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Görlitz

Wenig Bares für Rares in Görlitz

Antikhändler bieten Nippes, Postkarten, Möbel, Schmuck und mehr. Die Läden sind voll, aber die Branche hat Probleme.

Matthias Ritter kauft in der Struvestraße Antikes und Trödel an und verkauft es wieder.
Matthias Ritter kauft in der Struvestraße Antikes und Trödel an und verkauft es wieder. ©  Nikolai Schmidt

Matthias Ritter hat schon immer ein Faible für alte Sachen. Das begann mit alten Schildern und Fahrrädern. Mit wenig Mühe und viel Freude arbeitete der gelernte Schlosser das auf. Im Jahr 2000 eröffnete er einen Antik- und Trödelhandel. Görlitzer und Menschen aus dem Umland bringen ihm antike Schätze oder was sie dafür halten. Regelmäßige Öffnungszeiten gibt es für das Geschäft nicht. „Wenn das Schild draußen steht, ist offen“, sagt er. Angestellte hat er nicht, „so viel wirft der Laden nicht ab.“

Matthias Ritter ist einer von sechs Antikhändlern, die es in Görlitz gibt. In den vergangenen Jahren haben mehrere ihr Geschäft geschlossen: Händler in Kunnerwitz, am Otto-Buchwitz-Platz, in der Weberstraße, in der Brüderstraße und in der Salomonstraße – meist aus Altersgründen. Manche auch, weil das Geschäft nicht mehr lief. Vor diesem Problem stehen mittlerweile fast alle Antikhändler in der Stadt. Mario Ansorge betreibt einen Antikhandel in der Jakobstraße. Er verkauft alles, „was in die Handtasche passt, also Porzellan, Glas, Ansichtskarten“, sagt er. Eine große Sammlung alter Postkarten besitzt er, deren Grundstein sein Vater Horst Ansorge gelegt hatte. „Er war bekannt, weil er im Bürgerhaus Niesky immer die Ansichtskartenbörsen veranstaltete“, erklärt der Sohn. Auch er steht allein im Laden, er könne gerade so von den Verkäufen leben, sagt er. Veranstaltungen wie Tippelmarkt, Viathea oder Altstadtfest spülen ihm nicht mehr Kunden ins Geschäft als sonst. „Die laufen vorbei“, bedauert Ansorge. Einen Laden in Niesky könnte er sich aber erst recht nicht vorstellen.

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Eine viel bessere Lage als Ansorge mit der Jakobstraße hat Hans-Ulrich Leonhardt. Das Antikhaus in der Steinstraße ist kaum zu übersehen. Leonhardt geht auf die 70 zu. Einen Nachfolger für das Geschäft sieht er nicht. Sein Sohn dachte darüber nach. Der sei zu dem Schluss gekommen, dass die Einnahmen zum Leben nicht reichen, erzählt Leonhardt. Das Hinterhofcafé als weiteres Standbein gibt es seit vier Jahren nicht mehr. Leonhardt hätte dort ein Dach errichten müssen. Diese hohe Investition sparte er sich. Zum großen Problem sei die Konkurrenz durch das Internet geworden. Der Mensch habe sich zum „homo digitales“ entwickelt, scherzt Leonhardt. Genau aus diesem Grunde ist Matthias Ritter als Antikhändler auch im Internet aktiv, betreibt noch dazu einen eigenen Ebay-Shop, für den er extra im polnischen Boleslawiece/Bunzlau Rumtöpfe aus Keramik produzieren lässt. Und er setzt auf polnische Kundschaft, die an schlesischen Bildern interessiert ist.

Von allen Antikgeschäften in der Stadt hat Denise Glanze eine der günstigsten Lagen. Ihr Antik-Keller liegt direkt an den Touristenpfaden in der Stadt. „Nahezu jede Stadtführung führt hier vorbei und die Touristen haben Zeit, das Geschäft wahrzunehmen“, sagt sie. Etwa 80 Prozent des Umsatzes macht Frau Glanze mit Touristen, mit denen sie auch englisch spricht. Aber eben nur von Ostern bis Oktober. Über den Winter, wenn die Touristen ausbleiben, läuft das Geschäft nicht so gut. „Görlitzer haben eher selten etwas in der Altstadt zu tun und schauen kaum herein“, bedauert die Antik- und Trödel-Händlerin. Eine Angestellte kann auch sie sich nicht leisten, steht selbst von Montag bis Sonnabend im Geschäft. Seit sie 2016 den Laden von ihrem Vater übernahm, ist das Internet immer mehr zum Konkurrenten geworden. Entweder man ist dort selbst mit dabei oder man findet Lücken, auf die Kunden ansprechen, sagt sie. Denise Glanze fand eine und verkauft nun auch Dekoratives für ein schönes Zuhause im Vintage-Stil, darunter beispielsweise gusseiserne Kleiderhaken. „Warum ich allerdings ausgerechnet Lupen so gut verkaufe, kann ich selbst nicht erklären“, erzählt sie.

Bernd Himpel, der Inhaber des Antiquitätengeschäftes in der Steinstraße 7, ist auf Antikes und Trödel aus Zinn spezialisiert und setzt sich damit etwas von den anderen Antikhändlern ab. Er kauft auch Edelmetalle an. Nach der Vergrößerung seines Ladens strebt er nicht. Das Haus, in dem sich der Laden befindet, gehört ihm. Er beschäftigt eine Mitarbeiterin, die auch Änderungsschneiderei ausführt. Seinen Lebensunterhalt verdient Bernd Himpel aber mit anderen Sachen. Antiquitäten sind sein Hobby, für das er viel Zeit investiert.

Dass Städte wie Bamberg mit Kunst- und Antiquitätenwochen deutschlandweit werben und kaufstarke Kunstinteressierte ab heute für vier Wochen anlocken, davon können die Görlitzer Antikhändler nur träumen. Sie sind, wie Mario Ansorge, froh, wenn die Einnahmen aus den Geschäften am Ende zum Leben reichen.

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