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Görlitz

Über Görlitzer Schicksale stolpern

Zwei Studentinnen wollen nicht, dass man achtlos an den Stolpersteinen in der Stadt vorbeigeht - und haben sich etwas ausgedacht.

Natalie ten Bosch (re.) und Elina Wolf an der Luisenstraße, wo Plakat und Stolperstein an Eugen Bass erinnern.
Natalie ten Bosch (re.) und Elina Wolf an der Luisenstraße, wo Plakat und Stolperstein an Eugen Bass erinnern. © Nikolai Schmidt

21 Stolpersteine hat Görlitz. Sie sollen an jüdische Menschen erinnern, die einst hier lebten und dem Nazi-Terror zum Opfer fielen. „Für mich haben diese Steine eine große Bedeutung, ich nehme sie wahr, wenn ich daran vorbeilaufe. Manch andere aber nicht“, sagt Natalie ten Bosch. Die 29-Jährige wurde in Hamburg geboren, wuchs aber in England auf und kam 2015 nach Deutschland zurück. Seit dem Tod ihres Vaters Manfred ten Bosch, dem Geschäftsführer der Landskron Brauerei, der Anfang 2017 starb, lebt sie in Görlitz, fühlt sich verbunden mit der Stadt. Und wollte deshalb etwas tun. 

Also beschlossen Natalie ten Bosch und Mitstudentin Elina Wolf – beide studieren Kultur und Management – den Stolpersteinen ein Projekt zu widmen. Ein Projekt gegen das Vergessen, um die Steine und die Geschichten der Menschen wieder mehr in den Fokus zu rücken. Etwa die von Elsbeth Ucko und ihrem Sohn Wilhelm. Beide haben einen Stein vor dem Haus Elisabethstraße 10/11. Elsbeth Ucko betrieb mit ihrem Mann auf der Elisabethstraße ein Fotoatelier. 1942 wurde die Jüdin Elsbeth Ucko deportiert. Ihr Sohn überlebte, hat die persönliche Tragödie aber nie verwunden. Solche Schicksale wieder in den Fokus rücken, ist Anliegen der Studentinnen. 

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Durch zunehmende Lockerungen dürfen immer mehr Geschäfte und nun auch wieder Restaurants öffnen. Die Maskenpflicht bleibt jedoch bestehen.

Sie haben sich dafür drei Dinge überlegt. Zum einen Plakate mit den Namen und Lebensdaten der Menschen. Gern hätten sie auch deren Bilder gezeigt, doch das war rechtlich mitunter schwierig. An einigen Stellen hängen aktuell Plakate, so eben an der Elisabethstraße 10/11 und auch auf der Luisenstraße 21. Hier gibt es seit 2007 einen Stein für den jüdischen Tierarzt Eugen Bass. Natalie ten Bosch hat die Plakate entworfen. Ganz so einfach war das Verteilen nicht, manche Geschäfte, vor deren Haus ein Stein liegt, wollten keine oder nur kleine Plakate. 

Die zweite Sache ist eine Ausstellung im Camillo. Sie ist eigentlich schon zu Ende, aber ten Bosch bemüht sich um eine Verlängerung. Zu sehen ist das Kunstwerk „Crowd“ ihrer Mutter Christina ten Bosch – unzählige kleine Holzblöcke mit farbigen Menschen. „Sie sollen vermitteln, dass wir alle nur Menschen sind, mit den gleichen Sorgen und Hoffnungen. Das war damals so und ist auch aktuell wieder wichtig.“ 

Zu guter Letzt soll eine Karte entstehen, die Interessierte in die Hand nehmen und damit die Görlitzer Stolpersteine erkunden können. Möglicherweise wird aus dem Projekt der beiden Studentinnen auch eine Dauerausstellung, vielleicht in der Synagoge oder der Villa Ephraim. Anfragen gebe es bereits.

Einer von 21 Görlitzer Stolpersteinen. In der Luisenstraße 21 lebte der jüdische Tierarzt Eugen Bass.
Einer von 21 Görlitzer Stolpersteinen. In der Luisenstraße 21 lebte der jüdische Tierarzt Eugen Bass. © SZ-Archiv

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