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"So etwas habe ich noch nie erlebt"

Eine Hebamme soll ein Kind nach der Geburt nicht ausreichend untersucht und so seinen Tod nicht verhindert haben. Im Prozess hat nun die Angeklagte ausgesagt.

Die Geschehnisse im Pirnaer Helios-Klinikum beschäftigen die Justiz.
Die Geschehnisse im Pirnaer Helios-Klinikum beschäftigen die Justiz. © Archivbild: Daniel Schäfer

Von Luise Anter

Sie wollte sprechen, unbedingt. Annelies Z. wollte klarmachen, wie sie den Morgen des 7. Februar 2016 erlebt hat. Jenen Tag, an dem Maxim im Helios-Klinikum Pirna auf die Welt kam und nach nur einer Stunde am Fruchtwasser erstickte. Die Hebamme soll das Kind nicht ausreichend untersucht und so seinen Tod nicht verhindert haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr fahrlässige Tötung vor. Als Nebenklägerin tritt die Mutter auf.

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Die Eltern hatten am ersten Prozesstag ausgesagt, dass Maxim schon bei der Geburt nicht geschrien habe. Annelies Z. bestritt das, er habe auch sonst gesund gewirkt. Nachdem der Vater die Nabelschnur abgeschnitten hatte, wurde Maxim der Mutter nackt auf den Bauch gelegt, umhüllt mit einer Decke. Am Kopfende der Mutter stand nun die seit der Geburt anwesende Ärztin. Annelies Z. war am Fußende zugange. Die Hebamme schilderte, wie sie sich um die Nachgeburt kümmerte. Denn gehe da etwas schief, sei das für die Frau gefährlich. Währenddessen habe sie nicht nach dem Kind gesehen, weil sie großes Vertrauen in die Ärztin gehabt habe. Die beiden seien ein „eingespieltes Team“ gewesen. Als die Ärztin mit den Worten ging, dass alles in Ordnung sei, war auch Annelies Z. beruhigt.

Erst, als die Mutter sie bat, Maxim zu wiegen, habe sie ihn wieder gesehen. Er sei ihr sofort schlaff vorgekommen, aber noch nicht wie ein Notfall. Deshalb habe sie ihn erst gewogen. Von da an habe sich sein Zustand binnen Sekunden rapide verschlechtert. Ihr sei klar gewesen, dass sie sofort handeln muss. Sie legte Maxim auf eine Wärmeeinheit und lief dann kurz zur Tür des Kreißsaals, um den Kinderarzt und eine Hebamme zu alarmieren. Die seien „sofort“ dagewesen, konnten aber auch nichts mehr für Maxim tun, ebenso wie das Reanimationsteam der Klinik. Bei allen etwa 4.000 Geburten, die sie in fast 50 Jahren Berufspraxis begleitet habe, habe sie so etwas nie erlebt, berichtet die 70-Jährige, die während ihrer Aussage stets ein Taschentuch umklammert. Die Frage, ob sich die Hebamme falsch verhalten habe, beantwortete sie auf Anraten ihres Anwalts nicht.

Kann sich Maxims Zustand so rapide verschlechtert haben, dass Ärztin und Hebamme vorher nichts merkten? Die Sachverständige Christine Erfurt hält das für unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Bei einer intensiveren Beobachtung, so die Rechtsmedizinerin, hätte man die Atemprobleme aber bemerken können. Sein Schreien bei der Geburt hätte hingegen durchaus zu der Fehlinterpretation führen können, dass es Maxim gut geht. Erfurt betonte auch, dass sie keinen Fehler von Annelies Z. im Umgang mit der Mutter feststellen konnte.

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Der zweite Sachverständige verlas ein Gutachten, in dem er die Hebamme als „passiv“ bezeichnete. Sie sei mit der Situation im Kreißsaal überfordert gewesen. Der Gynäkologe musste seine Einschätzung unterbrechen. Am nächsten Prozesstag Ende Februar wird es auch um die Frage gehen, ob die Ärztin oder die Hebamme im Kreißsaal die Oberhand hatten und wer dafür verantwortlich war, bei Maxim wie vorgeschrieben Puls, Hautfarbe und Atmung zu testen.

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