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Tierversuche in Sachsen: Von Mäusen und Menschen

Mehr als 100.000 Tiere sterben in Sachsen jährlich für die Wissenschaft. Muss das sein? Ein Besuch im Fraunhofer Institut in Leipzig.

Vier bis fünf Mäuse leben im tierexperimentellen Zentrum zusammen in einem Käfig.
Vier bis fünf Mäuse leben im tierexperimentellen Zentrum zusammen in einem Käfig. © Fraunhofer Institut

Fünf kleine Köpfchen stecken in dünnen Röhrchen. Fünf Bauchdecken mit weißem Flaum wölben sich gleichmäßig nach oben. Fünf Albinomäuse im Dienst der Wissenschaft. Wie bei Ferkeln, die an der Mutter saugen, hängen ihre Köpfe nebeneinander in den Röhrchen, aus denen Narkosegas in ihre Gesichter strömt. Sie liegen in einem dunklen Kasten, der mit Fotos zeigen wird, wie groß die Geschwüre auf ihren Nacken sind. Die Mäuse dienen der Krebsforschung am Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie, kurz IZI, in Leipzig.

1.238 Mäuse, 78 Ratten, 23 Schafe und vier Schweine hat das Institut vergangenes Jahr benutzt; die meisten für angewandte Forschung, die Brücke zwischen Grundlagenforschung und Medikament-Entwicklung. Das IZI forscht meist im Auftrag von Pharma- und anderen Unternehmen, Kliniken und Instituten. Sachsenweit nutzten Labore 2018 knapp 120.000 Versuchstiere, deutschlandweit fast drei Millionen, rund drei Viertel davon waren Mäuse.

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Neue Heilmittel gegen Krebs

Ein Freitagmorgen im gläsernen Neubau unweit des Völkerschlachtdenkmals. IZI-Sprecher Jens Augustin, ein Mann Mitte 30 mit Fünf-Millimeter-Haarschnitt, schreitet durch die Eingangshalle aus Stein und Parkett. Pflanzen hängen von den Balustraden, die den Innenraum wie Ränge einer Oper rahmen.

In einem Konferenzraum wartet Thomas Grunwald, der das tierexperimentelle Zentrum leitet. Bevor sie zu den Mäusen führen, wollen Grunwald und Augustin eine Präsentation zu Tierversuchen zeigen; Fakten, Gründe, Argumente. „Den Vergleich mag ich persönlich nicht so“, sagt Augustin und zeigt ihn trotzdem: Jährlich 750 Millionen Tiere in deutschen Schlachthäusern stehen drei Millionen in Laboren gegenüber, mehr als 99 zu weniger als einem Prozent. Wissenschaftler-Initiativen wie „Pro Tierversuch“ weisen gern auf diese Zahlen hin.

Das IZI hat sich vor allem darauf spezialisiert, neue Heilmittel und Methoden gegen Infektions- und Krebserkrankungen zu finden. An Wirkstoffen zur Behandlung von Corona-Patienten forscht man gerade, außerdem an der Immunonkologie, einer neuen Behandlungsart gegen Krebs. Methoden wie die CAR-T-Zell-Therapie sollen die Tarnung von Krebszellen durchbrechen, damit das Immunsystem sie als gefährlich einstuft und bekämpft. Das IZI stellt solche Medikamente für Studien her.

Das Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig erforscht Immun- und Krebserkrankungen.
Das Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig erforscht Immun- und Krebserkrankungen. © Jürgen Lösel

Auf der Leinwand erscheint das Foto eines Mädchens, das erst kahlköpfig und später brünett ist. Die Amerikanerin Emily Whitehead war mit fünf Jahren an einer aggressiven Knochenkrebsvariante erkrankt, die gegen herkömmliche Verfahren resistent ist. Sie war die erste Patientin, die mit der neuen Therapie behandelt wurde. Auf der Kampagnen-Website einer Stiftung ist von jedem Jahr ein Foto zu sehen, das Emily mit einer Tafel zeigt: „Zwei Jahre krebsfrei“, „drei Jahre“. Jens Augustin sagt, dass die Wissenschaft ein großes Defizit in der Kommunikation habe: „Wir zeigen das Bild der geheilten Krebspatientin Emily, aber wir zeigen nicht die vielen Tiere, die dafür genutzt wurden, weil man aus Angst vor radikalen Tierschützern lieber die schönen, nicht die tatsächlichen Bilder zeigt.“

Ein schnörkelloser grauer Flur führt durch den Keller des Instituts, nach ein paar Schritten riecht es zunehmend nach Zoohandlung. Eine zusätzliche Schleuse trennt das Tierhaus, in dem derzeit nur Mäuse leben, von der Außenwelt. 25 Pflegende und Forschende arbeiten im Team von Thomas Grunwald. „Wer hier arbeitet, braucht Empathie fürs Tier. Nur wer sich in das Tier hineinversetzen kann, ist auch ein guter Pfleger oder Experimentator“, sagt er.

Kein Kontakt mit Viren oder Bakterien

Wer das Tierhaus betritt, muss in einer Schleuse klinisch reine Kleidung anziehen: salbeifarbene Baumwollanzüge, blaue Einmalhauben, Masken und Laborhandschuhe. Nichts Externes darf die Schwelle überqueren. „Die Tiere haben keinen Kontakt mit Viren oder Bakterien gehabt, außer mit ihren eigenen Darmbakterien“, sagt Grunwald. Ihr Immunsystem ist nicht verändert, wodurch sie für Versuche möglichst unbeeinflusst und einheitlich sind.

Von einem gebogenen Flur führen Silbertüren mit roten Bullaugen weg. Grunwald öffnet eine davon, eine Lampe taucht den Raum in gelbes Licht. Weißes könnte die Augen der Albinomäuse schädigen. Immergleiche Plastikkäfige reihen sich an den Wänden aneinander, als wären es die Waben eines Bienenstocks. In einigen wirbeln Streuflocken umher, weil eine Maus gerade wühlt, auf Boxen mit trächtigen Tieren hängen rote Herzen. Zu jeder Wabe gehören Streu, Beschäftigungsmittel, Futter und Wasser. Im ganzen Tierhaus glänzen silberfarbene Geräte, manche so groß wie Fahrstuhlkabinen, deren Aufgabe es meist ist, Materialien zu sterilisieren.

Der Kasten links neben der Doktorandin nimmt Fotos auf, die der Computer ihr zeigt.
Der Kasten links neben der Doktorandin nimmt Fotos auf, die der Computer ihr zeigt. © Fraunhofer Institut

Grunwald zeigt zweistöckige Rattenkäfige, die gerade leer sind. Etwas anderes als diese Räume sehen die Nager nie. Statt Namen haben sie Nummern. Damit die klinische Reinheit garantiert ist, berühren die Pflegerinnen sie nicht mal zum Käfigsäubern, sondern stecken die Käfige in eine Art überdimensionierte Glasvitrine, in der die Mäuse über einen durchsichtigen Tunnel in den neuen, frisch befüllten Käfig krabbeln. Im Flur klärt ein Poster über Krankheitsbilder bei Mäusen auf, eine Auszubildende prüft die Situation in den Käfigen.

Immer wieder gehen Drohungen bei Forschenden ein, manche setzen ihre Studien in China fort, wo im Gegensatz zur EU selbst Versuche mit Kosmetika erlaubt sind. Hierzulande sind Versuche unter anderem für Medikamente Pflicht. Auf den ersten Schritt der Entwicklung, bei dem Substanzen gesucht werden, folgen in Phase zwei Tests an Zellkulturen und Tieren. Jeder Tierversuch muss von einer Ethikkommission genehmigt werden, die zu einem Drittel aus Vertretern von Tierschutzorganisationen bestehen muss. Neben der Ethikkommission soll ein Tierschutzbeauftragter im Versuchsinstitut den Umgang mit Tieren kontrollieren. Zusätzliche staatliche Kontrollen gibt es nach Angaben der Landesdirektion alle ein bis drei Jahre, unangemeldet vor allem in Verdachtsfällen.

Killerzellen gegen Tumore

Grunwald und Augustin verlassen den Flur über das Treppenhaus, einige Stufen weiter oben findet gerade ein Versuch mit Mäusen statt. Wie sehr sie Menschen ähneln, erkennt man, wenn sie reglos sind. Eine Doktorandin hebt fünf aus dem schwarzen Kasten. Übers Haar hat sie eine blaue Haube gestülpt, im Gesicht trägt sie Maske und Brille. Gebogen hängen die Pfoten der Mäuse in der Luft, wie bei Menschen trennen Hautfalten die rosafarbenen Finger in Abteile. „Wir untersuchen gerade natürliche Killerzellen, die Tumorzellen erkennen und zerstören können“, erklärt Augustin.

Seit einigen Wochen wachsen Krebszellen in den Mäusen heran, die sie unter die Haut gespritzt bekommen haben. Die Zellen sind mit Luciferase markiert, demselben Enzym, das Glühwürmchen zum Leuchten bringt. Aufnahmen zeigen die Geschwüre in bunten Farben. Wenn sie eine bestimmte Größe erreicht haben, beginnen die Tests mit den Zellen, die den Krebs bekämpfen. Auf einem Bildschirm vor der Forscherin erscheint ein Bild der Mäuse von oben, daneben ein Farbverlauf. Immergleiche, spitze Gesichter liegen in den Plastikröhrchen, die fünf Schwänze hängen von den Körpern weg.

Thomas Grunwald leitet das tierexperimentelle Zentrum des Instituts in Leipzig.
Thomas Grunwald leitet das tierexperimentelle Zentrum des Instituts in Leipzig. © Jürgen Lösel

Erst wenn Nebenwirkungen von Substanzen bei Tieren ausgeschlossen sind, dürfen Tests an Menschen stattfinden. Neun von zehn Medikamenten, die an Tieren getestet wurden, landen letztlich nicht auf dem Markt. Damit argumentieren Gegner. Wissenschaftler entgegnen oft, dass auch sieben von zehn Medikamenten, die man an Menschen testet, nicht auf den Markt gelangen. Sie verweisen auf das 3G-Prinzip, das in Deutschland gelte: Die Zahl an Tieren reduzieren, Alternativmethoden etablieren, die Belastung senken.

Lange führte die Erforschung von Alternativen wie Computermodellen oder künstlichen Organismen ein NischenDasein, in den vergangenen Jahren erlebten sie auch dank öffentlicher Debatten einen Boom. Das Fraunhofer Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden etwa hat einen Chip entwickelt, der das Zusammenspiel von Blutkreislauf und Organen simuliert. Den Erfindern zufolge werde er reihenweise Tierversuche ersetzen.

Alternativmethoden noch unausgereift

„Auch bei uns würde jeder gerne auf Tierversuche verzichten“, sagt Grunwald. „Aber wir sehen die wissenschaftliche Notwendigkeit. Alternativmethoden sind noch nicht weit genug entwickelt, um auf sämtliche Tierversuche verzichten zu können.“ Er könne verstehen, wenn Menschen Versuche ablehnen, Konsequenzen ziehen, keine Medikamente mehr nehmen. „Darüber zu diskutieren, was notwendig ist, ist völlig okay“, sagt Augustin. „Ich finde es okay, wenn Leute Tierversuche ablehnen und dagegen demonstrieren. Menschen persönlich zu attackieren, weil sie das machen, schadet aber einem konstruktiven Austausch.“

In einem Käfig wischen sich vier erwachte Mäuse über die Gesichter. Die Fünfte liegt auf der Seite, ihre Rippen wölben sich, sie leidet unter Schnappatmung. Die Doktorandin legt die nächsten Tiere in einen durchsichtigen Kasten, den sie mit einem Tuch bedeckt. Als das Tuch herunterrutscht, liegen die fünf weißen Körper reglos vom Narkosegas nebeneinander. Käfig für Käfig durchläuft dieselbe Prozedur. Warten, schlafen, erwachen.

Nach dem Versuch kommen die Mäuse wieder in den Keller, putzen die feuchten Fellgesichter weiter. Außerhalb des Labors könnten diese Tiere nicht lange überleben, ihr Immunsystem ist dafür nicht gerüstet. Wenn sie als Versuchstiere ausgedient haben, sterben sie per Gas oder Genickbruch. Manchmal ordnet der Tierschutzbeauftragte noch während eines Versuchs an, dass ein Tier getötet werden muss. Wie beim Menschen kann bei manchem Leid kein Medikament mehr helfen.

www.izi.fraunhofer.de

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