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Löbau

Trotz Corona besser ohne Latex bedienen?

Eine Löbauer Supermarktkundin beklagt die Hygiene an einer Fleischtheke, weil das Personal keine Schutzhandschuhe trägt. Doch dafür gibt es einen guten Grund.

An vielen Fleischtheken trägt das Personal Schutzhandschuhe - doch deren Nutzen ist umstritten.
An vielen Fleischtheken trägt das Personal Schutzhandschuhe - doch deren Nutzen ist umstritten. © dpa-Zentralbild

Die SZ-Leserin mochte bei ihrem jüngsten Besuch im Netto-Markt an der Löbauer Breitscheidstraße ihren Augen nicht trauen. An der dortigen Fleischtheke hatte sie Fleisch- und Wurstwaren einkaufen wollen. Doch dann verging ihr der Appetit. "Die Verkäuferinnen an der Fleischtheke arbeiten ohne Mundschutz und ohne Handschuhe", schreibt die Frau. Sie sei angeekelt, weil die Verkäuferinnen alles „antatschen“.

SZ hat die Discounter-Filiale besucht. "Bitte keine Artikel unnötig häufig anfassen", steht auf einem großen Bildschirm an der Rückseite der Fleischtheke. Und tatsächlich: Ohne Mundschutz oder Handschuhe verarbeitet und verpackt die Mitarbeiterin hinter der Theke rohe Fleischwaren. Ein Hygiene-Skandal in Zeiten von Corona?

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"Halten alle Hygienestandards ein"

Auf eine SZ-Anfrage antwortet die Zentrale des Unternehmens in Bayern umfangreich aber unkonkret. "Die Versorgung der Netto Marken-Discount-Filialen und damit unserer Kundinnen und Kunden mit Lebensmitteln ist weiterhin bundesweit sichergestellt", lässt Netto da erst mal wissen - auch wenn Nudeln und Konserven derzeit stark nachgefragt würden. Ohne auf das Thema zu kommen, teilt das Unternehmen weiter mit: "Für ihr außerordentliches und beeindruckendes Engagement danken wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Filialen."

Und schließlich heißt es: "Der Schutz unserer Kolleginnen und Kollegen sowie Kundinnen und Kunden ist uns sehr wichtig: Unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an der Kasse stehen Einweghandschuhe zur Verfügung. Zudem haben wir flächendeckend Desinfektionsmittel für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung gestellt." Und was ist mit der Fleischtheke? Dazu nur so viel: "Darüber hinaus halten wir alle vorgeschriebenen Hygienestandards für Bedientheken selbstverständlich ein."

Handschuhe und Mundschutz nicht vorgeschrieben

Sachlich erhellender ist die Information des Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramts des Landkreises zu den Hygieneanforderungen in Bäckereien oder Fleischereien. "Es gibt keine Pflicht zum Tragen von Handschuhen. Ebenso wenig ist das Tragen eines Mundschutzes im Verkauf vorgeschrieben", teilt die Behörde auf SZ-Anfrage mit. 

Backwaren, Fleisch und verzehrfertige Erzeugnisse sollten soweit möglich nicht mit der Hand, sondern nur mit Gabeln, Zangen, Schlupfhandschuhen, umgedrehten Brotbeuteln oder dem Verpackungsmaterial berührt werden. "Unverpackte Lebensmittel müssen gegen das Berühren, Anhauchen oder Anhusten durch Kunden geschützt sein", heißt es weiter. Auf der Verkaufstheke beziehungsweise im Kundenbereich müssten zudem Schilder auf den Mindestabstand von 1,5 Metern und die Händehygiene/Desinfektion hinweisen.

Handschuhe gaukeln Hygiene nur vor

An vielen Fleischtheken ist es seit Jahren Standard, dass das Bedienpersonal Latexhandschuhe trägt. Doch seit genau so langer Zeit raten Hygiene-Experten von deren Benutzung ab. Denn: So unerlässlich sterile Handschuhe bei Operationen am offenen Herzen sein mögen - so sehr verfehlen sie an der Fleischtheke oft ihren vorgeblichen Zweck. In Wahrheit gaukeln Latexhandschuhe dem Kunden - und dem Nutzer - oft nur Hygiene vor.

Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) hat den Hygienenutzen solcher Handschuhe untersucht. Demnach haften an solchen Handschuhen schon nach wenigen Minuten Nutzung mehr Keime als an der bloßen Hand. Durch das Tragen der Handschuhe entstehe beim Nutzer "eine gewisse Fahrlässigkeit" erklärt dazu die IFA-Expertin Dr. Annette Kolk  in der SWR-Sendung "odysso".

Der Nutzer verliere das Gefühl, wann die Hände klebrig seien, und wann man sie waschen müsse. Zudem würden mit den Handschuhen im vermeintlichen Gefühl der Sicherheit auch regelmäßig verkeimte Oberflächen wie Türklinken angefasst oder sich ins Gesicht gegriffen. Für hygienisch wirksamer halten Experten daher regelmäßiges Händewaschen und die Verwendung von Vorlegebestecken, um etwa den Handkontakt mit Wurstwaren zu vermeiden.

"Keimschleuder" Latexhandschuhe

Das Gleiche gilt auch für das Pflegewesen. Alten- oder Krankenpfleger tragen bei ihrer Arbeit regelmäßig Latexhandschuhe. Was viele Menschen gar nicht bedenken: Diese Handschuhe sind nicht dafür gedacht, den Patienten vor irgendwelchen Infektionen zu schützen - sondern ihren Träger.

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Als "Keimschleuder" bezeichnet der Hygieneexperte Ojan Assadian diese Einmalhandschuhe und warnt vor unreflektiertem Gebrauch. Deren vorgebliche Sterilität sei ein Irrtum. Tatsächlich würden auf Händen Tausende von Bakterien haften, sagt der Arzt auf der Online-Plattform "pflegen-online.de". Aber: "Die menschliche Haut gibt davon – wenn die Hände etwa eine Tischplatte oder die Haut eines anderen Menschen berühren – nicht mehr als etwa 100 Bakterien ab", erklärt der Experte. Bei den Kunststoffhandschuhen aber sei das völlig anders. „Diese Handschuhe geben, wenn sie kontaminiert sind, rund 100.000 Bakterien ab, also das Tausendfache", so Assadian. An menschlicher Haut würden Bakterien einfach besser haften, als an Latex oder Vinyl.

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