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Leben und Stil

Was taugen Versicherungen gegen Zecken?

Vor den finanziellen Folgen einer Erkrankung kann man sich schützen. Doch die Policen haben Fallen, wie ein Urteil zeigt.

© Pfizer/www.zecken.de

Erkrankungen durch Zeckenstiche werden immer häufiger gemeldet. Allein in Sachsen gab es 2018 mehr als 2.000 registrierte Borreliosefälle, 300 bereits in den ersten fünf Monaten des Jahres 2019, wie die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen informiert. Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) trat im letzten Jahr zwölf Mal im Freistaat auf. Eine solche Infektion passiert meist schnell und unbemerkt: Beim Wandern oder bei der Gartenarbeit saugt sich eine Zecke an der Haut fest und gibt Krankheitserreger in die Blutbahn ab. FSME und Borreliose können folgenschwer sein. Sie können zu Lähmungen, Schmerzen, neurologischen und kognitiven Beeinträchtigungen führen, die nicht selten in Invalidität enden.

Das ist meist mit erheblichen finanziellen Einschnitten verbunden. Doch davor kann man sich schützen – zum Beispiel mit einer privaten Unfallversicherung, denn ein Zeckenstich wird von vielen Versicherern als Unfall gewertet. Doch nicht von allen. Deshalb rät der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV), beim Abschluss auf die sogenannte Infektionsklausel zu achten.

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Die Versicherung zahlt dann einen Geldbetrag – zum Beispiel für den barrierefreien Umbau der Wohnung –, wenn unfallbedingt dauerhafte körperliche Einschränkungen bestehen. „Von Dauerhaftigkeit wird dann ausgegangen, wenn die Unfallfolgen voraussichtlich länger als drei Jahre fortbestehen und keine Besserung zu erwarten ist“, sagt Kim Roman Paulsen, Sprecher des Bundes der Versicherten – einer Organisation, die die Versicherungsnehmer vertritt. Wie hoch die Summe ist, die dann gezahlt wird, richtet sich nach der sogenannten Gliedertaxe. Der Verlust oder die vollständige Funktionsunfähigkeit eines Beines ab der Mitte des Oberschenkels beispielsweise gilt als 70-prozentige Invalidität, eine Hand als 55 Prozent, ein Auge als 50 Prozent. Zur Auszahlung kommt dann dieser Prozentsatz der vereinbarten Invaliditätssumme.

Quelle: zecken.de
Quelle: zecken.de © SZ-Grafik

„Da die meisten Unfallfolgen in einem Bereich von unter 20 Prozent Invalidität liegen, ist eine entsprechend hohe Absicherung wichtig“, rät Paulsen. Denn auch eine geringe Invalidität kann bereits erheblich einschränken. Der Bund der Versicherten empfiehlt deshalb mindestens 100 000 Euro Invaliditätsgrundsumme und 10 000 Euro Todesfallleistung. Eine vereinbarte Progression erhöht den Auszahlungsbetrag besonders bei niedrigen Invaliditätsgraden.

Die Vereinbarung einer Unfallrente ist aus Sicht des Bundes der Versicherten jedoch entbehrlich, denn üblicherweise greift sie erst ab 50-prozentiger Invalidität. Auch ärztliche Behandlungskosten oder Pflegeleistungen sind meist durch die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung abgedeckt.

Das klingt nach Rundum-Sorglos-Paket, ist es aber nicht, wie die Stiftung Warentest festgestellt hat. Denn vor Gericht gebe es immer wieder Streit, ob nachweisbar ein versicherter Zeckenstich oder eine chronische Erkrankung zu der dauerhaften Invalidität geführt haben. Warentest verweist auf ein Urteil des Oberlandesgerichtes Nürnberg (Aktenzeichen: 8 W 2040/14). 

Bei dem Kläger war drei Wochen nach einem Zeckenstich Neuroborreliose diagnostiziert worden. Er litt an einer Gesichtslähmung, an Schmerzen, Kraftlosigkeit und Stimmungsschwankungen. Die Versicherung zahlte nicht, weil eine Infektion zu einem Zeitpunkt vor Abschluss des Versicherungsvertrages nicht ausgeschlossen werden konnte. Das Beweisverfahren wurde an die Vorinstanz zurückverwiesen, die weitere Gutachten erstellen lassen soll. Zudem konnte der Kläger nicht belegen, dass bei ihm eine mindestens 50-prozentige Invalidität bestand, womit er keinen Anspruch auf die Unfallrente hatte.

Gängige Labortests oft ungenau

Insbesondere die Borreliose, eine durch Bakterien nach Zeckenstichen ausgelöste Infektionskrankheit, ist kompliziert und vielfältig, wie Dr. Herbert Rixecker, Sprecher der Deutschen Borreliosegesellschaft, betont. Gerade bei fortgeschrittenen Erkrankungen sei oft schwer nachweisbar, wann die Infektion stattgefunden hat. „Untersuchungen haben bestätigt, dass sich höchstens 30 Prozent der Borreliosekranken an einen Stich erinnern können“, so Rixecker. 

Zecken übertragen auch nicht nur Borrelien, sondern andere Krankheitserreger, die borrelioseähnliche Symptome auslösen können. „Die gängigen Tests sind dann oft negativ, was als nicht vorhandene Zeckeninfektion gewertet wird. Doch das ist zu kurz gedacht.“ Für die Versicherer sei es sehr schwer, geeignete Kriterien zu finden, um Betroffenen helfen zu können. „Dabei ist so eine Absicherung bitternötig. Viele betroffene Forstarbeiter und Landschaftsgärtner, die beruflich ein höheres Risiko haben, streiten schon jahrelang um Rentenzahlungen.“

Versicherer, die diese Leistung anbieten, sind sich dessen nach eigener Aussage bewusst. Brigitte Römstedt von der R+V-Versicherung: „Nicht jeder Zeckenstich löst eine Krankheit aus. Als Unfalltag gilt deshalb das Datum der ärztlichen Feststellung der Erkrankung.“ Ähnlich argumentiert auch Lorena Steigertahl, Sprecherin der Aachen Münchener Versicherung: „Bedingung für uns ist, dass der Gesundheitsschaden und die Verursachung durch einen Insektenstich schriftlich festgestellt werden. Der Versicherungsnehmer muss den Vorfall innerhalb von drei Monaten nach der ärztlichen Feststellung an uns melden.“ 

Herbert Rixecker zufolge sei es für Ärzte aber schwer, einen kausalen Zusammenhang zwischen Zeckenstich und Erkrankung herzustellen, weil gängige Labortests oft ungenau und deshalb umstritten seien. Bei FSME sei der Nachweis in der Regel einfacher zu erbringen.

Impfen hilft gegen FSME

Für Betroffene könnte es im Einzelfall also schwer werden, das erforderliche Attest für die Versicherung zu bekommen. Deshalb sollte man möglichst alles tun, um gar nicht erst an Borreliose oder FSME zu erkranken. Zeckenstiche lassen sich vermeiden, indem man körperbedeckende Kleidung und feste Schuhe bei Aktivitäten in Wald und Flur trägt. Auch das Aufsprühen insektenabwehrender Mittel schützt für einige Stunden.

Hat sich dennoch eine Zecke festgesogen, ist es wichtig, sie schnellstmöglich fachkundig zu entfernen und die Einstichstelle zu desinfizieren. Denn es dauert etwa zwölf Stunden, bis eine Zecke Borreliosebakterien in die Wunde abgibt. Vor FSME schützt die schnelle Zeckenentfernung jedoch nicht. Infizierte Zecken übertragen die Viren sofort beim Stich. Dafür gibt es – anders als bei Borreliose – gegen FSME eine Impfung. Die Kassen übernehmen die Kosten für Personen, die sich in Risikogebieten aufhalten. Dazu gehören auch fünf Gebiete in Sachsen: die Landkreise Bautzen und Zwickau, der Erzgebirgskreis, das Vogtland und seit Kurzem der Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge.

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Eine FSME-Grundimmunisierung besteht aus drei Injektionen. Die zweite Impfung sollte etwa vier Wochen nach der ersten, die dritte frühestens fünf Monate nach der zweiten erfolgen. Aufgefrischt wird der Schutz alle drei bis fünf Jahre, je nach verwendetem Impfstoff.

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