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Tagesmütter kämpfen für bessere Bezahlung

Die Tagespflege betreut Kinder wie eine Krippenerzieherin. Deshalb ist eine vergleichbare Entlohnung gewünscht.

Tagesmutti Anja Eckelt spielt mit ihren Schützlingen im Garten. Sie behütet und pflegt die Kinder im Krippenalter, vergleichbar einer Erzieherin in der Kita.
Tagesmutti Anja Eckelt spielt mit ihren Schützlingen im Garten. Sie behütet und pflegt die Kinder im Krippenalter, vergleichbar einer Erzieherin in der Kita. © Arvid Müller

Radebeul. Frühmorgens bringen Eltern ihren Wonneproppen bis zum dritten Lebensjahr zur Tagesmutti. Diese wickelt den Knirps oder setzt ihn aufs Töpfchen, spielt mit ihm, geht mit ihm spazieren oder auf den Spielplatz, kocht für ihn, singt und wiegt ihn in den Mittagsschlaf, wacht und behütet den Kleinen, bis ihn Mama oder Papa zum Feierabend wieder abholt. 

Bis zu fünf Kinnings darf eine Kindertagespflege annehmen. Sie leistet im Grunde dieselbe Arbeit wie eine Erzieherin in der Kinderkrippe. Jedoch werden Tagesmütter und Tagesväter schlechter bezahlt. In Radebeul, Coswig und Moritzburg wollen dies nicht mehr alle einfach so hinnehmen. Sie haben die Interessengemeinschaft (IG) Kindertagespflege im Landkreis Meißen gegründet und führen mit den drei Kommunen Gespräche über eine bessere Bezahlung.

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Als „ungewöhnlich“ bezeichnet IG-Sprecher Andreas Wilde die rechtliche Situation der Kindertagespflege. Tagesmütter und -väter sind selbstständig. „Sie haben aber nur einen einzigen Auftraggeber und der zahlt Beiträge zur Sozialversicherung, wie bei einem Arbeitnehmer“, berichtet er. Es handelt sich um die Kommunen, in denen die Tagesmuttis ihre Dienste anbieten. Im Grunde handelt jede Tagespflegeperson mit den Gemeinden beziehungsweise deren Sozialämtern die Konditionen für die Entlohnung selbst aus. Daher existieren viele unterschiedliche Verträge.

In Radebeul gibt es 19 Personen in der Kindertagespflege. In der Nachbarstadt Coswig arbeiten fünf Tagesmütter. Ebenso viele zählt die Gemeinde Moritzburg plus einer sogenannten Ersatztagesmutter, die einspringt, wenn eine andere Tagesmutti erkrankt oder im Urlaub ist. Von ihnen sei rund die Hälfte in der IG aktiv, wie Wilde informiert. Sie sind dabei, die IG in einen Verein umzuwandeln.

Vergütung beruht auf drei Säulen

Die Vergütung der Kindertagespflege setzt sich aus drei Bausteinen zusammen. Ein Bestandteil ist die bereits erwähnte Übernahme eines Teils der Beträge zur Kranken- und Rentenversicherung sowie weiterer Sozialleistungen durch die Kommunen. Ein weiterer sind die Sachkosten, beispielsweise Miete, Strom und Reinigung für die Wohnung, in der die Tagesmütter die Kinder betreuen. Die drei Kommunen zahlen derzeit pauschalisierte Beträge. In Radebeul und Coswig sind das bei einer Neun-Stunden-Betreuung 90,94 Euro monatlich pro Kind, wenn die Betreuung in den eigenen vier Wänden zu Hause erfolgt. Mietet dagegen die Tagesmutter extra Räume an, bekommt sie in beiden Städten 108,13 Euro pro Kind und Monat überwiesen. In Moritzburg gibt es jeweils einen Pauschalbetrag von 100,48 Euro.

„Das ist zu wenig“, meint Wilde. Die IG fordert die Erstattung der tatsächlich anfallenden Sachkosten, oder dass sich die Kommunen an den Pauschalbeträgen des Finanzamtes orientiert. In der Steuererklärung werden bis zu 300 Euro pro Kind und Monat von den Finanzbeamten akzeptiert.

Die Haupteinnahmequelle für die Tagesmütter bildet der dritte Baustein, der Betrag zur Anerkennung der Förderleistung. Mit diesem wird die Betreuungsleistung entlohnt. Und über die angemessene Höhe gibt es Streit. „Die Betreuungszeiten und die Anzahl der Kinder müssen sich im Geld widerspiegeln“, fordert Wilde.

Unterschiedliche Bezahlung in den Kommunen

Moritzburgs Bürgermeister Jörg Hänisch (parteilos) zahlt derzeit 630,48 Euro pro Kind im Monat an seine Tagesmütter aus, davon 100,48 Euro an Sachkosten. „Der Rest ist die Förderleistung“, so Hänisch, Hinzukommen 30 Tage Urlaub und 150 Euro Fortbildung sowie die anteiligen Sozialbeiträge.

Die Festsetzung des Anerkennungsbetrags obliege in Sachsen den Städten und Gemeinden, informiert Radebeuls Sozialamtsleiter Elmar Günther. So seien im Landkreis die Geldleistungen unterschiedlich ausgeprägt. Das Sozialamt der Lößnitzstadt orientiert sich wie das in der Nachbarstadt Coswig an den Empfehlungen des Juristen Professor Dr. Johannes Münder aus dem Jahr 2017 und passen diese an die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort an. So liegt dieser Betrag in Radebeul derzeit bei 512,19 Euro je Kind und Monat für eine Neun-Stunden-Betreuung, in Coswig bei 530,42 Euro. Bei fünf Kindern wären dies insgesamt 2.560,95 Euro beziehungsweise 2.652,10 Euro brutto monatlich. „Radebeul liegt mit den Zahlungen im oberen Drittel“, so Günther, jedoch unter den Leistungen in der benachbarten Landeshauptstadt.

Bezahlung wie in Dresden gefordert

Derzeit verhandeln die Tagesmütter mit den drei Kommunen über eine neue Vergütung ab 2021. Ihre Forderung ist klar. Sie wünschen eine Entlohnung wie in Dresden. Dort wird der Tarif für den öffentlichen Dienst für Erzieher dem Anerkennungsbetrag der Förderleistung zugrundegelegt. Der Interessengemeinschaft sei bewusst, dass die Tagespflege nicht wie eine Kita-Erzieherin mit dreijähriger Berufsausbildung eingestuft werden kann. 

„Aber wie eine ungelernte Erzieherin schon“, meint Wilde. Sie wünschen eine Einstufung nach Entgeltgruppe S3 der Tariftabelle für den öffentlichen Dienst für Erziehungsberufe. Danach bekämen sie bei Berufseinstieg 2.476,93 Euro brutto als Grundgehalt. Nach dem ersten Berufsjahr 2.658,24 Euro. Mit zunehmender Berufserfahrung steigt die Vergütung bis zu 3.137,31 Euro brutto ab dem 15. Arbeitsjahr.

Die Gemeinden haben den Tagesmüttern Vorschläge für die künftige Bezahlung vorgelegt. Diese liegen laut Wilde aber weit unter den Tarifleistungen für eine ungelernte Erzieherin. Auch die Anerkennung der Berufserfahrung findet nicht die gewünschte finanzielle Würdigung. „Aber eine Staffelung der Einstufung entsprechend der Berufsjahre innerhalb der Entgeltgruppe S3 sehen wir als dringend erforderlich an“, ergänzt Tagesmutti Anja Eckelt.

Die Entscheidungen über die Höhe der künftigen Vergütung sollen noch im Herbst dieses Jahres durch die zuständigen kommunalpolitischen Gremien in Radebeul, Coswig und Moritzburg erfolgen.

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