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Görlitz

Warum in Görlitz Bäume umfallen

Das Phänomen war jetzt in der Südstadt zu erleben. Spekulationen darüber machten die Runde. Die Stadt kann jetzt alles erklären.

Dieser Baum auf der Wielandstraße ist nach einem Starkregen umgefallen. Der Regen war aber nicht die eigentliche Ursache
Dieser Baum auf der Wielandstraße ist nach einem Starkregen umgefallen. Der Regen war aber nicht die eigentliche Ursache © Danilo Dittrich

Sie haben eine angenehm riechende Rinde, eine attraktive gelb-rote Herbstfärbung, vertragen Schatten und späte Fröste: die Traubenkirsche "Schloss Tiefurt". Vor allem aber wachsen sie straff aufrecht und zeichnen sich durch eine kompakte Kronenform aus. Damit sind sie bestens geeignet für die Bepflanzung enger Straßenräume. Wie beispielsweise auf der Wielandstraße. Dort wurden die Bäume aber gerade gefällt. Aus purer Not heraus, denn sie fielen einfach um. Wie schon in Dresden und Leipzig.

Vermorschte Veredelungsstellen

Görlitzer Baumexperten haben jetzt den Grund dafür gefunden: Die nach einem kleinen Landschloss im gleichnamigen Ortsteil von Weimar benannten Bäume vermorschen an den Veredelungsstellen.  Bei der sogenannten Stammfußveredelung werde das Edelreis der Sorte "Schloss Tiefurt" auf eine reine Art der Traubenkirsche gepfropft, teilt Sylvia Otto von der Stadtverwaltung Görlitz mit: "Diese Verbindung scheint nicht dauerhaft stabil zu sein."

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Und dummerweise liegt diese Stelle unmittelbar unter der Erdoberfläche, sodass die Verletzungen, im konkreten Fall Rindenschäden und Pilzfruchtkörper am Stammfuß, nicht sichtbar sind. Auch wissen die Görlitzer Baumexperten noch einige andere Gründe, warum es den Bäumen auf der Wielandstraße nicht gut gegangen ist. Sie nehmen an, dass der Urin von Hunden durch seinen Säureanteil die glatt- und dünnrindigen Stämme besonders stark schädigt und den Eintritt von holzabbauenden Pilzen begünstigt. 

Erschwerend kommt dazu, dass die Kirschen mit ihren weißen Trauben aufgrund guter Wasser- und Nährstoffversorgung sowie sehr guter Standortbedingungen äußerst vital waren, also wuchsen und wuchsen, und letztlich die Last der Krone in Verbindung mit Wind und Regen von der vermorschten Veredelungsstelle nicht mehr getragen werden konnte. So stürzte erst ein Baum um und am 11. Mai ein weiterer.

Ersatzpflanzungen sind geplant - irgendwann

Inzwischen hat der Städtische Betriebshof alle geschädigten Bäume gefällt und die Reste beseitigt.  Auch Ersatzpflanzungen für die erst 1992 eingesetzten Bäume sind geplant. Wann, wie viele und welche Baumart weiß man bei der Stadtverwaltung noch nicht. Feststehen dürfte, dass man auf Bäume mit der Bezeichnung "Schloss Tiefurt" verzichten wird. Denn die Bäume haben noch ein anderes Problem. In Erfurt wurden im Jahr 2017 an 41 Bäumen dieser Traubenkirschensorte Bohrlöcher von rindenbrütenden Borkenkäfern festgestellt.

Dass stammfußveredelte Baumarten durchaus stabil sein können, beweisen beispielsweise die Krim-Linden an der Promenadenstraße. Aber die sind mehr als 130 Jahre alt, stammen also noch aus Kaiserszeiten und da war sowieso alles anders.

Letztlich hat der Bürgerrat Südvorstadt offensichtlich unrecht, wenn er einen Zusammenhang mit den Sanierungen der Grünstreifen vermutet. "Schloss Tiefurt" wurde in Görlitz übrigens lediglich auf der Wielandstraße gepflanzt. 

Regressforderungen der Stadt wird es nicht geben. Einerseits seien diese allein aufgrund der längst eingetretenen Verjährung von Garantieansprüchen rechtlich ausgeschlossen, teilte das zuständige Fachamt mit. Zudem ist "oft die liefernde Baumschule nicht gleichzeitig die Züchterin und nicht klar, ob die Sorte grundsätzlich beispielsweise ein Problem an der Veredelungsstelle entwickelt oder ob die anbauende/liefernde Baumschule fehlerhaft veredelt und angezogen hat".  Und wenn nachgewiesen wird, der Hunde-Urin Auslöser des Schadens sein sollte, würde das Problem allein beim Eigentümer der Bäume liegen.

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Und da jetzt das Reisen wieder möglich ist: Schloss Tiefurt war einst der Sommersitz der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach und ist samt seines Schlossparkes seit 1998 Teil des Ensembles "Klassisches Weimar" und damit Unesco-Weltkulturerbe. Aber achten Sie bitte im eigenen Interesse auf Bäume mit stark duftenden Blüten und Rinden.

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