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Sachsens älteste Weinbaugemeinschaft

1929 schlossen sich Meißener Kleinwinzer zu einer Vereinigung zusammen. Die Tradition besteht bis heute.

Jürgen Zuschke ist seit 1997 Vorsitzender der Weinbaugemeinschaft Meißen. Auf dem Ratsweinberg in Meißen hat er auf rund 2.300 Quadratmetern Weißburgunder angepflanzt.
Jürgen Zuschke ist seit 1997 Vorsitzender der Weinbaugemeinschaft Meißen. Auf dem Ratsweinberg in Meißen hat er auf rund 2.300 Quadratmetern Weißburgunder angepflanzt. © Claudia Hübschmann

Meißen. Ob die junge Frau noch einen Blick auf die Weinreben geworfen hat, als sie im Januar 1956 mit kugelrunden Bauch in die Frauenklinik auf dem Meißner Ratsweinberg kam? Für ihr Baby wurde das Areal rechter Hand über der Elbe, von wo aus man die Türme des Doms in den Himmel ragen sieht, jedenfalls zu einer Art Schicksalort. 64 Jahre später steht Jürgen Zuschke dort zwischen seinen eigenen Reben, die er seit mehr als 30 Jahren pflegt. „Ich wurde auf dem Ratsweinberg geboren“, beginnt der Winzer das Gespräch. Vielleicht war es vorherbestimmt, dass der Wein seine große Leidenschaft wird.Eigentlich ist Jürgen Zuschke vom Ratsweinberg nie so wirklich weggekommen. Er geht hier zur Schule, zieht später mit seiner Frau in ein Wohnhaus gleich nebenan. Im Gartentor sind Weintrauben abgebildet. 

Alle Flächen sind vergeben

Mit den Reben direkt vor der Nase, will er es dann auch selbst versuchen. Der Antrag auf eine Parzelle im Weinberg bei der Winzergenossenschaft Meißen bleibt 1987 jedoch ohne Erfolg. Das Land ist begehrt, alle Flächen sind vergeben. „Man hatte da nicht so große Chancen“, drückt es der 64-Jährige mit Hinblick auf sein fehlendes Parteibuch heute aus.1989 klappt es dann aber doch, und Zuschke bekommt einige Rebanlagen zugewiesen. „Ich habe einfach losgelegt, ohne viel Ahnung“, sagt er. Das hat sich schnell geändert. Heute gehört der Meißner zu denen, die besonders viel Ahnung vom Weinanbau haben. Seit 1997 ist er Vorsitzender der Weinbaugemeinschaft Meißen. Sie ist die älteste in Sachsen.Im Meißen wird der Ratsweinberg schon 1350 das erste Mal erwähnt. Er liegt damals jenseits der Stadt. Die Stadträte sollen das Areal erschlossen haben. „Sie wollten auch eigenen Wein haben, aber am Burgberg gehörte alles den Mönchen“, sagt Zuschke. 1887 fällt die Reblaus in Sachsen ein. 

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Ein Jahr später hat sie auch Meißen und den Ratsweinberg erreicht. Der aus Nordamerika eingeschleppte Schädling saugt an den Wurzeln der Reben, verursacht massiven Schaden und bringt den Weinanbau an den Rand des Zusammenbruchs. Auch auf dem Ratsweinberg muss alles gefällt werden. Seine ursprüngliche Größe von sieben Hektar wird der Weinberg danach nicht wieder erreichen.Anfang des 20. Jahrhunderts werden, wo vorher die Trauben reiften, Wohnhäuser gebaut. Für das Franziskaneum, das heute stolz auf dem Berg thront, wird 1905 der Grundstein gelegt, zwei Jahre später findet die Einweihung der Schule statt. Schräg gegenüber des Eingangsportals kann man heute noch die Überreste des alten Winzerhauses sehen.Hier wird 1929 die Weinbaugemeinschaft Meißen gegründet, die damals noch „Vereinigung zur Förderung des Kleinweinbaues in Meißen und Umgebung“ heißt.

Etwa 70 Mitglieder hat der Verein heute, die Weinberge mit so klangvollen Namen wie Kronenberg, Rosengründschen und Fürstenberg mit einer Gesamtfläche von circa sechs Hektar bewirtschaften. Hinzu kommen noch Freizeitwinzer, die Reben auf ihren eigenen Grundstücken in und um Meißen pflegen.Die Gemeinschaft trägt einen wichtigen Teil dazu bei, damit die Weinkulturlandschaft in und um Meißen erhalten bleibt. Schwerpunkte der Vereinsarbeit sind Weiterbildung, die mehrmals im Jahr angeboten werden, zum Beispiel Rebschnittlehrgänge und Schulungen zur fachgerechten Verwendung von Pflanzenschutzmitteln. Bei einer jährlichen Weinbergbegehung gibt eine gewählte Bergkommission, bestehend aus fünf erfahrenen Winzern, Tipps vor Ort. Neben der Arbeit in den Weinbergen soll auch die Geselligkeit nicht zu kurz kommen. Wanderungen – selbstverständlich mit Weinverkostungen – und Fahrten in andere Anbaugebiete gehören zum Programm der Mitglieder. Viele sind schon jahrzehntelang dabei. Wer die Arbeit im Weinberg nicht mehr schafft, bleibt oft trotzdem Mitglied. Dennoch, die Zahl der Mitglieder wird kleiner.

Die ganze Familie packt mit an

Die benachbarte Weinbaugemeinschaft Spaargebirge ist mittlerweile so weit geschrumpft, dass sie mit den Meißnern zusammengeschlossen wird – einst hatten sie sich wegen der vielen Winzer noch gespalten.Damit vor allem wieder mehr junge Leute mitmachen, muss sich beim Weinanbau künftig etwas ändern, sagt Jürgen Zuschke. „Es müssen Strom und Wasser in die Weinberge gelegt werden und eine Bewirtschaftung mit Technik ermöglicht werden“, sagt er. Früher haben sie Mist, Erde und Steine per Hand in die Weinberge getragen. „Das macht heute keiner mehr. „Wir müssen neue Wege gehen, sonst gibt es das hier in 50 Jahren nicht mehr.“Jürgen Zuschke bewirtschaftet im Ratsweinberg mittlerweile 2.300 Quadratmeter. Stückweise hat er immer weitere Abschnitte neu aufgerebt mit Weißburgunder. Weil er den auch am allerliebsten trinkt, sagt der Meißner. 

Bei der Ernte packen die ganze Familie und Freunde mit an. Bis zu vier Tonnen Trauben haben sie in guten Jahren schon runtergeholt, in der Regel sind es 2,5 Tonnen.Der Jahresurlaub wird bei ihm nach dem Weinjahr geplant. Im arbeitsreichen Juni steht 64-Jährige schon morgens um 5 Uhr im Weinberg, pflegt dort zwei Stunden seine Reben, bevor er duscht und sich für die Arbeit fertig macht. Er ist eben nicht nur auf dem Ratsweinberg geboren, er ist auch für ihn geboren.Nächste Woche stellen wir die sächsischen Hobbywinzer der Weinbaugemeinschaft Wachwitz-Loschwitz vor.

Gegründet 1929, ist sie die älteste Weinbaugemeinschaft in Sachsen.

Rund 70 Mitglieder hat der Verein. Viele sind seit Jahrzehnten dabei. Das älteste Mitglied ist 94 Jahre alt.p Anbauflächen: insgesamt sechs Hektar Fläche, unter anderem auf dem Ratsweinberg, Kronenberg, Crassoberg, Fürstenberg und Rosengründchen

Sorten: Überwiegend bauen die Hobbywinzer Weißburgunder, Traminer, Müller-Thurgau, Ruländer, Riesling und Cabernet Blanc an.

 Das Keltern der Trauben sowie den Verkauf des Weines übernimmt die Winzergenossenschaft Meißen.

 Internet: www.weinbaugemeinschaft-meissen.de

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