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Wie weiter mit gecrashten Autozulieferern?

Druckguss Dohna erwischt die Pleite zum zweiten Mal, KTSN Pirna und Veritas Neustadt erstmals. Insolvenzverwalter kämpfen für die Betriebe.

Druckguss unter Druck: Nächstes Jahr will man aus der Insolvenz raus sein und das 100-jährige Bestehen feiern.
Druckguss unter Druck: Nächstes Jahr will man aus der Insolvenz raus sein und das 100-jährige Bestehen feiern. © Marko Förster

Corona schlägt zu. Binnen zweier Monate waren drei Firmen in der Region derart ins Straucheln gekommen, dass sie Insolvenz anmeldeten. Die gute Nachricht: Alle drei gibt es immer noch. Die Insolvenzverwalter von Druckguss Dohna, KTSN Pirna und Veritas Neustadt kämpfen für die Unternehmen und Mitarbeiter. Wie es bei allen drei Firmen weitergeht und welche Parallelen es zwischen ihnen gibt, hat Sächsische.de hier zusammengetragen.

Druckguss Dohna

Die gute Nachricht aus dem Druckguss: Seit Juli arbeiten die 350 Leute wieder voll. Ob irgendwann erneut auf Kurzarbeit zurückgegriffen werden muss, ist offen, sagt  der Sprecher des vorläufigen Insolvenzverwalters Franz-Ludwig Danko. Kurzarbeit helfe, kurzfristige Schwankungen ohne Entlassungen zu überstehen.

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Möglich wurde die Vollarbeit durch höhere Abrufzahlen der Kunden, die bereits für länger mit Druckguss planen. Auch neue Produkte werden angefragt. Darüber hinaus ist man mit  potenziellen Neukunden im Gespräch. Auch alle wichtigen Lieferanten und Partner halten dem Unternehmen die Treue. Die stabile Qualität der Erzeugnisse sei dabei ein wichtiges Signal an die Kunden. So habe der Betrieb in den vergangenen Wochen stabilisiert werden können.

Trotz aller positiver Nachrichten: Druckguss ist noch nicht über den Berg. Die nächsten Wochen entscheiden. Im September endet der Insolvenzgeldzeitraum, wenn das  Insolvenzverfahren eröffnet ist. Ab dann müssen Löhne und Gehälter wieder aus dem laufenden Geschäft erwirtschaftet werden.

Die größte Aufgabe des Insolvenzverwalters ist die Suche nach einem Investor. Trotz der  angespannten Marktsituation, die für alle drei Firmen gilt, haben sich für Druckguss bereits mehrere Interessenten von sich aus gemeldet, sagt der Sprecher des Insolvenzverwalters. Das spreche für die DGH-Group mit den Standorten in Dohna in Sachsen und Hof in Franken. "Jetzt geht es darum, die DGH für potenzielle Investoren schnell so attraktiv wie möglich zu machen." Dafür entwickelt der vorläufige Insolvenzverwalter derzeit ein Restrukturierungskonzept, das mit Geschäftsführung und Betriebsrat abgestimmt wird.

Die IG Metall lobt den Druckguss-Insolvenzverwalter. "Er macht eine gute Arbeit, alles im grünen Bereich", sagt Willi Eisele, der zuständige Bevollmächtigte der Gewerkschaft. Einen Vorteil, wenn  man es denn so bezeichnen will, hat Danko. Er kennt Druckguss von der Insolvenz vor acht Jahren. Damals hatte sie ein glückliches Ende.

KTSN Pirna

Für die Kunststofftechnik Sachsen, kurz KTSN, in Pirna wird am 1. August das Insolvenzverfahren eröffnet. Das heißt, es müssen zwar keine Bankverbindlichkeiten mehr bezahlt, aber Gehälter und Löhne selbst erwirtschaftet werden. Insolvenzverwalter Rainer Bähr hat nun sechs Monate Zeit, das Unternehmen zu verkaufen. "Alles was schneller geht, ist besser." Bähr spricht bereits von mehreren Kaufinteressenten. Noch aber liege der Patient, sprich die Firma, in der Notaufnahme. Er sei nun der, der sein Überleben sichern muss. Erst danach kommt die Heilung.

Seit 2007 unter indischer Führung und künftig? Die Pirnaer Kunststofftechnik-Firma KTSN.
Seit 2007 unter indischer Führung und künftig? Die Pirnaer Kunststofftechnik-Firma KTSN. © Daniel Schäfer

Die knapp 300 Beschäftigten arbeiten indes uneingeschränkt weiter, sagt  Bähr. Inzwischen habe er bereits Leute neu eingestellt. Damit wurden effektiv nicht mehr Arbeitsplätze geschaffen, sondern man habe sich vom Prinzip der Leiharbeiter verabschiedet. Mit denen habe es immer wieder Probleme in der Qualität der Arbeit gegeben. Das könne man sich nicht leisten. Qualität ist das größte Verkaufsargument. 

Für Bähr ist die KTN-Insolvenz ein typischer Coronafall. Auch Druckguss hatte das Virus den letzten Schlag versetzt. Und noch eine Parallele gibt es. Bei Druckguss ist ein amerikanischer Investor, bei der KTSN seit 2007 die indische Minda-Gruppe, die offenbar in der gegenwärtigen Krise erst einmal die Probleme ihrer Stammhäuser lösen wollen und müssen. Das sei zwar nicht beweisbar, liege aber durchaus nahe. Entscheidend sei es für ihn nicht, sagt Bähr. Er ist als Insolvenzverwalter für die Zukunft des Unternehmens zuständig, nicht für die Vergangenheit.

Veritas Neustadt/Polenz

Der Betrieb des weltweit agierenden Automobilzulieferers Veritas AG ist fünf Wochen nach Beginn des vorläufigen Insolvenzverfahrens stabil, sagt Dr. Jan Markus Plathner von der Hamburger Kanzlei Brinkmann & Partner. Er ist der vorläufige Insolvenzverwalter. Die Veritas hat Produktionsstandorte in Gelnhausen und Gießen (Hessen), Neustadt und Polenz (Sachsen) sowie Benshausen (Thüringen).  Neben den deutschen Tochtergesellschaften bestehen Werke in Bosnien und Herzegowina, Österreich, Ungarn, der Türkei, China und Mexiko. Insgesamt beschäftigt die Veritas Gruppe weltweit rund 4.400 Menschen.

Die dunklen Wolken über Veritas in Neustadt haben sich noch nicht ganz verzogen, lichten sich aber.
Die dunklen Wolken über Veritas in Neustadt haben sich noch nicht ganz verzogen, lichten sich aber. © Daniel Schäfer

Die Produktion wurde gegenüber April 2020 inzwischen wieder hochgefahren und zahlreiche der rund 260 Mitarbeiter in Neustadt und Polenz wurden bereits aus der Kurzarbeit zurückgeholt, sagt Plathner. Auch er hat sofort mit der Suche nach Investoren begonnen. "Es haben sich bereits Interessenten gemeldet, was mich freut“, sagt er.

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