldbesitzern ab, in Panik zu verfallen. Natürlich sei es möglich, die Kiefernwälder mit der chemischen Keule zu behandeln und damit wieder schädlingsfrei zu machen. Ziel sei doch aber eine naturgemäße Waldwirtschaft. Deshalb hoffen sie auf eine von Viren hervorgerufene Krankheit, die den Wespenlarven im Laufe des Mai immer mehr zusetzt. So war es zumindest bisher. „Wir von der Forstbehörde beobachten das Geschehen ganz genau“, erklärt Katrin Lattermann. Entscheidend sei jetzt die Zeit bis Anfang Juni. Sollten die gefräßigen schwarzen Raupen bis dahin nicht vor dem Virus kapituliert haben, müsse man handeln. Zuvor aber sei vor allem Aufmerksamkeit gefragt. „Wenn Waldbesitzer in ihren Beständen die Wespenlarve bemerken, sollten sie sich umgehend an die Forstbehörde wenden. Wir stellen dann die Art der Wespe fest und beobachten den Aufwuchs. Je nach Verlauf muss im Einzelfall entschieden werden, wie verfahren werden soll.“

Nach Angaben der Fachfrau aus dem Landratsamt hat die Rotgelbe Kiefernbuschhornblattwespe vor Jahren schon einmal in Brandenburg für Unheil gesorgt und 2008 im nördlichen Landkreis Görlitz auf trockenen Flächen im Tagebaurestgelände. Wie damals sei das Auftreten der Wespenlarven auch diesmal lokal begrenzt. Spezielle Finanzhilfen für Ersatzpflanzungen gebe es nicht, so Katrin Lattermann. Allerdings könnten Waldbesitzer Fördermittel in Anspruch nehmen, die für die Umwandlung von Monokulturen in Mischbestände gedacht seien. Diese Form der Waldbewirtschaftung sei perspektivisch sowieso besser. „Wird eine Art weggefressen, bleiben zwei oder drei andere stehen.“ Eberesche, Birke und Pappel seien dafür geeignet.

Die Larven der Rotgelben Kiefernbuschhornblattwespe sind aber nur ein Problem, mit dem sich die Forstleute aktuell herumschlagen müssen. Der Buchdrucker oder Fichtenborkenkäfer, der schon 2018 massive Schäden angerichtet hat, sucht derzeit die Fichtenbestände im Landkreis heim – besonders die Waldgebiete südlich der Königshainer Berge. „Sollte die Witterung 2019 wieder extrem trocken sein, könnten wir es im Norden verstärkt auch mit dem Kiefernborkenkäfer zu tun bekommen“, blickt Katrin Lattermann voraus.

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