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Operation Krankenhaus. Eine Recherche aus Sachsen

Mit welchen Methoden der Gesundheitskonzern Asklepios seine Häuser saniert. Zum Beispiel die Hohwald-Klinik in Neustadt in Sachsen.

Blick in einen der neuen Operationssäle der AKG Klinik Hohwald GmbH vor der Inbetriebnahme: Mehr Operationen sollen die Rentabilität erhöhen.
Blick in einen der neuen Operationssäle der AKG Klinik Hohwald GmbH vor der Inbetriebnahme: Mehr Operationen sollen die Rentabilität erhöhen. © Marko Förster

Von Ulrich Wolf und Julius Fiedler

Irgendwann geht es rechts ab. Auf eine Stichstraße, die kurz vor Tschechien endet. Zur Orthopädischen Klinik Hohwald. Am Eingang schwächelt eine Sachsen-Fahne in der Brise. Grün und weiß, das sind auch die Hausfarben des Eigentümers Asklepios aus Hamburg. Ein privater Gesundheitskonzern: 2,3 Millionen Patienten, 27.000 Betten, 36.000 Mitarbeiter, 3,4 Milliarden Euro Jahresumsatz. Zu den 104 Kliniken und 70 Gesundheitszentren gehören acht Standorte in Sachsen.

Erst im Oktober präsentierte das Magazin Focus seine 2019er-Liste der besten Krankenhäuser Deutschlands. Und die AOK ihren Krankenhausnavigator. Die Hohwald-Klinik schnitt bei beiden überdurchschnittlich ab. „Das zeigt, dass unsere kontinuierlich hervorragende Teamleistung nicht unbemerkt bleibt“, lässt sich der für Sachsen zuständige Asklepios-Regionalgeschäftsführer via Pressemitteilung zitieren.

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Patrick Hilbrenner heißt der Mann. Bereits als dessen Ernennung bekannt wurde, im Dezember 2017, schlugen Prominente der Region Alarm: Chefarzt, Bürgermeister, Landtagsabgeordnete, Pfarrer. Die Unterzeichner seien „in außerordentlich großer Sorge“, schrieben sie an die Asklepios-Konzernspitze in Hamburg. Der Grund: Sie wussten, dass Hilbrenner auf die Sanierung von Krankenhäusern spezialisiert ist. Sein Vorgänger hingegen war beliebt und hatte der Hohwald-Klinik zu einem herausragenden Renommee verholfen. Eine auf den Wechsel zufällig angesprochene Frau am Parkplatz der Klinik sagt nur: „Sie schreiben nichts. Und wenn Sie schreiben, dass Sie nichts schreiben sollen, behalte ich mir rechtliche Schritte vor.“

Seit Anfang 2018 ist Patrick Hilbrenner für die Asklepios-Kliniken in Hohwald, Sebnitz und Radeberg zuständig. Bei einem Treffen mit Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch im vergangenen Juli machte er seine Pläne zur Behandlung von Patienten aus Tsche
Seit Anfang 2018 ist Patrick Hilbrenner für die Asklepios-Kliniken in Hohwald, Sebnitz und Radeberg zuständig. Bei einem Treffen mit Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch im vergangenen Juli machte er seine Pläne zur Behandlung von Patienten aus Tsche © Dirk Zschiedrich

Dicke Luft also. Dicke Luft an einem Ort, der einmal eine Lungenheilstätte war. Damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Landesversicherungsanstalt Sachsen die Klinikgebäude für 2,5 Millionen Goldmark bauen ließ. Hinter dem zentralen Gebäude öffnet sich nach Süden hin ein weiter Park. Wildschweine haben dort ihre Wohlfühlspuren hinterlassen.

Eher unwohl hingegen müssen sich im vergangenen Sommer einige Führungskräfte der 160-köpfigen Belegschaft gefühlt haben, darunter der ärztliche Direktor und zwei leitende Oberärzte. Mindestens neun Chefs setzten am 4. Juli ihre Namen unter einen Brief, den sie an Hilbrenner schickten. Und in Kopie nach Hamburg. Es mangele „an geschultem Personal, um Geräte wie Magnetresonanz- oder Computertomografen nutzen zu können“, heißt es. Die im ersten Halbjahr 2019 „erbrachte Mengensteigerung“ stelle „kein gesundes Wachstum“ dar. Hilbrenners Primat liege nicht beim Patienten, sondern bei „dem wirtschaftlichen Klinikergebnis“.

Die Ärzte gehen mit dem neuen Regionalgeschäftsführer hart ins Gericht. Hilbrenner agiere mitunter in einem „aggressiven, teils abwertenden Tonfall“. Das Betriebsklima werde vergiftet, „indem gezielt einzelne Abteilungen gegeneinander ausgespielt werden“.

"Knallharter Sparkurs"

Der Brief schlägt hohe Wellen. Sogar Konzerneigentürmer Bernard große Broermann meldet sich. Der 75 Jahre alte Multimilliardär schreibt an den Chefarzt Bernd Hantke: „Ich darf Ihnen versichern, dass Asklepios ohne Wenn und Aber zu dieser Klinik mit ihrer führenden Endoprothetik und ihrem angesehenen interdisziplinären Wirbelsäuren-Zentrum steht.“

Asklepios-Pressesprecher Rune Hoffmann ergänzt, die Beschwerde sei aufgenommen worden, es habe „eine entsprechende Aussprache“ stattgefunden. Daran habe auch Vorstandschef Kai Hankeln teilgenommen. Die von den Ärzten aus Hohwald aufgebrachten Punkte seien „konstruktiv diskutiert“ worden. Externe Berater hätten inzwischen mit einem „Personalentwicklungsprozess“ begonnen. Im Übrigen sei Herr Hilbrenner „eine ausgewiesen kompetente Führungskraft, die im Konzern hohes Ansehen genießt“.

Der Gelobte stammt aus Osnabrück. Er studierte in Halle Medizin, machte aber keine Approbation. Stattdessen wechselte er zur Fachhochschule Osnabrück, spezialisierte sich auf die Betriebswirtschaft im Gesundheitswesen. Dieses Studium schloss Hilbrenner als Diplom-Kaufmann ab. Seine Karriere startete der heute 51-Jährige als Assistent der Geschäftsführung im Kreiskrankenhaus Gummersbach. 2006 wurde er Verwaltungsdirektor eines medizinischen Zentrums für Gesundheit in Bad Lippspringe, dann wechselte er zum Schweizer Klinikkonzern Ameos. Sein Job dort war es, einige Krankenhäuser in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zu sanieren. 

Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung schrieb: „Hilbrenner setzt auf einen knallharten Sparkurs, vor allem durch einen massiven Personalabbau.“ In Halberstadt klagte der Betriebsrat über einen „strikten Sparkurs und fragwürdige Personalentscheidungen“. Beim Ameos-Vorstand in Zürich hingegen betrachtete man Hilbrenners Maßnahmen als notwendige Rosskur. Tatsächlich sanken die Verluste der Kliniken deutlich, in Alfeld bei Hildesheim etwa von sechs Millionen Euro im Jahr 2015 auf rund 800.000 Euro im Jahr 2017.

Küchenschließung sorgt für Wirbel

Dass Hilbrenner als Sanierer nach Sachsen gekommen ist, das räumt Asklepios offen ein. Er werde auch bezahlt, um „unangenehme und wirtschaftlich notwendige Entscheidungen zu treffen“. Die ihm anvertrauten Kliniken in Hohwald, Sebnitz, Radeberg und Weißenfels müssten zukunftsfest aufgestellt und die Belegschaft auf diesem Weg mitgenommen werden. „Diese Anforderungen erfüllt Herr Hilbrenner voll und ganz.“

Der Niedersachse setzt seinen Fit-für-die-Zukunft-Auftrag tatkräftig um: Er zentralisiert den Einkauf der Kliniken; prompt aber registrieren Ärzte Lieferbeschwerden. Asklepios räumt Probleme in der Umstellungsphase ein, sie seien aber inzwischen wieder behoben. Hillbrenner tauscht den Lieferanten für künstliche Hüft- und Kniegelenke aus. Folge: Die Komplikationsrate während der Operationen steigt. Auch das räumt Asklepios ein, betont jedoch: „Inzwischen nähert sich diese Rate wieder der als Optimalwert geltenden Quote von 0,2 Prozent an.“ Der Klinikaufenthalt der Patienten, der in den ostsächsischen Asklepios-Häusern schon jetzt deutlich unter dem deutschen Durchschnitt von 7,3 Tagen liegt, soll weiter verkürzt werden.

Nur 15 Autominuten von Hohwald entfernt hat sich ein Ufo in einen Waldhang gerammt: die Sächsische-Schweiz-Klinik in Sebnitz mit 160 Betten. Der erste Krankenhausneubau im Osten nach der Wende gehört seit 1999 zu Asklepios. 2017 entstand eine Million Euro Verlust. Im Geschäftsbericht ist von „Prozessoptimierung“ die Rede, von „kreativen Maßnahmen“, von „Effizienzsteigerungen“. Asklepios zufolge sieht das bei Hilbrenner so aus: Er holt für die Abteilung Innere Medizin wieder mehr Patienten. Er baut ein Wirbelsäulenzentrum Mitteldeutschland mit den Standorten Sebnitz/Hohwald auf. Er will verstärkt Patienten operieren lassen, „die einer höheren intensivmedizinischen und aufwendigeren Nachbetreuung bedürfen, als wir dies in Hohwald anbieten können“. Zudem ist eine neue Reha-Einheit geplant.

Ein Kenner des Sebnitzer Krankenhauses sagt, das mache betriebswirtschaftlich alles Sinn. „Das ist ertragreicher als die rein medizinische Grundversorgung.“ Asklepios betont, unter Hilbrenners Führung sei Sebnitz schon 2018 wieder positiv geworden. 2019 werde es noch besser werden.

Kaum eine Entscheidung Hilbrenners indes hat so viel Wirbel verursacht, wie das Schließen der hauseigenen Küchen in Hohwald und Sebnitz Ende 2018. Seitdem kommt das Klinikessen aus den Niederlanden. Wie viel Geld das spart, dazu will Asklepios sich konkret nicht äußern. Man habe mit dieser Entscheidung „Prozesse optimiert, um Kapazitäten sinnvoller einsetzen zu können“, heißt es lediglich. Als unzutreffend wies der Konzern Gerüchte zurück, er kalkuliere mit Essenskosten von nur zwölf Euro pro Patient und Tag. „Der Betrag ist deutlich höher.“ Wie hoch genau, will man in Hamburg nicht sagen.

Enorme Arbeitsbelastung

Die Kantine der Sebnitzer Klinik im Untergeschoss jedenfalls ist an einem Donnerstag im Oktober um 14 Uhr nicht mehr geöffnet. Laut Menü-Plan gab es zum Mittag Schweinegulasch, Pfannengemüse und Kartoffeln für 3,50 Euro. Das Deutsche-Gesellschaft-für-Ernährung-Zertifikat für gesunde Menüs, mit dem Asklepios in seiner Hauszeitschrift „Am Puls“ wirbt, ist auf dem Wochen-Plan der Kantine nicht zu entdecken.

Seit August lässt Hilbrenner in Sebnitz auch Patienten aus Tschechien behandeln, die Klinik in Rumburk jenseits der Grenze ist insolvent. „Zum gleichen Entgelt wie bei deutschen Patienten“, betont Asklepios. Derzeit arbeite man „an den Regelungen zur Abrechnung der Behandlungskosten“. Und an Lösungen im Wettstreit um das immer knapper werdende Pflegepersonal.

Gegenüber der Kantine hängt eine Pinnwand, dort informiert der Betriebsrat. Die Gewerkschaft Verdi zählt Asklepios in dem ihr eigenen Jargon zur „Schmutzliga der Arbeitgeber“. Der Fachbereichsleiter Gesundheit von Verdi in Sachsen, Bernd Becker, sagt: „In den Kliniken unter Hilbrenners Führung sind die Leute sehr eingeschüchtert“. Mit keinem anderen Krankenhausbetreiber in Sachsen habe man solche Probleme. Becker räumt allerdings ein, dass Verdi bei Asklepios in Sachsen kaum noch Einfluss habe. „Anders als in Hamburg oder Niedersachsen ziehen die Mitarbeiter hier nicht mit, wenn es etwa ans Streiken geht.“

Asklepios-Sprecher Hoffmann sagt, das Unternehmen zahle branchenspezifische Gehälter. Bei den Ärzten richte man sich nach dem Tarifvertrag des Marburger Bundes, in der Pflege vereinbare man Vergütungen „nach den jeweiligen Arbeits- und Sozialordnungen, die wir mit unseren Betriebsräten vereinbaren“. In Sebnitz und Radeberg seien bereits Vergütungssprünge erfolgt, und zum Januar 2020 passe man die Gehälter an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes an.

Zu den Chefärzten des Krankenhauses in Radeberg geht es gleich nach dem Eingang rechts die Treppe hoch. Blattgrün gestrichenes Geländer, Steinstufen, bunte Bleiglasfenster, Jugendstil. Seit 1999 gehört das 145-Betten-Haus den Hamburgern mehrheitlich. Damals wünschte sich die Belegschaft Asklepios ausdrücklich als neuen Betreiber. 2017 brach der Gewinn um 94 Prozent ein, auf 131.000 Euro. „Sinkende Patienten- und Umsatzzahlen sind zwei der Gründe für die verschlechterte Ergebnisentwicklung“, heißt es im Geschäftsbericht. Es sei zu „notwendigen Wertberichtigungen aus strittigen Abrechnungen mit den Krankenkassen“ gekommen. In Mitarbeiterkreisen heißt es, die Arbeitsbelastung sei irre hoch, der Mangel an Pflegepersonal gravierend.

Verlockende Willkommensprämien

Als Hilbrenner kam, schlief er anfangs noch in einem Gästezimmer der Klinik. Nun ist jeden Dienstag Jour fixe. Fest steht mittlerweile: Hilbrenner will in Radeberg die Geriatrie ausbauen. Auf der Intensivstation, wo die Personallücke besonders groß ist, will er Krankenschwestern von den Philippinen einsetzen. Asklepios zufolge hat der Konzern in dem asiatischen Land in den vergangenen Monaten mehr als 800 gut ausgebildete, berufserfahrene Fachpflegekräfte für den deutschen Klinikmarkt geschult. Ähnliche Programme liefen in Indonesien, Mexiko und im Kosovo. Die Absolventen seien sofort einsatzbereit, müssten aber in der Regel mehr als sechs Monate auf ein Visum warten.

Hilbrenner will zudem die konzerneigene Krankenpflegeschule in Neustadt um einen Standort in Radeberg erweitern. „Weiterhin gibt es Überlegungen, gemeinsam mit einem starken Partner auch im benachbarten Ausland eine Ausbildungsstätte zu etablieren“, heißt es. Und: Inzwischen sei das Ergebnis vor Zinsen und Steuern auch in Radeberg wieder positiv.

Doch all das reicht wohl nicht aus. Um neues Personal zu finden, lockt Asklepios inzwischen auch in Sachsen mit Willkommensprämien. Nach bestandener Probezeit gibt es 5.000 Euro brutto. Andernorts sind es 6.000 oder gar 10.000 Euro. Während Verdi in solchen Prämien eine „Ohrfeige für lang gediente Kollegen“ sieht, hebt Asklepios hervor, dass jede neue Pflegekraft „vor allem ein Gewinn für unsere Bestandsmitarbeiter“ sei.

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In der Hohwald-Klinik kurz vor der tschechischen Grenze indes will keine so rechte Ruhe einkehren. Hilbrenner hatte erst in der vorigen Woche zur Betriebsversammlung eingeladen, auf der er vor einer negativen Presse warnte und seine Pläne vorstellte. Eine neue Maßnahme: Der Pflegepersonalschlüssel werde rückwirkend zum Januar 2019 erhöht – indem man etwa Physiotherapeuten und Sekretärinnen der Pflegedienstleitung unterstelle.

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