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"Die Bürger werden nicht richtig informiert"

Corona-Protestler Peter Dierich sagt, warum er in jetzigen Beschränkungen DDR-Methoden sieht, welche Schuld die Medien trifft und warum er der Politik nicht traut.

Peter Dierich nimmt auch im Ruhestand regen Anteil an Politik - auch in seiner Stadt Zittau.
Peter Dierich nimmt auch im Ruhestand regen Anteil an Politik - auch in seiner Stadt Zittau. © Rafael Sampedro (Archiv)

Er war 1989/90 in Zittau bei der politischen Wende sehr aktiv und viele Jahre als Mathematiker an der hiesigen Hochschule tätig, die er von 1992 bis 2000 als Rektor leitete. Für die CDU saß er von 1990 bis 1994 im Landtag. Nun gehört er zu den Kritikern der Corona-Maßnahmen, die sich im Zittauer Umfeld gefunden haben und zunächst mit einem offenen Brief, dann mit einem Aufruf über den Süden des Landkreises hinaus für Aufsehen gesorgt haben.

Herr Dierich, in dem Brief sind viele Dinge aufgezählt, die durch die Corona-Restriktionen Schaden nehmen könnten - was treibt Sie persönlich am meisten um?

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Peter Dierich: Am meisten beschäftigt mich das empfundene Missverhalten zwischen unverhältnismäßig restriktiven Maßnahmen und einer sträflich schlechten Vorbereitung auf eine Pandemie. Deutschland ist drei Monate zu spät munter geworden. Wenn man dann Mängel und Fehler kaschiert und verschweigt und die Leute für dumm verkauft, ist im System etwas verkehrt gelaufen. Ich denke zum Beispiel daran, dass der Leiter des Robert-Koch-Institutes (RKI) das Tragen von Mundschutz erst lächerlich gemacht hat, ihn jetzt aber empfiehlt und so tut, als hätte er nie etwas anderes gesagt.

Sie ziehen Parallelen zur DDR - ist das nicht übertrieben? Es gibt ja wohl doch deutliche Unterschiede ...

Dierich: Ein erheblicher Unterschied ist der Wohlstand, in dem wir jetzt leben ... Ich persönlich denke, dass es legitim ist, wenn man an die DDR in diesem Zusammenhang erinnert - das ist für mich kein Gleichsetzen. Auch zu DDR-Zeiten haben wir in der Realität etwas anderes sehen können, als uns vermittelt wurde. Da haben Wissenschaftler gelobt, wie umweltfreundlich der Trabantmotor ist. Oder Eier und Fisch als gesund oder ungesund propagiert - je nachdem, wo Mangel war. Ich entdecke in den Argumentationen gegen unsere Kritik Formulierungen wieder, die ich aus dem Schreiben der Kündigungsandrohung der damaligen Hochschulleitung vom 25. Mai 1989 kenne. Der Hauptvorwurf lautete: „Überbetonung noch nicht gelöster Probleme ohne – wider besseres Wissen – die Anstrengungen zu deren Bewältigung zu würdigen.“ Jetzt höre ich fast wortgleich die gleichen Anschuldigungen unserer Kritiker. Das befinde ich bedenklich und das ist der Antrieb für meine Gegenwehr.

In der DDR hat die Staatsspitze das getan, um ihre Macht zu sichern - welche Macht sehen Sie jetzt im Hintergrund?

Dierich: Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Ehrlich gesagt, treibt mich diese Frage stark um. Ich habe keine Antwort darauf.

Sie würden also nicht sagen, Bundes- und Landesregierung versuchen, ihre Macht zu erhalten?

Dierich: Nein, das würde ich so nicht sagen, solche niedrigen Beweggründe würde ich nicht grundsätzlich unterstellen. Aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass man mal schauen will, wie weit man gehen kann. Als Indiz dafür sehe ich die Absicht des Freistaates, Quarantäneverweigerer in die Psychiatrie einzuweisen. Auch wenn man da zurückgerudert ist - das muss man hinterfragen!

Wenn Sie keine Verschwörung sehen - warum haben die Erstunterzeichner dann den Brief so populistisch formuliert?

Dierich: Warum ist das gleich populistisch? Warum wird man, wenn man kritisiert immer gleich als Populist bezeichnet? Ich empfinde den gegenwärtigen Umgang mit Kritikern als unfair. 

Aber die große Mehrheit der Deutschen steht hinter der Kanzlerin und der Regierung - wie erklären Sie sich das?

Dierich: Weil die Öffentlichkeit nicht richtig informiert wird. Zu DDR-Zeiten hat man verhindert, dass die Menschen sich informieren können. Jetzt ist es noch schlimmer - die Medien tun es nicht. Es ist nicht schick, gegen den Strom zu schwimmen. Warum kommen in den öffentlich-rechtlichen Programmen immer nur die gleichen sogenannten Experten zu Wort, wie der Chef des RKI? Warum ihre Kritiker nicht?

Sie spielen auf den Streit um den Virologen Hendrick Streeck an. Darüber wird in Nachrichtenmagazinen - auch im Fernsehen - sowie Zeitungen ebenso berichtet. Die Möglichkeit, das zu erfahren, hat jeder.

Dierich: Fragen Sie doch mal die Menschen auf dem Markt, wer die Zeit hat und sich so informiert. Ich wünsche mir eine objektivere Berichterstattung, die veröffentlichte Meinung ist sehr einseitig, kritische Stimmen werden in den in Deutschland vorrangig konsumierten Medien nur stark eingeschränkt dargestellt. Der Staat schränkt die Mündigkeit ein - man kann sich informieren, aber man wird eben nicht informiert.

Sie verweisen als Vorbild bei der Corona-Bekämpfung auf Südkorea, Taiwan, Singapur - kann man das vergleichen? Immerhin haben diese Staaten erst vor wenigen Jahren Epidemien mit anderen Coronaviren - MERS und SARS - hinter sich.

Dierich: Ich will nicht behaupten, dass man alles vergleichen kann. Welche kulturellen Unterschiede es da zusätzlich gibt, kann ich auch nicht im Detail sagen. Aber es hat mich sehr verwundert, warum man in Südkorea so viel testet und bei uns nicht. Warum Mundschutz dort von Anfang an kein Problem war - bei uns kein Thema. In einer Drucksache des Bundestages ist 2013 darauf eine notwendige Prophylaxe gegen eine Viren-Pandemie hingewiesen worden - nichts ist passiert. Deutschland war nicht vorbereitet.

Diese Kritik trifft nicht nur Deutschland. Würden Sie denn aber leugnen, dass die restriktiven Maßnahmen nötig sind, um Zeit zu gewinnen, Versäumtes nachzuholen und Schlimmeres zu verhindern?

Dierich: Wenn man das so von Anfang an klar kommuniziert hätte, hätte ich das eher akzeptieren können. Aber das hat man nicht, man hat es verschleiert und vertuscht und stattdessen schlimme Dinge mit Überrepressionen eingeführt. Das kritisiere ich.

Würden Sie den ersten Protest-Brief heute so noch einmal formulieren?

Dierich: Ich halte Zeitungsartikel nicht für das beste Mittel, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber wir mussten eine Form wählen, die wahrgenommen wird.

Fühlen Sie sich persönlich in Gefahr - Sie zählen ja zur Risikogruppe?

Dierich: Ich habe noch nicht so viel darüber nachgedacht, aber ich bin 77, da gehöre ich dazu. Ich trage auch Mundschutz - aber vor allem aus solidarischen Gründen.

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Update, 20. April, 10 Uhr: In einer früheren Version dieses Textes haben wir fälschlicherweise berichtet, dass Peter Dierich von 1997 bis 2003 Rektor der Hochschule war. Das haben wir korrigiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Zudem ist auf Wunsch von Peter Dierich der bisherige erste Satz der vorletzten Antwort gestrichen worden.

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