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Leben und Stil

Wie Hormone unser Gewicht beeinflussen

Neue Forschungen zeigen: Übergewicht hat nicht nur mit mangelnder Selbstbeherrschung zu tun. Teil 4 der SZ-Diätserie.

Dickmacher Wechseljahre? Das muss nicht sein.
Dickmacher Wechseljahre? Das muss nicht sein. © 123rf/Ulrike Schanz

Viele Frauen in den Wechseljahren meinen, schon beim Betrachten von Speisen zuzunehmen. Für sie liegt es auf der Hand, dass das etwas mit der Hormonumstellung, dem Rückgang von Östrogen zu tun hat. „Doch dem ist nicht so. Die Geschlechtshormone haben viel weniger mit dem Stoffwechsel zu tun, als mancher denkt“, sagt Frauenärztin Marion Kiechle. „Doch der Blick auf die Hormone ist dennoch nicht verkehrt.“ Gemeinsam mit der Journalistin und Ernährungsberaterin Julie Gorkow hat sie einen Ratgeber speziell für Frauen herausgegeben, in den neueste Studien zur Rolle der Hormone eingeflossen sind.

1. Die Geschlechtshormone

Das Zusammenwirken der weiblichen Geschlechtshormone sorgt in der fruchtbaren Phase der Frau für ein Auf und Ab des Gewichts durch Wassereinlagerungen. Damit soll alles für eine Schwangerschaft vorbereitet werden. Die Wassereinlagerungen verschwinden mit der Regelblutung so schnell wie sie gekommen sind. Ursache für anhaltende Gewichtszunahmen sind sie nicht. „Wenn das Östrogen in den Wechseljahren zurückgeht, hat das nicht ursächlich mit der Gewichtszunahme zu tun, die viele Frauen in diesem Alter beklagen. Diese liegt schlichtweg am Alterungsprozess unseres Körpers“, sagt Marion Kiechle. Dadurch nehmen die Stoffwechselvorgänge im Körper ab. Es verringert sich auch der Grundumsatz. Der Kalorienbedarf sinkt im Durchschnitt vom 30. bis zum 80. Lebensjahr um rund 600 Kilokalorien pro Tag.

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Ein weiterer Faktor, der zu einer Gewichtszunahme in der Menopause führt, ist der veränderte Schlaf. Fast alle Frauen mit Hitzewallungen in den Wechseljahren klagen auch über Schlafstörungen. Das hat Einfluss auf die Sättigungshormone. Der Rückgang der Geschlechtshormone hat damit also nur einen indirekten Einfluss auf das Gewicht. So verwundert es auch nicht, dass die Gabe von pflanzlichen Ersatzhormonen keinerlei Wirkung auf Gewicht, Bauch- und Hüftumfang sowie Körperfettanteil zeigte, wie eine Metaanalyse aus dem Jahr 2018 belegt. „Frauen, die in den Wechseljahren nicht zunehmen wollen, müssen sich ihrem veränderten Grundumsatz anpassen und rund 400 Kilokalorien pro Tag weniger aufnehmen“, so Kiechle.

2. Das Bauchspeicheldrüsenhormon

Insulin gehört zu den wichtigsten Stoffwechselhormonen, wenn es ums Gewicht geht. Es wird von der Bauchspeicheldrüse hergestellt und reguliert den Blutzuckerspiegel. Insulin sorgt dafür, dass die mit der Nahrung aufgenommene Glukose als Energiespeicher in die Leber und in die Muskeln eingebaut wird. Von dort aus kann die Energie sehr schnell bei Bewegungsreizen abgerufen werden. Jedoch sind ihre Aufnahmekapazitäten begrenzt. Sind die Tanks voll, werden die Langzeitspeicher im Fettgewebe befüllt. Denn das Zuviel an Glukose wird unter dem Einfluss von Insulin in Fett umgewandelt. Je mehr Glukose, umso höher die Insulinausschüttung.

Dauerhaft erhöhte Insulinspiegel behindern die Fettverbrennung, fördern den Fettaufbau und die Kilos liegen wie Blei auf der Waage. Wichtig sind deshalb Essenspausen – idealerweise zwölf Stunden zwischen Abendessen und Frühstück, zwischen Frühstück und Mittagessen sowie zwischen Mittag- und Abendessen mindestens vier Stunden, um den Insulinspiegel wieder zu senken und den Weg zum Fettabbau zu bereiten, so Kiechle.

3. Die Schilddrüsenhormone

Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) steigern den Grundumsatz, die Wärmeproduktion und den Sauerstoffverbrauch. Auch der Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel wird angekurbelt. Diese hormonellen Helfer setzen außerdem direkt an der Darmmuskulatur an und führen dazu, dass der Darm gut arbeiten kann. Wichtig für beide Hormone ist eine ausreichende Menge Jod.

„Wenn Sie Jodsalz in der Küche einsetzen und ein- bis zweimal pro Woche Seefisch essen, sind Sie auf dem richtigen Weg“, sagt die Professorin. Im Gewebe wird T4 in das stoffwechselaktive T3 umgewandelt. Hierzu sind Enzyme notwendig, die den Mineralstoff Selen benötigen. Deshalb sollte man ausreichend Selen zu sich nehmen. Quellen sind tierische Lebensmittel wie Fleisch, Fisch oder Ei.

Funktionsstörungen der Schilddrüse treten bei uns dennoch relativ häufig auf. Frauen sind davon viermal so häufig betroffen wie Männer. Fünf bis zehn Prozent aller Frauen haben solche Fehlfunktionen. Eine Schilddrüsenunterfunktion zeigt sich auch in Form einer unerklärbaren Gewichtszunahme. Bei Überfunktion nimmt man trotz Heißhungers ab. Kiechle: „Wenn Sie trotz gleichbleibender Ernährung an Gewicht zulegen oder ungewollt abnehmen, sollten Sie unbedingt beim Arzt einen Check-up der Schilddrüse machen lassen.“

4. Hormone aus dem Fettgewebe

Das Hormon Leptin aus den Fettzellen gibt das Sättigungssignal an das Gehirn weiter. Es sorgt Marion Kiechle zufolge dafür, dass nichts mehr gegessen wird. Doch Forschungen des Helmholtz-Instituts München zeigen, dass stark übergewichtige Menschen oft an einer Leptinresistenz leiden. Bei Ihnen befindet sich zwar genügend Sättigungshormon im Blut, das Gehirn kann aber dieses Signal nicht verarbeiten. Die Menschen haben ständig Hunger und spüren keine Sättigung. Das Hormon sei auch verantwortlich für den Jojo-Effekt, wodurch übergewichtige Menschen nach einer Gewichtsabnahme schnell wieder auf alte Werte zurückkommen. Mit Selbstbeherrschung allein sei dem Phänomen nicht beizukommen, so die Forscher. Erprobt werde derzeit ein pflanzlicher Wirkstoff, der die Leptinresistenz aufheben kann. Klinische Studien liefen bereits.

Hat sich noch keine Resistenz entwickelt, könne Marion Kiechle zufolge durch guten Schlaf in völliger Dunkelheit die Aufnahme des Sättigungshormons im Gehirn unterstützt werden. „Wir merken das zum Beispiel an Heißhungerattacken, wenn wir eine lange Nacht hinter uns oder schlecht geschlafen haben“, so die Ärztin.

5. Das Magenhormon

In der Magenwand sitzen spezielle Zellen mit Dehnungsrezeptoren, die bei einem vollen Magen dem Gehirn melden, dass die Sättigung erreicht ist. Das führt dazu, dass das in der Magenschleimhaut und Bauchspeicheldrüse gebildete Hormon Ghrelin abfällt. Es ist das Hormon, das uns Hunger und Appetit meldet. Etwa 20 bis 30 Minuten nach einer Mahlzeit ist der Ghrelinspiegel am niedrigsten. Die Sättigungsdauer hängt davon ab, wie voll der Magen ist und auch davon, was gegessen wurde. Marion Kiechle: „Wenn Sie eine möglichst lange Sättigung haben wollen, sollten Sie Speisen mit einem großen Volumen und relativ wenigen Kalorien zu sich nehmen, um den Dehnungsreiz des Magens optimal auszunutzen.“ 

Doch leider funktionieren die Regelkreise der Sättigung und des Hungers nicht bei allen gleich gut. Er ist besonders bei Adipösen gestört. Interessanterweise ändere sich das bei dicken Menschen, die sich den Magen verkleinern ließen. Die Volumenverringerung des Magens führe dazu, dass sich wieder mehr hormonbildende Zellen in der Magenwand etablieren und auch der Regelkreis von Hunger und Sättigung wieder funktioniert.

Fazit

Die Rolle der Hormone beim Übergewicht wurde lange unterschätzt. Adipösen Menschen fehlt es nicht allein an Selbstbeherrschung, um weniger zu essen. Ihnen fehlen oft bestimmte Hormone. Um nicht erst adipös zu werden, helfen genügend Schlaf und Ballaststoffe, mehr Eiweiß und komplexe Kohlenhydrate sowie ausreichend Jod und Selen für die Schilddrüse.

Frauenärztin Prof. Marion Kiechle und Journalistin Julie Gorkow lüften die Abnehmgeheimnisse der Medizin. Preis: 19,99 Euro.
Frauenärztin Prof. Marion Kiechle und Journalistin Julie Gorkow lüften die Abnehmgeheimnisse der Medizin. Preis: 19,99 Euro. © Verlag

Die nächsten Teile der Serie:

  • Teil 5: 15. Januar:
    Wie die Industrie uns zum maßlosen Essen verführt. Neues über Zusatzstoffe in der Nahrung.

  • Teil 6: 18. Januar:
    40 Kilo weniger – ohne Brot und Milch. Eine Chemnitzerin über ihr Erfolgsrezept.

  • Teil 7: 21. Januar:
    Wie das richtige Muskeltraining schlank macht. Ein Sportwissenschaftler aus Zwickau hat es erforscht.

  • Teil 8: 25. Januar:
    Was taugt die Hirschhausen-App zum Intervallfasten? Ein Selbsttest.

  • Teil 9: 29. Januar:
    Wie kann ich mein Gewicht auf Dauer halten? 

Bisher in der Serie erschienen:

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