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Sachsen

So funktioniert die Dresdner Corona-Ambulanz

Die Sonderabteilung hat größere Kapazitäten, soll separieren und absichern. Für ganz Sachsen wird sie nicht genügen. Auch, weil viele ohne Anweisung kommen.

Bereiten sich auf erste Patienten vor: Klinik-Mitarbeiter am neuen Empfang.
Bereiten sich auf erste Patienten vor: Klinik-Mitarbeiter am neuen Empfang. © Ronald Bonß

Das Silikon ist noch nass, die Produktion „mit heißer Nadel gestrickt“. Das verrät ein Glasermeister, der am Montag letzte Arbeiten vornimmt. Vor einer Woche hat der Vorstand der Dresdner Uniklinik beschlossen, eine räumlich isolierte und fachlich spezialisierte Ambulanz für Menschen mit Virusverdacht einzurichten. Der sächsische Krankenhausplan weist die Uniklinik als Zentrum für Infektiologie aus, außerdem bündelt und isoliert die neue Stelle besser, als es bisher möglich war.

„Wir hoffen, dass wir einen Beitrag dafür leisten, das Infektionsrisiko für das medizinische Personal und der Patienten deutlich zu senken“, sagt Klinik-Chef Michael Albrecht. Patientinnen und Patienten mit Verdacht kommen nicht mehr in Berührung mit anderen im Klinikum, Material wie Schutzmasken verschwindet nicht mehr so leicht. Mit Corona breitet sich nicht nur ein Virus, sondern auch viel irrationales Handeln aus, schnelle Reaktionen sind gefragt. 

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Schutzmasken, so Albrecht, „verschwinden relativ schnell im Moment“. Mit der neuen Ambulanz tilge man auch dieses Problem, Masken würden nun nicht mehr offen ausliegen, sondern „personenbezogen ausgeteilt“. Am Montag, dem Eröffnungstag, führen ein Hinweis-Aufsteller und ein unbefestigter Weg von einem Parkplatz zur Ambulanz in Haus zehn. Für den künftigen direkten Zugang soll nun noch die alte Steinmauer durchbrochen werden. 

Die Räume standen bis vergangene Woche mit Ausnahme von ein paar Büros leer. Die Arbeiten liefen seither auch nachts und am Wochenende. Wände mussten gestrichen, Empfang und Wartebereich eingerichtet, Dienstpläne umgeschrieben werden. „Hast ja ein Scheißwochenende gehabt, oder?“, fragt Klinik-Chef Albrecht eine der Corona-Zuständigen zur Begrüßung. Die Räume sind so leer, dass Hall seine Worte begleitet.

Eine Ärztin und zwei Pflegekräfte betreuen die Ambulanz vorerst. Sie dient Verdachtsfällen mit leichterem Verlauf. Ein Warteraum ist für Menschen ohne Symptome, einer für welche mit. Härtefälle behandelt das Klinikum auf der Intensivstation, sie kommen über die Notaufnahme. 140 Intensivbetten plus Sonderkapazitäten stehen bereit. Wer die Ambulanz verlässt, muss aber mit größter Wahrscheinlichkeit kein Intensivbett belegen, sondern wird mit Mundschutz und Quarantäne-Auflagen nach Hause geschickt, um 24 Stunden lang auf das Untersuchungsergebnis zu warten.

Zur Eröffnung ist auch Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping gekommen, die mit der Ambulanz die Hoffnung verbindet, Menschen mehr Sicherheit zu geben. Für die Sozialdemokratin, die neu im Amt ist, drehen sich gerade nur wenige Termine um etwas anderes als Corona. „Keine Panik“, appelliert sie immer wieder. Und erinnert gleichzeitig daran, dass auch sie in der sich ständig ändernden Lage Aussagen nur für den Moment treffen kann.

Noch während der Eröffnungsansprache in der Ambulanz stehen zwei Frauen im Eingangsbereich, die sich testen lassen wollen. Um die Hälse der anwesenden Pflegekräfte hängen Schutzmasken wie Halsketten. Eine Ärztin zieht sich den blauen Virenschutz über das Gesicht und geleitet die Damen hinaus. „Das ist der falsche Weg“, kommentiert Albrecht. Der richtige Weg wäre, zunächst anzurufen. Ein weiterer Mann mit roter Schnupfennase taucht auf, ihn hat ein Betriebsarzt geschickt. Auch er muss sich zumindest gedulden, bis die Ambulanz in ein paar Minuten offiziell eröffnet. 

Der Bedarf der Menschen ist groß. Nicht unbedingt, weil sie tatsächlich gefährdet sind. Sondern weil sie Angst haben. 50 bis 60 Corona-Untersuchungen führt das Uniklinikum derzeit pro Tag durch, Tendenz steigend. „Wir rechnen mit einer Aufwärtsspirale der Dynamik“, sagt Oberärztin Simone de Bonin. Angst habe sie nicht, der Umgang mit Infektionen sei eingeübt, Alltag, Routine. Schon als Corona räumlich noch auf China begrenzt war, begann man mit Überlegungen. Seit es sich in Italien ausbreitet, treffe man sich täglich im Krisenstab. Im Falle einer größeren Ausbreitung könne man weitere Teile des Klinikgeschosses ausbauen. Aus eigener Kraft könne das Klinikum mehrere tausend Tests durchführen, auch die Kostenfrage sei zumindest für den Moment geklärt.

Man wolle Anlaufstelle für die Region sein, sagt Albrecht. Aber nicht für ganz Sachsen, dafür genügten die Kapazitäten nicht. Spezialisiert hat sich auch das St.-Georgs-Klinikum in Leipzig auf Corona, Extra-Kapazitäten gibt es in den Städtischen Kliniken Dresden und Leipzig. Isolieren und behandeln kann Köpping zufolge jede Klinik in Sachsen. „Unser Ziel muss sein, ohne Panik, Hysterie und Gehampel Zeit zu gewinnen“, sagt Albrecht. 

Wenn es wärmer wird, sei wie bei anderen Grippe-Arten mit einem Rückgang zu rechnen. Vom Vorschlag eines zweiwöchigen Corona-Urlaubs, bei dem Schulen und Kitas schließen, hält er nichts. Der Erfolg sei nicht bewiesen, außerdem seien 80 Prozent der 1.600 Pflegekräfte an der Klinik Frauen, viele davon Mütter – die sich dann um die Betreuung ihrer Kinder kümmern müssten.

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Wieder stehen zwei Männer und eine Frau im Eingang der neuen Ambulanz. Sie waren im Risikogebiet Italien. Das inzwischen trockenere Silikon dichtet die Fugen der Scheibe ab, die Mitarbeitende am Empfang vor Infektionen schützen. Die drei sind die ersten Patienten der neuen Ambulanz. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es auch in ihrem Fall bei einem Verdacht bleiben. Probleme wie in Italien, sagt der Klinik-Chef, erwarte man in Sachsen nicht.