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Was fange ich jetzt zu Hause an mit meinem Kind?

Ab Mittwoch sollen alle Schüler wegen des Coronavirus zu Hause lernen. Wie können Eltern sie dabei unterstützen?

Ein bisschen Spaß darf sein: Quatschmachen ist in der Krise nicht nur erlaubt, sondern wichtig für die Bindung zwischen Eltern und Kind.
Ein bisschen Spaß darf sein: Quatschmachen ist in der Krise nicht nur erlaubt, sondern wichtig für die Bindung zwischen Eltern und Kind. © 123rf

Viele Schüler dürften bei dieser Nachricht gejubelt haben: Vier Wochen „Coronaferien“! Vier Wochen lang ausschlafen, vier Wochen keine Tests. Inzwischen ist den meisten bewusst, was das auch bedeutet: Ihren geregelten, von der Schule dominierten Tagesablauf gibt es erst einmal nicht mehr. Sie werden ihre Klasse nicht sehen, nachmittags nicht mehr im Verein trainieren, selbst die Klassenfahrten sind gestrichen.

Auch auf die Eltern kommen nun anspruchsvolle Aufgaben zu: Sie müssen sicherstellen, dass ihre Kinder tatsächlich lernen und die Schulaufgaben erledigen. „Viel wichtiger ist aber, dass sie ihnen in dieser schwierigen Zeit emotionalen Halt geben“, sagt Dr. Reinhard Martens, Kinderpsychiater aus Pirna.

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Was passiert jetzt an den Schulen?

Lehrer und Schulleiter bereiten derzeit Wissenstransfer und -vermittlung für die unterrichtsfreie Zeit vor. „Wir bitten um Verständnis, dass es noch keinen perfekten Plan gibt“, sagt Roman Schulz vom Landesamt für Schule und Bildung in Chemnitz. Die Behörde hatte am Samstag sachsenweit alle Schulleiter zu einer Sondersitzung einbestellt, um die nächsten Schritte zu besprechen. „Sie müssen jetzt an ihren Schulen Kommunikationsketten zu den Eltern bzw. älteren Schülern herstellen. Und die Lehrer müssen Lernzeiten für die nächsten Wochen vorbereiten“, so Schulz.

Wie erfahre ich, was mein Kind für die Schule machen muss?

Ab Mittwoch müssen sich die Schüler wieder mit Schulthemen befassen. Spätestens bis dahin, so der Plan, sollten sie die ersten Aufgaben von ihren Lehrern übermittelt bekommen. Wie genau das geschieht, ist jeder Schule freigestellt. „Das kann über E-Mail-Verteiler, Whatsapp-Gruppen oder kopierte Blätter passieren, die per Brief verschickt werden“, sagt Schulz.

Schulen könnten auch über ihre Internetseiten mit den Schülern kommunizieren oder Internetplattformen wie LernSax, ein soziales Netzwerk für Schulen in Sachsen, nutzen. Die Lehrer sollten mit ihren Schülern Lernziele vereinbaren. „Benotung und Kontrolle ist nicht garantiert, aber es geht vorrangig um tägliche Übungen, Festigung und Wiederholung“, so Schulz.

Bianca Brieke, Lerncoach aus Lichtenau, gibt sich damit nicht zufrieden. „Die Schulen stehen in der Verantwortung, auch wenn sie geschlossen sind.“ Mit dem Ausreichen von Arbeitsblättern sei es nicht getan. „Regelmäßige Kontrollen und Rücksprachen mit den Schülern sind wichtig für die Motivation. Kein Kind würde es durchhalten, wenn es nur einmal für die vier Wochen eine Liste mit Aufgaben bekommt, die es am Ende der Zeit vorweisen soll. Das funktioniert nicht“, sagt sie.

Lernen ohne Lehrer – geht das überhaupt?

Das kommt auf das Alter der Kinder und das Fach an. Die Lehrer entscheiden, was die Schüler zu Hause erarbeiten müssen – und in welcher Form das geschehen soll. „Von Fach zu Fach ist das differenziert zu sehen“, sagt Schulz. Denn in manchen Fächern sei es schwierig, sich neuen Stoff ohne pädagogische Anleitung selbst zu erschließen.

In den Naturwissenschaften wie Mathe, Physik und Chemie solle der Fokus darauf liegen, zu üben und Wissen zu festigen. In Bio, Geo, Geschichte oder den Fremdsprachen können Schüler sich Inhalte erarbeiten oder neue Vokabeln lernen. „Ab der fünften Klasse geht das“, sagt Bianca Brieke.

Kinder unter zehn Jahren sollten nicht alleine gelassen werden. Sie brauchen eine engere Betreuung und Anweisung durch die Eltern.

Soll ich zu Hause den Schulablauf simulieren?

Kinder sollen trotz der Schulschließung aus dem Lernrhythmus nicht herauskommen. Aber die Lernzeiten zu Hause können die Unterrichtszeit nicht komplett ersetzen. „Das wäre illusorisch“, sagt Roman Schulz. Eine Tagesstruktur festzulegen, sei dennoch absolut wichtig, sagt Prof. Dr. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater am Uniklinikum Dresden.

Klar definierte Abläufe zu Hause helfen vor allem unbetreuten Kindern und Jugendlichen, sich nicht in der freien Zeit zu verlieren. „Natürlich müssen sie nicht so zeitig aufstehen wie sonst. Aber es muss klar sein, dass zum Beispiel ab 8 Uhr Schule gemacht wird“, sagt Bianca Brieke. „Wenn man es zulässt, dass sie so lange schlafen dürfen, wie sie wollen, sind sie im Ferienmodus und sehen nicht mehr ein, etwas für die Schule tun zu müssen“, erklärt Rößner.

Mit älteren Kindern könnten Eltern eine Lernportion pro Woche vereinbaren, wenn es keine anderen Vorgaben von der Schule gibt. „Wann das Kind was macht, teilt es sich selbst ein, aber am Ende der Woche muss es Ergebnisse liefern“, rät Brieke. Jugendliche sollten selber Vorschläge machen, wie und wann sie den Lernstoff bearbeiten wollen. „Die sind in der Regel besser als alles, was die Erwachsenen vorgeben und was nicht auf die innere Akzeptanz stößt“, sagt Martens. Auch Roman Schulz vom Landesamt für Schule und Bildung rät zu Flexibilität.

Was kann meinem Kind jetzt guttun?

„Diese vier Wochen sind eine Herausforderung. Aber auch eine Chance. Ich würde sie als geschenkte Zeit verstehen“, sagt Bianca Brieke. Sie plädiert dafür, feste Zeiten zur freien Verfügung des Kindes einzuführen, in denen es lesen, basteln, spielen oder auch mal fernsehen dürfe. „Das ist eine hervorragende Möglichkeit, sich mit Dingen zu beschäftigen, für die vorher keine Zeit war“, sagt auch Martens.

Gerade älteren Kindern könne man erklären, dass sie für das Lernen und ihre Fitness jetzt selber verantwortlich seien. Sie könnten auch zu Hause Liegestütze machen oder draußen joggen gehen. „In jeder Krise liegt für Jugendliche ein enormes Entwicklungspotenzial“, sagt Martens. Um zu verhindern, dass die Kinder zu viel vor Fernseher oder Spielkonsole sitzen, sollten Geräte entfernt oder mit einer Zeitsperrung versehen werden.

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Familien könnten die Zeit nutzen, um gemeinsam zu essen, zu spielen, sich miteinander zu beschäftigen. „Sie müssen jetzt sicheren Halt bieten, sich einander zuwenden, auch mal lachen und herumblödeln“, sagt Martens. Dazu gehört auch, die eigenen Sorgen so lange wie möglich vor den Kindern zu verbergen. „Das ist ein schwieriger Spagat, aber er ist nötig, um das Kind zu schützen“, sagt Rößner. Es wäre tragisch, wenn die Kinder am Abend ihren Eltern dabei zusehen, wie sie vor dem Fernseher sitzen und voller Panik die neuesten Infektionszahlen studieren.

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