merken
PLUS

Wirtschaft

Terrot in Turbulenzen

Der Chemnitzer Strickmaschinenhersteller kämpft nach dem Tod des Geschäftsführers mit Absatzproblemen. Erste Mitarbeiter sind schon gegangen.

Da liefen die Geschäfte noch besser: Auf diesem Foto, das 2016 bei Terrot in Chemnitz entstand, wird an einer Großrundstrickmaschine, die für den Export bestimmt ist, gerade die Fadenführung montiert.
Da liefen die Geschäfte noch besser: Auf diesem Foto, das 2016 bei Terrot in Chemnitz entstand, wird an einer Großrundstrickmaschine, die für den Export bestimmt ist, gerade die Fadenführung montiert. © Wolfgang Schmidt

Chemnitz. Als am 15. Juli 2018 die beiden Fußballnationalmannschaften von Kroatien und Frankreich im Moskauer Olympiastadion Luschniki auf den Platz liefen, schaute Andreas von Bismarck nicht nur auf den Ball, sondern auch auf die Trikots der Spieler. Die waren mit der Transfertechnologie von Terrot gestrickt worden. Ein Chemnitzer Unternehmen liefert jene Strickmaschinen, auf denen die großen Sportausrüster ihre besonders leichten, schweißabsorbierenden Stoffe herstellen lassen. Das ist eine Pressemitteilung wert, und die überschrieb das Unternehmen ganz selbstbewusst mit dem Titel „Terrot ist Weltmeister“.

Heute, keine zwei Jahre später, ist die Situation eine andere. Äußern möchte sich Geschäftsführer Peter Schüring dazu nicht. Er verweist auf Anfrage auf die Unternehmenspolitik, interne Angelegenheiten nicht öffentlich zu verbreiten. Indes bestätigt die IG Metall, dass es bereits im November vorigen Jahres Gespräche über einen Interessensausgleich gab und ein Sozialplan erstellt wurde. 

Anzeige
Küchendesigner (m/w/d) gesucht
Küchendesigner (m/w/d) gesucht

Wenn Sie voller Ideen stecken, wie moderne Küche aussehen sollte, dann sind Sie beim KÜCHENZENTRUM DRESDEN genau richtig!

Einige der 130 Mitarbeiter hätten daraufhin ihre Kündigung erhalten, so die zuständige Gewerkschafterin Birgit Albrecht. Andere Mitarbeiter sind freiwillig gegangen, unter anderem zu dem einzigen deutschen Mitbewerber ins württembergische Albstadt.

Umsatzgarant schwächelt

Die Gespräche fanden wenige Wochen nach dem überraschenden Tod von Andreas von Bismarck statt. Er war seit 2008 Geschäftsführer des Unternehmens, und er starb im Alter von nur 40 Jahren am 31. Oktober 2019. 

Andreas von Bismarck war seit Februar 2008 Geschäftsführer von Terrot. Er verstarb am 31. Oktober 2019 im Alter von 40 Jahren. 
Andreas von Bismarck war seit Februar 2008 Geschäftsführer von Terrot. Er verstarb am 31. Oktober 2019 im Alter von 40 Jahren.  © Terrot

Nun leitet sein Stiefvater Peter Schüring wieder die Geschäfte. Die entwickeln sich nicht wie erhofft. Nach Informationen aus Branchenkreisen begannen die Probleme bei dem Strickmaschinenhersteller bereits 2018. Die Nachfrage nach der Singlejersey-Jacquard-Rundstrickmaschine ging spürbar zurück. Sie galt lange Zeit als der Umsatzgarant für das Unternehmen, das bis zu 55 Maschinen verschiedener Modelle im Monat herstellte. Die Jacquardstoffe werden vor allem als Matratzenüberzüge genutzt, und die Maschinen wurden lange Jahre erfolgreich unter anderem in die Türkei geliefert.

Dass sich das Chemnitzer Unternehmen zu sehr auf dieses Produktsegment fokussiert habe, könnte ein Fehler gewesen sein, urteilt ein Insider rückblickend. Dazu kamen geopolitische Veränderungen. Der Handel mit dem Irak unterliegt trotz aufgehobenen Totalembargos weiterhin Beschränkungen. Auch der Iran würde die Maschinen aus Chemnitz gerne kaufen. Es scheitert aber an der Abwicklung der Bezahlung. Bliebe noch der chinesische Markt, auf dem deutsche Firmen immer häufiger mit einheimischen Maschinenbauern konkurrieren.

Insolvenz bereits im Jahr 2001

Wie es mit Terrot weitergeht, scheint noch offen zu sein. Das sächsische Wirtschaftsministerium ist über die Finanznöte des Unternehmens informiert und bestätigt Gespräche über mögliche Lösungen.

Für Terrot ist es nicht das erste Mal, dass fehlende Aufträge zu Problemen führen. Bereits 2001 musste das damals noch in Stuttgart beheimatete Unternehmen Insolvenz beantragen. Der Prozess endete erst fünf Jahre später, als eine Investorengruppe einstieg. Mit dabei waren damals zwei Mitglieder der ehemaligen Geschäftsführung, die zusammen ein Fünftel der Anteile übernahmen. Einer von ihnen hieß Peter Schüring.

Die Berliner Matterhorn Private Equity GmbH sicherte sich einen Mehrheitsanteil. „Investorengruppe um Heuschrecken-Fonds sichert Chemnitzer Unternehmen“, titelte damals die Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschafts GmbH in ihrer Pressemitteilung. Geldgeber waren außerdem der Handelskonzern Voltas Ltd. mit Sitz im indischen Bombay und der Wachstumsfonds Mittelstand Sachsen. Andreas von Bismarck sah die Kapitalausstattung des Unternehmens damals „auf einer sehr stabilen Basis“. Der Strickmaschinenhersteller, der seinen Sitz von Baden-Württemberg nach Sachsen verlagerte, wollte weiter wachsen.

Das gelang. Für das Geschäftsjahr 2012 vermeldete der Maschinenbauer einen Auftragsrekord von 15 Millionen Euro. Die Bücher waren mit sieben Monaten Vorlauf gefüllt, und auf der Gehaltsliste standen mehr als 200 Mitarbeiter. Sogar eine Expansion war damals möglich. 2014 übernahm Terrot die italienische Marke Pilotelli Macchine Tessili und produzierte fortan auch in Cazzago San Martino.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Der strategische Schachzug, mit der fast 160 Jahre alten Traditionsmarke nach Chemnitz gekommen zu sein, schien geglückt. Die „gut entwickelte Forschungslandschaft mit textilem Einschlag sowie motivierte und sehr gut qualifizierte Mitarbeiter“ hätten damals den Ausschlag gegeben, so Andreas von Bismarck. Zumal hier in Sachsen mit einigen Textilherstellern auch potenzielle Abnehmer der Rundstrickmaschinen zu Hause sind.

Vieles ist gut, aber noch lange nicht perfekt. Als 2015 die Flüchtlingszahlen in Deutschland rasant anstiegen und offen geäußerte Fremdenfeindlichkeit zunahm, ergriff der Ur-Ur-Ur-Großneffe des Eisernen Kanzlers Otto von Bismarck die Initiative. Auslöser soll ein rechtsradikaler Kommentar gewesen sein, den ein Mitarbeiter auf Facebook veröffentlicht hatte. Von Bismarck gründete gemeinsam mit anderen Unternehmern 2016 den Verein „Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen e.V.“ und wurde dessen Sprachrohr. Sein Ziel war, die AfD in einen öffentlichen Diskurs zu verwickeln, der offenbart, dass sie keine besseren Lösungen anzubieten in der Lage sei. Dass ihn dieses Engagement Kunden und Aufträge kosten könnte, wusste er und nahm er in Kauf.

Nach dem Aus der Union Maschinenfabrik Ende 2019 in Chemnitz beobachtet nun nicht nur die IG Metall die Entwicklung bei Terrot mit Sorge. Es stehe die Zukunft eines namhaften Maschinenbauers aus der Region auf dem Spiel, heißt es aus den Reihen der Gewerkschaft. Und auch der Verband der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie äußerte die Hoffnung, dass es noch eine Perspektive für den Strickmaschinenhersteller geben möge. In Deutschland gibt es derzeit nur einen einzigen Mitbewerber. Alle anderen Lieferanten haben ihre Fabriken bereits in Asien.

Mehr zum Thema Wirtschaft