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Dynamo-Idol Stübner tot - die letzte Begegnung mit ihm

Jörg Stübner hatte einen neuen Anlauf gestartet auf seinem schwierigen Weg zurück ins Leben. Die SZ traf ihn vor zwei Monaten. 

Die Wende habe er nicht verkraftet, sagte Jörg Stübner. Danach war er ab- und nur kurz immer mal aufgetaucht. Das Foto entstand beim Treffen mit der Sächsischen Zeitung vor neun Jahren.
Die Wende habe er nicht verkraftet, sagte Jörg Stübner. Danach war er ab- und nur kurz immer mal aufgetaucht. Das Foto entstand beim Treffen mit der Sächsischen Zeitung vor neun Jahren. © Robert Michael

Er hatte ein paar Kilo mehr, und statt der einstigen Popperlocke, seinem Markenzeichen, standen nur noch ein paar Stoppeln auf dem Kopf. Sein Gang war unrund, die Nachwirkungen eines Bandscheibenvorfalls, wie Jörg Stübner beim letzten Treffen vor knapp zwei Monaten erzählte. Er kam mit der Bahn zu dem Café am Postplatz, wirkte fahrig, das Sprechen fiel ihm schwer, die Konzentration zu behalten erst recht.

Raubbau am Körper. Er führte es auf die Belastungen zurück, denen er sich als Leistungssportler ausgesetzt hatte.  Doch es gab auch andere, vermutlich schwerwiegendere Gründe.

Jahrelang machte Stübner das, was man im Fußball die Drecksarbeit nennt. Bei Dynamo war er im Mittelfeld zuständig dafür, den gegnerischen Spielfluss zu stoppen. Laufen, grätschen, kämpfen. Darüber hinaus hatte er das Auge und die technische Klasse, nach der Balleroberung die eigenen Offensivkräfte einzusetzen. Das machte ihn zu einem der wertvollsten Spieler in den 1980er-Jahren - in Dresden und für die Nationalelf, für die er 47 Länderspiele bestritt.

Doch als die DDR zusammenbrach, ging für Stübner eine Welt unter. "Ich habe absolut den Halt verloren", erzählte er im Café, und die Folgen waren ihm deutlich anzusehen. Doch immerhin versteckte er sich nun nicht mehr, saß bei den Heimspielen auf der Vip-Tribüne im Rudolf-Harbig-Stadion neben Eduard Geyer, seinem einstigen Trainer. Wobei nicht er es war, der Stübner und Ulf Kirsten aus dem eigenen Nachwuchs in die Oberliga-Mannschaft geholt hatte, sondern Klaus Sammer. Als für den Saisonstart 1983 Reinhard Häfner und Matthias Döschner ausfielen, bot er die beiden erst 17 Jahre alten Burschen bei Chemie Leipzig gleich von Anfang an auf.

Stübner hatte den Stars danach regelmäßig den Schneid abgekauft. Michel Platini zum Beispiel. Beim 2:0-Sieg der DDR gegen Frankreich vor 100.000 Zuschauern im Leipziger Zentralstadion machte er den Torschützenkönig der EM 1984 "regelrecht zur Sau", wie Mitspieler Andreas Trautmann später sagte. "Ach", meinte Stübner rückblickend und schmunzelte. "Platini hat sich doch gleich zurückgezogen. Der andere Franzose, Alain Giresse, war schwieriger zu packen, ein typischer Schleicher." Oder die Pokalsiege 1983 und 1984 im Finale gegen den BFC Dynamo, als er Andreas Thom ausgeschaltet hat. Tolle Erlebnisse seien das gewesen, so Stübner.

Hitzige Duelle mit Kirsten, dem Freund und Widerpart

Die hitzigsten Duelle lieferte er sich allerdings im Training mit Kirsten. "Das war so etwas wie eine Hassliebe. Wir sind zusammen in den Urlaub an die Ostsee gefahren, aber auf dem Platz haben wir uns beharkt." Doch der Freund und Widerpart war mit der Wende plötzlich weg, wechselte 1990 zu Bayer Leverkusen. "Die sind abgehauen, ich war noch da." Es ist eine Feststellung, kein Vorwurf. "Ich war ja selber schuld." Während einige Dynamo-Spieler in den Westen gingen, ließ Stübner Gesprächstermine bei Hertha BSC und Austria Wien platzen. Wenn, ja, wenn … "Dann wäre ich wahrscheinlich heute Millionär", sagte er und trauerte den vergebenen Chancen nach, aber einen Moment nur.

Bei den Europapokalspielen mit Dynamo, erzählte Stübner, habe er immer den Personalausweis dabei gehabt, obwohl das verboten war. "Den Reisepass hatten sie uns ja vorher abgenommen." Der Gedanke, die Heimat zu verlassen, blieb jedoch vage, die Beziehung zu Eltern und Bruder war stärker. "Ich ärgere mich deswegen nicht, weil ich Dresdner bin und immer Dresdner sein werde." Dann kam der Umbruch. Für ihn "emotional eine Katastrophe", wie er nun im Nachhinein gestand. Ausgerechnet er, der sich auf dem Fußballplatz nicht unterkriegen ließ, konnte sich nicht mehr motivieren.

Ein kurzes Wiedersehen mit Jörg Stübner bei Ulf Kirstens Abschiedsspiel im November 2003. 
Ein kurzes Wiedersehen mit Jörg Stübner bei Ulf Kirstens Abschiedsspiel im November 2003.  © imago/Lutz Hentschel

Dazu ein Trainer aus dem Westen. Also nicht, dass er Helmut Schulte etwas Negatives nachsagen wollte. "Ich war vom Kopf her nicht mehr da und öfter verletzt. Er konnte gar nicht auf mich setzen", räumte Stübner ein. Das Umfeld, das sein Zuhause war, hatte sich grundlegend verändert. Plötzlich musste er sich um vieles kümmern, was früher der Verein geregelt hatte. Im Frühjahr 1993 fand er die Kündigung im Briefkasten. "Der schlimmste Moment war, als ich meinen Spind im Stadion ausgeräumt habe. Alle Erinnerungen kamen hoch", sagte er, und jetzt wurde Stübner grundsätzlich: "Damals, die Wende, ich habe das nicht verkraftet, absolut nicht. Ich war doch nicht nur Dynamo-Spieler, sondern ein Mensch mit einer Seele."

Und die war verletzt. Seine Selbstdiagnose im Rückblick: Burn-out. Behandeln ließ er sich nicht. Geyer holte ihn zu Sachsen Leipzig, aber dort habe er drei Monate kein Geld bekommen, erzählte Stübner. Er ergriff die Flucht, blieb aber in Neubrandenburg und Obermarsberg im Sauerland, wo sein Dynamo-Kumpel Matthias Döschner Trainer war, auch einsam. "Ich war nirgends glücklich." Sein Ausweg: "Ich bin den Weg des geringsten Widerstands gegangen, habe zeitweise exzessiv Alkohol getrunken und Tabletten genommen."

Dieser Cocktail hätte ihn beinahe umgebracht. 1995 wachte er auf der Intensivstation auf. Er war an der Bushaltestelle zusammengeklappt, Kreislaufkollaps. Ein Selbstmordversuch, wie es gemunkelt wird, sei das nicht gewesen, betonte Stübner. "Daran habe ich nie gedacht. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich es richtig gemacht." Inzwischen trinke er nur ab und zu mal ein Glas Wein, behauptete er - so, wie er das schon vor neun Jahren beteuert hatte. Damals hatte er zum ersten Mal nach seinem Absturz ein Interview für die Sächsische Zeitung gegeben und daraufhin einige Hilfsangebote auch mit konkreten Job-Angeboten erhalten.

Neubeginn mit Wohnung und Dynamo-Kontakt

Doch seitdem war er kaum weitergekommen, der Weg ins wahre Leben fiel ihm offenbar schwer. Im vorigen Sommer wurde Stübner in einem Prozess am Amtsgericht verurteilt, weil er einen Nachbarn beschimpft und mit einer Schreckschusspistole bedroht hatte. Wolf-Rüdiger Ziegenbalg, von Juni 1990 bis Dezember 1992 Dynamo-Präsident, initiierte eine Sammlung unter ehemaligen Mitspielern, Freunden und Fans, sodass er den Strafbefehl in Höhe von 350 Euro plus Prozesskosten zahlen konnte und nicht für 35 Tage in Haft musste. Zuletzt wohnte Stübner im Dresdner Südosten und versuchte, die Vergangenheit hinter sich lassen.

"Ich will nicht rumheulen", sagte er. "Ich habe eine neue Wohnung, Kontakt zu Dynamo, zu Ralf Minge, versuche, wieder reinzukommen und das, was war, abzustreifen." Der Verein hatte sich um einen Job für ihn bemüht, Stübner sollte im Nachwuchsbereich eine Aufgabe bekommen. Es war ein behutsamer Anfang. Und Stübner war sich bewusst, dass es nicht von null auf hundert gehen konnte. Den offenen Spalt in der Tür, den aber hatte er gesehen. Er hatte den Fuß hineingesetzt, nur brauchte es wohl noch eine gehörige Portion Mut, sie weiter aufzustoßen. Vom Kopf her schien er dazu bereit zu sein, die Zeiten, als er immer mal auf- und schnell wieder abgetaucht war schienen vorbei.

Das letzte Treffen vor zwei Monaten. Jörg Stübner wirkte beim Interview fahrig, das Sprechen fiel ihm schwer.
Das letzte Treffen vor zwei Monaten. Jörg Stübner wirkte beim Interview fahrig, das Sprechen fiel ihm schwer. © Sven Geisler

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Beim Abschiedsspiel von Kirsten im November 2003 stand auch er noch mal auf dem Rasen in dem Stadion, in dem sie mit Dynamo zum Beispiel den AS Rom mit Rudi Völler im Europapokal bezwungen hatten. Vor 33.000 Zuschauern schoss Stübner ein Tor für "Ulfs Dream Team". Was sein Traum war? "Wenn ich Glück habe, bleiben mir noch 20 Jahre. Daraus muss ich etwas machen, irgendwie", sagte Stübner beim letzten Treffen. Und lachend meinte er zum Abschied: "Jetzt brauche ich bloß noch eine Frau."

Am Montagabend ist er im Alter von 53 Jahren in Dresden gestorben. 

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