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Und dann war die Hölle los…

Am Pfingstmontag 2010 fegte ein Tornado durch die Radeberger Region. Zwei Augenzeugen erinnern sich.

Dominik Thamsen (39) im herrlichen Schlosspark von Wachau. Die Anlage war beim Tornado am Pfingstmontag vor zehn Jahren völlig zerstört worden.
Dominik Thamsen (39) im herrlichen Schlosspark von Wachau. Die Anlage war beim Tornado am Pfingstmontag vor zehn Jahren völlig zerstört worden. © René Meinig

Radeberg. Manchmal kommen sie bei Herbert Müller hoch, diese schrecklichen Bilder. Die man ja sonst nur aus Hollywoodfilmen kennt, in denen oft gewaltige Orkane Flugzeuge, Schiffe oder Häuser wie Spielzeug durch die Luft wirbeln. Wenn diese Erinnerungen bei dem Radeberger wach werden, geht dem heute 77-Jährigen jedes Mal ein heftiger Schauer über den Rücken. Wird ihm in diesen Momenten wieder bewusst, wie viel Glück er doch damals hatte, am Pfingstmontag vor zehn Jahren. Wie er dem Tod im Hüttertal in wirklich allerletzter Sekunde entkam. 

Es liegt an diesem Pfingstmontag 2010 eine eigenartige Schwüle in der Luft. An diesem Tag sind zahlreiche Radeberger im Hüttertal unterwegs. Der Mühlentag wird an der Schlossmühle gefeiert, an der Hüttermühle findet ein Indianerfest statt. Herbert Müller ist auch unter den Besuchern. Als er sich am Nachmittag auf den Nachhauseweg macht, fällt ihm unterwegs auf einer Weide das eigenartige Verhalten einiger Rinder auf. „Die wirkten sehr unruhig, bockten herum“, weiß er noch. Warum, merkt er wenig später. Wie aus dem Nichts verdunkelt sich um kurz nach 16 Uhr der Himmel, binnen Sekunden bricht ein Inferno aus: Ein Tornado mit einer Kraft von rund 300 Stundenkilometern fegt durch das drei Kilometer lange Hüttertal. 

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„Wir gerieten alle in Panik, etliche schrien um Hilfe, rannten kreischend zu ihren Autos“, so Herbert Müller. Riesige Bäume fallen wie Streichhölzer zu Boden, reißen enorme Löcher auf, Wanderwege werden im Nu unpassierbar, unbändige Windboen reißen Menschen zu Boden. Er wisse nicht mehr wie, aber irgendwie habe er es zu seinem Auto geschafft. 

Als er losfahren will, sieht er im Rückspiegel, wie zwei mächtige Bäume kurz hinter seinem Wagen auf den Weg aufschlagen. „So eine Angst hatte ich noch nie verspürt, ich war voller Adrenalin“, blickt der Radeberger zurück. Er sei der letzte gewesen, der es mit dem Auto aus dem Tal geschafft habe. Es ist ein meteorologisches Jahrhundertereignis, das die Region an diesem Pfingstmontag 2010 heimsucht. Eine Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß. 

Auch im Hüttertal in Radeberg herrschte nach dem Tornado ein Chaos. Mühsam mussten die Wege frei geschnitten werden.
Auch im Hüttertal in Radeberg herrschte nach dem Tornado ein Chaos. Mühsam mussten die Wege frei geschnitten werden. © Wolfgang Seifert

Mehrere Tornados schlagen an diesem Tag eine rund 70 Kilometer lange Schneise der Verwüstung, sie reicht vom brandenburgischen Torgau bis nach Radeberg in Sachsen. In Großenhain wird ein Mädchen durch einen umstürzenden Baum tödlich verletzt, 40 Menschen werden durch umherfliegende Äste zum Teil schwer verletzt. Auch in der Gemeinde Wachau sind die Schäden beträchtlich. Dort werden etliche Dächer abgedeckt, Autos beschädigt, Stromleitungen heruntergerissen, ganze Wälder regelrecht umgeknickt. 

Als der Tornado durchs Rödertal wütet, befindet sich der Wachauer Feuerwehrmann Dominik Thamsen mit einigen Kameraden auf der Autobahn. Sie waren auf dem Rückweg, hatten über Pfingsten eine befreundete Wehr in Mecklenburg-Vorpommern besucht. „Wir erfuhren davon, als wir bei Radeburg im Stau standen“, erzählt er. Thamsen weiter: „Da sitzt man da, will helfen und kann es nicht, weil man nicht vorankommt“. Er sei da fast wahnsinnig geworden. 

Als sie am Abend in Wachau ankommen, bietet sich ihnen „ein gruseliges, nie gesehenes Bild“. Überall im Ort Chaos, Durcheinander, Verwüstung. Fast wie im Krieg. Zerschmetterte Bäume, kaputte Häuser und Fahrzeuge. Dazwischen verzweifelte Wachauer. Etliche seiner Kollegen, erfährt Thamsen später, mussten sich den Weg zum Gerätehaus frei räumen, entwurzelte Bäume und Astwerk machten Straßen unpassierbar. In den folgenden Tagen seien alle eingesetzten Wehren von morgens bis abends damit beschäftigt gewesen, Bäume zu zersägen, Straßen und Wege zu räumen, erzählt der Wachauer Thamsen. 

Nach dem Tornado bot sich im Hüttertal ein Bild der Verwüstung.
Nach dem Tornado bot sich im Hüttertal ein Bild der Verwüstung. © Wolfgang Seifert

Einige Kilometer weiter spielen sich auch im Seifersdorfer Tal an diesem Pfingstmontag dramatische Szenen ab. Wanderer haben sich kurz nach Beginn des Unwetters in die Gaststätte Marienmühle geflüchtet, darunter auch eine kranke Frau mit ihrem Kind. Die beiden sind derart erschöpft, werden mit einem Rettungshubschrauber ausgeflogen. Die übrigen Wanderer können das Tal erst mit der Hilfe von Feuerwehrleuten verlassen. 

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Heute, zehn Jahre nach dieser Katastrophe, ist dieser Tornado bei so vielen in der Region lebenden Menschen noch in Erinnerung, hat sich dieses Ereignis, ja, das kann man schon so sagen, ins kollektive Gedächtnis eingepflanzt. Im Hüttertal erinnert der Tornado-Mann, eine Holzskulptur des Radeberger Holzkünstlers Dirk Hantschmann, an diesen furchtbaren Tag, an dem sich das Rödertal binnen weniger Minuten in eine Hölle verwandelte. Ein Schreckensszenario, welches der Wachauer Dominik Thamsen und der Radeberger Herbert Müller nie mehr erleben möchten. 

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