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Eindrücke aus dem Corona-Frühling

Zwei Jahre lang hat die Riesaer Autorin Renate Preuß kein Buch mehr geschrieben. Nun hat sie eine persönliche Geschichte veröffentlicht.

Renate Preuß mit ihrem neuen Buch.
Renate Preuß mit ihrem neuen Buch. © Sebastian Schultz

Riesa. Es ging schneller als gedacht, sagt Renate Preuß. "Eigentlich war Ende August angedacht. Aber nun ist das Buch doch etwas früher fertig geworden." Die Autorin hat in einer Sitzecke ihres großen Gartens in Riesa Platz genommen. Vor ihr auf dem Tisch liegt das Büchlein mit dem hellblauen Cover. Zu sehen ist die mittlerweile wohl jedem bekannte Silhouette eines Corona-Erregers, darüber liegt der Titel: "Von Katzenkonzerten, einem Supermond und Trüffelviren".  

Titel und Cover lassen erahnen: Die Corona-Pandemie spielt auch im Buch eine Rolle. Auch der Untertitel "Impressionen aus einem anderen Frühling", legen das nahe. Ende Mai habe sie einen neuen Verleger aufgetan, sagt Renate Preuß. Der habe eigentlich wegen einer Lesung angefragt. "Ich sagte im Spaß, ich bräuchte eigentlich einen neuen Verleger." Da sei er neugierig geworden. Als sie ihm erzählt habe, woran sie schreibt, hieß es: "Wir machen's schnell, bevor der Corona-Ansturm in der Literatur einsetzt." 

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Impressionen aus einer einschneidenden Zeit

So präsent Corona auf den ersten Blick ist: Die Hauptrolle des Buches spielt das Virus nicht. Ja, es gibt einen Abschnitt, in dem Renate Preuß beschreibt, "was mir so durch den Kopf geht, wenn ich die tanzenden Viren in ARD und ZDF sehe, die so dekorativ zurechtgemacht sind". 

Aber der Untertitel sei schon wichtig, betont Renate Preuß. Das Buch bestehe im weitesten Sinne aus Impressionen, die sie von Anfang März bis Ende Mai gesammelt habe. Denn in dieser Zeit steckten eben auch für sie persönlich einschneidende Erlebnisse. 

Der Garten ist mittlerweile ihre "kleine Welt", sagt die 72-Jährige.
Der Garten ist mittlerweile ihre "kleine Welt", sagt die 72-Jährige. © Sebastian Schultz

Zwei Jahre lang hat die Riesaerin kein Buch mehr veröffentlicht. Das Schreiben sei ihr schwergefallen, sagt sie. Das hat viel mit der Autoimmunkrankheit zu tun, unter der sie schon ihr ganzes Leben leidet und die ihr Leben stark bestimmt. Größere Reisen seien heute undenkbar. 

"Meine Welt ist viel kleiner geworden, ich kann nicht viel weiter laufen als 50 Meter. Jetzt plane ich einmal in der Woche meinen Stadtgang vor. Da habe ich schon in der Birne: Wo ist denn die nächste Bank." 

Seit Jahrzehnten habe sie gerätselt, was der Grund dafür ist, dass nahezu alle ihre Organe angegriffen seien. Ein Arzt aus Wermsdorf könnte das Geheimnis nun gelüftet haben. "Er ist Humangenetiker und hat einen seltenen genetischen Defekt bei mir festgestellt." Für Renate Preuß heißt das: Sie wird mit der Krankheit leben müssen, eine Therapie ist ausgeschlossen. Es sei schon ein Jammer, dass sie für diese Diagnose 72 Jahre alt werden musste.

Die Reha endete wegen Corona vorzeitig

Weil sie mit ihrer Erkrankung auch zur Hochrisiko-Gruppe gehört, hat auch die Pandemie noch einmal besondere Bedeutung für die Autorin. Eigentlich hatte sie für Anfang März eine Reha in Bad Düben geplant. Die musste Renate Preuß am Ende vorzeitig abbrechen.

 "Am neunten Tag kam von meinem Sohn, der Arzt ist, die Nachricht: Marschbefehl, du bist dort nicht mehr sicher." Die Reha, auf die sie ein Dreivierteljahr gewartet hatte, sei damit für die Katz gewesen. Immerhin: Der Chefarzt der Reha-Klinik habe ihr geraten, das Schreiben wieder aufzunehmen - weil ihr das offenbar auch gesundheitlich helfe. 

Für die teils hitzigen Debatten rund um die Corona-Regeln hat Renate Preuß wenig Verständnis. "Ich bin überzeugt davon, dass die grundsätzlichen Regelungen wie Abstand halten, nicht jedem um den Hals fallen oder wilde Partys feiern, dass das angemessen und gut ist." 

Die anfänglichen Maßnahmen, insbesondere die Ausgangssperren, seien sicher überzogen gewesen. Aber: "Wir haben auch im Vergleich zu anderen Ländern gesehen, dass es was gebracht hat." Deshalb wundert sie sich über die "Spaziergänge", die es auch in der Region nach wie vor gibt. 

"Ich kenne eine junge Frau, die marschiert da mit durch Riesa." Auf die Frage, warum, habe sie nur gesagt: "Na, da komm ich auch mal raus" - worauf ihr Renate Preuß entgegnete: "Sie müssen sich schon überlegen, wofür Sie spazieren und wofür Sie da auch vereinnahmt werden." 

Katzen spielen in Renate Preuß' Büchern häufig eine Rolle. Diesmal ist Kater Putzi einer der wiederkehrenden Akteure.
Katzen spielen in Renate Preuß' Büchern häufig eine Rolle. Diesmal ist Kater Putzi einer der wiederkehrenden Akteure. © Sebastian Schultz

"Zu wenige Menschen sind bereit, sich etwas sagen zu lassen"

Auch, was sich bei der Demonstration am 1. August in Berlin abgespielt habe, sehe sie kritisch. "Persönliche Freiheit, ja. Aber zu wenige Menschen sind bereit, sich überhaupt mal was sagen zu lassen. Diese persönliche Freiheit wird angeblich so hoch gehalten. Man ist einfach nicht bereit, bestimmte Sachen zu akzeptieren - auch Vorgaben von anderen Menschen, die ich als normaler Bürger nicht überschaue."

Sie halte das für gefährlich. Aber vielleicht, sagt sie, sei sie auch zu folgsam erzogen. "Mein Sohn, der Mediziner, sagt dazu: Da hilft nur, diese Leute an den beatmeten Patienten - in seiner Klinik liegen im Moment zwei 27-Jährige und drei 60-Jährige - vorbeizuschicken. Damit die sehen, womit sie spielen." 

Wer bei all der Ohnmacht angesichts Corona und ihrer Erkrankung ein todtrauriges Buch erwartet, liegt aber daneben. "Wir versuchen, das Positive herauszuholen", sagt Renate Preuß. Da nimmt vor allem Kater Putzi eine wichtige Rolle ein, der immer wieder durch Garten und Wohnung spaziert, die Erzählerin aus ihren Gedanken ins Jetzt holt. 

"Der Grundton ist bei allem so, dass eine Heiterkeit dabei ist. Die muss auch dabei sein, sonst geht gar nichts." Da wird der Garten eben zur kleinen Welt, in der sie samt Gehstock auf Reisen geht - und die Gäste einlädt, die sie sonst in der Stadt getroffen hätte. 

Eine Hörprobe aus ihrem Buch wird Renate Preuß am 29. August geben. Ab 18 Uhr liest sie dann in der Trinitatiskirche - obwohl sie anfangs etwas Angst gehabt hätte, dass der Raum dort zu groß sein könnte. Zunächst hatte die Autorin an die Klosterkirche gedacht.

 Da wären aber unter Einhaltung des Sicherheitsabstands nur 30 Zuhörer möglich gewesen. "Das war uns dann zu wenig." Geplant ist, dass Kantor Sebastian Schwarze-Wunderlich zu den Texten an der Orgel improvisiert. Der Eintritt ist frei, es gibt am Ende eine Kollekte der Kirche. "Bücher wird es an dem Abend auch geben", sagt sie.

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