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Görlitz

Warum holt er Reichenbacher vor die Kamera?

Jürgen Dettling will die Sichtweisen von „Ossis“ und „Wessis“ 30 Jahre nach dem Mauerfall beleuchten. Reichenbach ist Zufallsort. Im Herbst beginnt der Dreh.

Filmproduzent Jürgen Dettling war jetzt auf erste „Tuchfühlung“ in Reichenbach. Im September kommt er wieder. Dann surrt die Kamera mehrere Wochen.
Filmproduzent Jürgen Dettling war jetzt auf erste „Tuchfühlung“ in Reichenbach. Im September kommt er wieder. Dann surrt die Kamera mehrere Wochen. © Constanze Junghanß

Eigentlich ist es Zufall, dass Jürgen Dettling auf Reichenbach kam. Er suchte einfach eine sächsische Kleinstadt, die sich für sein Projekt eignet und etwa 5 000 Einwohner hat. Im Internet wurde er fündig. Reichenbach soll zum Drehort werden. Der Baden-Württemberger wird im September mit der Kamera auf Spurensuche gehen.

Im Stadtrat hat er sich und sein Projekt jetzt kurz vorgestellt. Entstehen wird ein Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel „Neulich in Deutschland“. Es soll ein Versuch einer vergleichenden Reise in die „Deutsche Seele“ sein. Beleuchtet werden die Sichtweisen von „Ossis“ und „Wessis“ 30 Jahre nach dem Mauerfall und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede der Menschen in beiden Teilen der Republik. Dettling arbeitete lange Zeit als Regionalkorrespondent beim Fernsehsender SWR, wie er sagt. Seit vielen Jahren ist er mit seiner Filmproduktion „Swingin’ Pictures“ als Freiberufler unterwegs und produzierte unter anderem Fernseh-Features und Reportagen für die ARD und Arte.

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„In der Region war ich zuletzt 1989“, sagt er. Damals war Dettling mit Konrad Kujau, dem Fälscher der Hitlertagebücher, in dessen Geburtsstadt Löbau filmisch unterwegs. Es entstand ein 45-Minuten-Fernsehfilm. Für sein aktuelles Doku-Projekt nimmt er zwei Kleinstädte im Vergleich unter die Lupe: Neben Reichenbach wird das deren Partnergemeinde Seckach sein. Auf die Idee, Menschen aus Ost und West vor die Kamera zu holen, sie aus ihrem eigenen Erleben berichten zu lassen, kam der Produzent durch heftige Diskussionen in den Kommentarspalten von Facebook, die er da las.

Anlass der Diskussionen war die tödliche Messerattacke auf Daniel H. in Chemnitz im August 2018 und das darauf folgende Demonstrationsgeschehen. „Menschen auf dem Westen hackten auf Menschen aus Ostdeutschland verbal ein, beschimpften die Sachsen als Nazis oder wünschten, dass die Mauer erneut aufgebaut wird“, erinnert er sich und sagt, dass er über die verbalen Entgleisungen erschrocken war. Die Frage stand für Dettling im Raum, warum es auch nach 30 Jahren Wiedervereinigung immer noch nicht gelungen ist, vernünftig miteinander zu reden.

Dem will er nachspüren. Bei der Dokumentation geht es darum, welche Gemeinsamkeiten die Menschen selbst sehen, wo es Unterschiede gibt und woran das liegt. Impulse sollen gesetzt werden für „mehr respektvolle Gespräche zwischen Bürgern in Ost und West.“ Die Mauer in den Köpfen existiere bei manchen Menschen immer noch. Das sei fatal. Und auch das Erstarken „rechter Tendenzen“, verbunden mit „großflächiger Verkrustung unterschiedlicher Standpunkte“ spricht Dettling an. Fragen will er stellen, die sich mit der Zukunft des Landes und Europas beschäftigen, was die Menschen zufrieden macht oder unzufrieden zurück lässt. Oder auch, wie viel Zuversicht und wie viel Angst vorhanden sind. Einen Teil des Projekts finanziert Delling über Crowdfunding, weitere Kosten trägt er selbst. 13 Unterstützer haben fast 5 100 Euro gespendet.

Die letzten Tage sammelte der Produzent erste Eindrücke, kam mit Leuten auf der Straße, in der Gaststätte und bei der Wahlveranstaltung vom sächsischen Ministerpräsident im KulturEimer Nieskyer Straße ins Gespräch. „Der Redebedarf ist groß“, stellt Dettling fest.

Im Herbst will er eine öffentliche Informationsrunde in Reichenbach zu seinem Anliegen durchführen. Geplant ist dafür voraussichtlich der 2. September. Danach beginnt der mehrwöchige Dreh, bei dem die Reichenbacher zu Wort kommen. Interesse an dem Werk bekundet habe bereits ein bekannter Schulfilmvertrieb, bei dem die Dokumentation dann ausgeliehen werden kann. Mit dem Vertrieb arbeitet Dettling schon lange zusammen. Und auch verschiedenen Fernsehsendern soll der 90-minütige Film für die Ausstrahlung angeboten werden. Geplant ist die Fertigstellung im Oktober 2019.

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