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Warum sich Sachsens Schüler so gestresst fühlen

Ein Programm der Barmer will die psychische Gesundheit von Schulkindern fördern. Das hilft am Ende auch den Lehrern.

Sei nicht traurig! Vivien, Helena und Lucy lernen am Johanneum in Hoyerswerda. Die christliche Schule leistet sich mit Silvia Scheibe einen Schülercoach. Sie zeigt den Kindern, wie sie mit ihren Sorgen umgehen können.
Sei nicht traurig! Vivien, Helena und Lucy lernen am Johanneum in Hoyerswerda. Die christliche Schule leistet sich mit Silvia Scheibe einen Schülercoach. Sie zeigt den Kindern, wie sie mit ihren Sorgen umgehen können. © Thomas Kretschel

Helena hat eine Mathearbeit verhauen. Obwohl sie viel geübt hat, ist es nur eine Fünf geworden. Ihre Eltern werden toben, befürchtet sie. Was noch schwerer wiegt: Die Elfjährige hat Angst, nicht in die nächste Klassenstufe versetzt zu werden – und das jetzt, wo sie sich in der weiterführenden Schule gerade gut eingelebt hat. Ihre Freundinnen Lucy und Vivien versuchen, sie zu trösten. „Das ist voll doof“, sagt Vivien. „Aber das kann doch jedem mal passieren. Ich hatte eine Vier in Geo. Lass uns gemeinsam üben“, sagt Lucy.

Die Situation und die Reaktion der Mädchen auf Helenas Problem sind ein Rollenspiel aus Mind Matters, einem Präventionsprogramm der Barmer Ersatzkasse und der Leuphana Universität Lüneburg. Es soll Lehrern und Erziehern dabei helfen, die psychische Gesundheit ihrer Schüler zu fördern, ihr Wohlbefinden zu steigern, sie resistenter gegen Stress zu machen – und damit im Endeffekt die Lernergebnisse zu verbessern. „Das Programm dient dazu, eine Schulkultur aufzubauen, in der sich alle Schüler sicher, wertgeschätzt und eingebunden fühlen“, erklärt Anett Wagner, Referentin für Prävention bei der Barmer in Sachsen. Die Krankenkasse hat das Programm 2014 nach Sachsen geholt und koordiniert es seither zusammen mit der Sächsischen Landesvereinigung für Gesundheitsförderung (SLfG). 600 Fachkräfte sind inzwischen landesweit in eintägigen Fortbildungen geschult worden.

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Wenn Angst krank macht

Erster Schritt bei der Anwendung in der Schule ist, zu verstehen, welche Sorgen die Schüler bewegen. „Bei den Sechstklässlern ist die Frage, wie ich Freunde finden, behalten und zu einer Gruppe dazugehören kann, ein riesiges Thema“, sagt Silvia Scheibe. Sie arbeitet als Schülercoach am Johanneum in Hoyerswerda und wendet das Programm dort auch mit Helena und ihren Freundinnen an. Die christliche Schule hat pro Woche allen fünften bis achten Klassen jeweils eine Methodikstunde auf den Plan gesetzt. Silvia Scheibe darf sie nutzen, um mit den Schülern über Probleme zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen – ein Idealzustand in Zeiten, in denen viele Schulen darum ringen, ihren Unterricht mit Fachlehrern abzudecken und Klassenlehrerstunden zusammenstreichen müssen. „Dabei ist Raum und Zeit für das Zwischenmenschliche gerade unter Schülern so wichtig“, sagt Scheibe. Denn viele gesundheitliche Probleme nehmen ihren Ausgang im Schulumfeld.

Versagens- und Verlustängste wie die von Helena können krank machen. Bei manchen Kindern lösen sie Bauch- und Kopfschmerzen aus, andere schlafen schlecht, essen zu viel oder zu wenig. Der Kinder- und Jugendreport, den die Krankenkasse DAK am Donnerstag für Sachsen vorgestellt hat, zeigt, dass ein Viertel aller Schulkinder psychische Auffälligkeiten hat. 1,6 Prozent aller Zehn- bis 17-Jährigen sind an einer diagnostizierten Depression, 2,2 Prozent an einer Angststörung erkrankt. Die Betroffenen würden oft im Stillen leiden, bevor sie sich jemandem anvertrauen und einem Arzt vorstellen. „Wenn man nicht frühzeitig etwas dagegen unternimmt, potenzieren sich die Probleme“, sagt Annekathrin Weber von der SLfG.

Pubertät und Trennung belasten

Neben der Angst, Freunde zu verlieren, haben viele ein großes Problem mit Schulstress und der Erwartungshaltung der Eltern – oder setzen sich selbst unter Leistungsdruck. Gut auszusehen, cool zu sein, mit neuesten Trends mithalten zu können, um bei Klassenkameraden Anerkennung zu bekommen, schnürt vielen zusätzlich die Luft ab. Hinzu kommt die körperliche Entwicklung, die Pubertierende verwirrt und ihnen psychisch zusetzt. Immer mehr Kinder müssen sich darüber hinaus mit der Trennung der Eltern und familiären Patchworkkonstellationen arrangieren.

„Mind Matters bietet für diese Themen verschiedene Module, die in den Unterricht eingearbeitet werden können“, sagt Anett Wagner. Sie könnten dazu beitragen, dass sachgerecht auf Sorgen und Ängste reagiert wird und Schüler und Lehrer sich mit Respekt und Verständnis begegnen. „Der Bedarf ist in allen Schulen da.“ Deshalb sind die Module mit Rücksicht auf Alter und Entwicklungsstufen der Kinder und Jugendlichen für die Klassenstufen 1 bis 13 konzipiert worden. Sie fördern die soziale und emotionale Kompetenz von Grundschülern, helfen in weiterführenden Schulen, mit Trauer und Verlust umzugehen und trotz des Stresses im Gleichgewicht zu bleiben. Zudem werden Handlungsstrategien gegen Mobbing vermittelt.

Das Programm stammt ursprünglich aus Australien. Seit 2003 gibt es eine deutschsprachige Version. Weil das Interesse daran so groß ist, werden die Module laufend weiterentwickelt. „Sie lassen sich sehr gut in den Fachunterricht einbauen“, so Scheibe. Etwa, wenn in Deutsch „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe behandelt würden, könnten eigene Pubertätsprobleme der Schüler einfließen: Auseinandersetzungen zu Hause, Gerangel in der Schule, die erste Liebe. „Die Lehrer dürfen sich dafür öffnen, aber viele fahren ihren jahrelangen Unterrichtsstil und trauen sich vielleicht nicht, etwas Neues einfließen zu lassen“, sagt sie. Dabei, das zeige ihre Erfahrung, wünschten sich viele Schüler spätestens ab der achten Klasse, dass die in der Schule behandelten Themen etwas mit ihnen und ihrer Lebensrealität zu tun haben. „Immer nur Stoff auswendig lernen zu müssen, nervt sie. Sie wollen mehr freie Arbeit, Kreativität und Bewegung.“

Was Schülern und Lehrern hilft

Warum aber sollten Lehrer freiwillig noch weitere Aufgaben übernehmen? „Weil sie interessiert daran sind, selber gesund zu bleiben“, sagt Anett Wagner. Lehrer würden die psychischen und emotionalen Anforderungen in ihrem Beruf vermehrt als gesundheitlich belastend erleben. Laut aktuellem Gesundheitsreport der Barmer waren sie im Jahresdurchschnitt 2018 mehr als einmal krankgeschrieben und fehlten durchschnittlich 15,3 Tage. Als häufigste Einzeldiagnose ist dabei die Depression erfasst worden. Wer darunter litt, war durchschnittlich sechs Wochen krank geschrieben – und fehlte in der Schule. Dort wiederum führte das zu noch mehr Arbeitsverdichtung für die Kollegen und Unterrichtsausfall. „Das Programm hat auch die Lehrer im Blick und will ihre Arbeitsbedingungen und das Schulklima verbessern“, sagt Annekathrin Weber.

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„Fühlen sich die Schüler mehr gesehen, steigt ihre Lernbereitschaft. Sie haben wieder Freude daran, sich in den Unterricht einzubringen“, sagt sie. Und wird der Lehrer nicht abgelehnt, ignoriert oder hinter seinem Rücken über ihn gelästert, steigert das auch seine Zufriedenheit. Das wichtigste Ziel sei es, Selbstbewusstsein und psychische Widerstandsfähigkeit der Schüler zu stärken. „Wir möchten, dass stabile Menschen aus der Schule kommen, die sich im Leben behaupten können und wissen, wer sie sind“, sagt Silvia Scheibe.

www.mindmatters-schule.de

Andere Präventionsprogramme der Krankenkassen:

Das Präventionsgesetz verpflichtet die Krankenkassen dazu, etwas dafür zu tun, dass Kinder gesund aufwachsen und depressive Erkrankungen möglichst verhindert oder früh erkannt werden. Entsprechend bieten alle Kassen Programme an. Eine Auswahl:

IKK classic: „Das gesunde Klassenzimmer – Die Rakuns“ stärkt die allgemeine Lebenskompetenz von Grundschülern. In Sachsen wird es von 142 Schulen genutzt. Für Kita-Kinder gibt es das Programm „Die Kleinen stark machen“.

AOK Plus: „JolinchenKids – Fit und gesund in der Kita“ zur Ernährungs- und Bewegungsbildung sowie für das seelische Wohlbefinden der Kinder (Erzieher- und Elternworkshops).

Barmer: Zusätzlich zu „Mind Matters“ gibt es „Papilio -3bis6“. Es setzt vor dem Schulbeginn an und soll Kinder stark machen gegen Sucht und Gewalt (Trainer- und Erzieherfortbildung).

Techniker Krankenkasse: fördert individuelle Gesundheitsprojekte in Kita und Schule. Zusätzlich gibt es die Stressbewältigungsprogramme für Kinder („Bleib locker“) und Jugendliche („SNAKE“).

DAK: „fit4future Teens“ dient der Stressprävention ab Klasse 5. Kids ab 12 trainieren ihre seelische Stärke mit der kostenlosen Software „DAK Smart4me“.

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