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Zimmi war für Schönfeld wie ein verwandelter Elfer

Die Fußballabende des beliebten Moderators lockten Besucher aus ganz Sachsen ins Schloss. Nach seinem Tod bleiben Erinnerungen - und eine Lücke.

Zwei Fußballexperten unter sich: Im Saal des Schönfelder Schlosses interviewte Bürgermeister Hans-Joachim Weigel (li.) im November 2017 den beliebten Reporter Gert Zimmermann einmal selbst.
Zwei Fußballexperten unter sich: Im Saal des Schönfelder Schlosses interviewte Bürgermeister Hans-Joachim Weigel (li.) im November 2017 den beliebten Reporter Gert Zimmermann einmal selbst. © Archivfoto: Brühl

Schönfeld. Es ist noch kein Stück wirklicher geworden. Wenn Hans-Joachim Weigel daran denkt, - und das tut er seit vergangenem Dienstag ständig - kann er es immer noch nicht glauben. Nein, Gert Zimmermann wird ihn nicht mehr anrufen und schwungvoll mit dem üblichen "Hallo Bürgermeister!" begrüßen. Nein, der beliebte Moderator und einstige MDR 1-Radio-Sachsen-Sportchef kommt nicht mehr zum Fachsimpeln über Fußball oder einfach nur Gott und die Welt nach Schönfeld. Und der 69-jährige Dresdner kann auch nicht mehr das für den Verwaltungschef sein, was er schließlich gewesen ist: ein guter Freund. 

"Es ist wirklich bitter! Angesichts der Schwere seiner Krebserkrankung wusste ich natürlich von Anfang an, dass die Chancen für eine vollständige Heilung eher gering sind. Aber ich hatte nach seiner Operation Mitte Dezember gehofft, dass ihm noch mehr Zeit vergönnt sein möge", bekennt Hans-Joachim Weigel und schüttelt den Kopf. 

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Schönfelds Bürgermeister macht keinen Hehl daraus, wie traurig ihn der Tod von Gert "Zimmi" Zimmermann macht, der den Kommentator am 16. Juni von seinem Leiden erlöste. Vor sich ausgebreitet hat er all die Mitschnitte und Fotos jener Abende, die seit Dezember 2016 Kultcharakter erreichten.

 "Wir hatten uns anlässlich der 800-Jahrfeier von Schönfeld kennengelernt! In unserem Programm hatten wir auch einen sogenannten Dynamo-Abend, der natürlich von Zimmi moderiert wurde", erinnert Hans-Joachim Weigel.

Im März vergangenen Jahres war das Aufgebot an Gästen groß: Udo Schmuck , Dynamo-Präsident Holger Scholze , Gert Zimmermann , Hans-Joachim Weigel und Fan Jörg Dietze.
Im März vergangenen Jahres war das Aufgebot an Gästen groß: Udo Schmuck , Dynamo-Präsident Holger Scholze , Gert Zimmermann , Hans-Joachim Weigel und Fan Jörg Dietze. ©  Foto: Kristin Richter

Gemeinsam sei man dann auf die Idee gekommen, es nicht bei diesem einen Mal zu belassen. Und sorgte mit Gästen wie Dixie Dörner, Hans-Jürgen Kreische, Jürgen Groy, Joachim Streich, Peter Ducke, Eduard Geyer, Matthias Döschner, Lothar Kurbjuweit oder Dynamo-Präsident Holger Scholze jeden Monat für einen vollen Saal.

Ein eingespieltes Team sei man inzwischen gewesen. Knüpfte anfangs Gert Zimmermann allein die Kontakte, habe er im Laufe der Zeit auch den einen oder anderen prominenten Gast ins Traumschloss locken können. Und lässt nicht unerwähnt, dass sich für ihn dabei tatsächlich Träume erfüllten.

Immerhin: Hans-Joachim Weigel - selbst passionierter Fan und vor allem Kenner der fußballerischen Szene seit Jahrzehnten - weiß selbst am allerbesten, wer die Herzen höherschlagen lassen könnte. Dass dabei eine bestimmte Himmelsrichtung nicht ganz unerheblich ist, sei dabei kein Zufall gewesen.

"Wir hatten bisher wirklich nur Spieler aus dem Osten. Einfach deshalb, weil es viele talentierte und namhafte Fußballer in unseren Gefilden gab, und um einer gewissen Traditionspflege nachzukommen. Aber irgendwann kann die Änderung der Himmelsrichtung sicherlich mal ein Thema werden ", vermutet Hans-Joachim Weigel.

Ganz akut spätestens dann, wenn etwa Franz Beckenbauer der Einladung nach Schönfeld Folge leistet, die der Bürgermeister längst schriftlich ausgesprochen hat.

Ein Knaller, sollte es jemals dazu kommen, dem auch Gert Zimmermann - da ist sich sein Freund hundertprozentig sicher - nicht abgeneigt gewesen wäre, zu zünden. Der nie um Worte verlegene Mann habe seinerseits schließlich auch Kontakte zu Sportlern jenseits des Freistaates gepflegt. Von Fußball-Funktionär Reiner Calmund als "absoluter Fachmann" geschätzt, telefonierte er häufig bis zuletzt mit ihm.

Gespräche, wie sie auch Hans-Joachim Weigel liebte. Vor allem, wenn einer der beiden Männer eine längere Fahrt auf der Autobahn unternommen hatte, habe man telefonisch zueinander gefunden. "Einmal war ich gerade unterwegs nach Bremen, da rief er mich an und sagte, dass er nur mal von mir wissen wolle, wer zur Weltmeisterschaft 1970 im Spiel um Platz drei bei Uruguay im Tor stand. Als ich ihm wie aus der Pistole geschossen antworte, Ladislao Mazurkiewicz, war Stille am anderen Ende der Leitung. Ich glaube, mit so etwas konnte man ihn beeindrucken", sagt Hans-Joachim Weigel und lächelt versonnen vor sich hin. 

Seine letzte Einschätzung über Dynamo Dresden

Gert Zimmermann so leiden zu sehen, habe ihm zugesetzt. Er wäre auch bei ihm im Dresdner Krankenhaus Friedrichstadt gewesen und habe ihn, der für Schönfeld wie ein verwandelter Elfer gewesen sei, besucht. Letzte, unvergessliche Begegnungen, in welchen sie freilich auch über Fußball und - unweigerlich - über Dynamo Dresden gesprochen hätten. Und da sei Krankenhaus, so Zimmi, tatsächlich ein gutes Stichwort. 

Seine letzte Moderation: Bereits von der Krankheit gezeichnet, interviewte Gert Zimmermann Ende Februar zum letzten Mal im Schönfelder Schloss. Zu Gast war Matthias "Atze" Döschner.
Seine letzte Moderation: Bereits von der Krankheit gezeichnet, interviewte Gert Zimmermann Ende Februar zum letzten Mal im Schönfelder Schloss. Zu Gast war Matthias "Atze" Döschner. © Foto: Anne Hübschmann

"Dynamo Dresden ist nicht zu vergleichen mit einer Mannschaft, die gerade am offenen Herzen operiert wird. Dynamo Dresden hat noch viel mehr Krankheiten und das Schlimme ist, es gibt keinen einzigen Operateur, der in Lage ist, dieses Dynamo Dresden in irgendeiner Form so zu operieren, dass sie am Ende noch gut dastehen. Es sei denn, es gibt drei oder vier Mannschaften, die sich ähnlich verblödet wie Dynamo Dresden anstellen und sagen, wir spielen doch guten Fußball und schaffen das mit links. Dann wäre es schön, aber so blöd ist keiner. Das Schlimmste ist, es gibt nicht einen, der diese Operation am offenen Herzen durchführen kann", schätzt der Experte in dieser Unterhaltung ein.

Mit der noch typischen kraftvollen, engagierten Stimme, analysiert er die Schwarz-Gelben. Es ist jene, die nicht nur seinen treuen Anhängern auf ewig im Gedächtnis bleiben wird. Und dieser Tage, unmittelbar bevor mit einer Gedenkfeier in Dresden dem Kultmoderator gedacht werden wird, ist sie mehr. Viel viel mehr. Hans-Joachim Weigel kann sie sich anhören, wann immer er seinen Freund bei sich haben will. Denn er durfte die Fachsimpelei über die Zukunft von Dynamo aufzeichnen.

Gut möglich, dass das Gespräch bei einem der nächsten Fußballabende - denn die soll es ganz im Sinne von Zimmi weiterhin in Schönfeld geben - zu hören sein wird. Ein Ausblick, der ein Ende einläutete. Für jene Mannschaft, mit der Gert Zimmermann seit frühester Jugend verbunden war, das hoffentlich vorübergehende zur Zugehörigkeit zur zweiten Liga. Und für den Reporter selbst, für den jetzt der endgültige Schlusspfiff ertönte.   

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