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Willkommen in der billigen Lausitz

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann besuchte Ostsachsen und staunte über Löhne, ignorante Arbeitgeber, umtriebige Betriebsräte.

Überlandtermin für IG-Metall-Chef Jörg Hofmann – auch beim Airbus-Zulieferer Acosa in Kodersdorf, wo ihn die Betriebsratsvorsitzende Karena Tschirch und Jan Otto, Obermetaller in Ostsachsen (v. l.), informieren. Er ist nicht überall willkommen.
Überlandtermin für IG-Metall-Chef Jörg Hofmann – auch beim Airbus-Zulieferer Acosa in Kodersdorf, wo ihn die Betriebsratsvorsitzende Karena Tschirch und Jan Otto, Obermetaller in Ostsachsen (v. l.), informieren. Er ist nicht überall willkommen. © Thomas Kretschel

Die meisten in der Runde sehen sich zum ersten Mal – und sie sehen ihn zum ersten Mal: den mächtigsten Gewerkschafter der Welt. Mit Jörg Hofmann verirrt sich 30 Jahre nach dem Mauerfall erstmals ein Bundeschef der IG Metall in die Oberlausitz, wo auch Weltfirmen wie der Technologieriese Siemens und der Waggonbauer Bombardier eine Adressen haben.

„Wir sollten die Gelegenheit zum Austausch nutzen“, animiert Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der Gewerkschaft für Ostsachsen, die Runde im Görlitzer Hotel „Tuchmacher“: rund 20 Betriebsräte aus Firmen der Region, darunter eine Handvoll engagierter Frauen. „Die meisten von euch hätten vor einem Jahr noch nicht hier gesessen“, eröffnet Einlader Otto die Diskussion unter den „Rädelsführern“, wie die Arbeitnehmervertreter laut Otto von manchem Firmenchef angesehen werden.

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Die Oberlausitz ist in Bewegung – schon lange vor dem avisierten Strukturwandel und in den letzten Jahren sowieso. Ob Insolvenz, wie beim Waggonbau Niesky, die in der Übernahme durch die slowakische Tatravagonka endet, eine nach Protesten abgewendete Schließung und Stellenabbau wie bei den Turbinenbauern von Siemens in Görlitz und den dortigen Waggonherstellern von Bombardier auf der einen Seite oder Neuansiedlungen mit Tausenden Jobs auf der anderen. Der Sandalenproduzent Birkenstock mit 2.000 Beschäftigten in Görlitz und Bernstadt, der Airbus-Zulieferer Acosa mit fast 150 Leuten und der Felgenproduzent Borbet mit 530 Mitarbeitern in Kodersdorf sowie der Batteriehersteller Deutsche Accumotive in Kamenz mit 2.000 Arbeitskräften sind nur einige.

Neuen Adressen, aber auch Etablierten wie dem Ikea-Zulieferer Maja mit 600 Frauen und Männern in Wittichenau, sind mehrere Dinge gemein: Ihre Ansiedlung wurde jeweils mit Millionen gefördert, sie haben einen bis zu hälftigen Anteil an Leiharbeitern, auch viele polnische Beschäftigte – und vor allem eine billige Belegschaft. Und speziell bei den Newcomern sind Betriebsräte bestenfalls gelitten und die IG Metall, etwa bei Borbet, ungebetene Gäste, selbst wenn ihr Anführer vor der Tür steht.

„Wir haben in Betrieben wie Maja und Birkenstock so viele Beschäftigte, weil sie so billig sind“, sagt Otto. Nach statistischen Angaben werden im Landkreis Görlitz mit im Schnitt 2.272 Euro brutto im Monat die niedrigsten Löhne in ganz Deutschland (Mittel: 3.304 Euro) gezahlt. Dieser Misere zu begegnen, hat laut Gewerkschafter Otto, höchste Priorität – vor der Angleichung an die 35-Stunden-Woche im Westen. Schließlich sind die Billiglöhne ein Grund, weshalb der Kreis nur noch 250.000 Einwohner hat, fünf Prozent weniger als 2011.

Sinneswandel in der Landespolitik

„Der Freistaat vergibt Fördergelder ohne Bedingungen, wie zumindest die Anlehnung an den Flächentarif, zu stellen“, sagt Gewerkschaftssekretär Christian Göbel, der in der Lausitz auch den Leichtbauspezialisten Acosa betreut. Der Freistaat hat den 40 Millionen Euro teuren Neubau nach SZ-Informationen zu einem Fünftel mitfinanziert. Das Werk, Tochter der Elbe Flugzeugwerke (EFW), fertigt seit gut einem Jahr wie die Mutter Bodenplatten für Airbusse. Dennoch hätten die knapp 150 Mitarbeiter, alle in Dresden ausgebildet, rund 20 Prozent weniger Lohn in der Tasche als die Kollegen dort – auch weil sie weder Urlaubs- noch Weihnachtsgeld bekämen und statt 38 sogar 40 Stunden pro Woche arbeiteten. Das sei nicht nachvollziehbar, zumal die EFW als Vorzeigebetrieb der sächsischen Luftfahrtindustrie vom IHK-Präsidenten Andreas Sperl geführt würden.

Jörg Hofmann hört sich bei seiner Visite am Donnerstag und Freitag mehrere solcher Geschichten an – auch über Behinderung von Betriebsratsgründung und Einschüchterung von Beschäftigten. So berichtet beispielsweise Borbet-Betriebsrat Martin Hempel, dass ihm gekündigt worden sei, weil er „bei einer Betriebsräteschulung mit übler Nachrede den Betriebsfrieden gestört haben soll“. Der Fall liegt vor Gericht.

Beim Sandalenhersteller Birkenstock sei die Arbeitnehmervertretung nach fadenscheinigen Begründungen erst im dritten Anlauf geglückt, berichten die Protagonisten, und Möbelhersteller Maja tue sich schwer, den Flächentarif einzuführen. Den gibt es mittlerweile bei Borbet und auch Betriebsräte setzen sich zunehmend durch.

Von solchen Erfolgen profitiert auch die IG Metall und besonders die östlichste ihrer 155 Geschäftsstellen. „Wir wachsen jährlich und haben mittlerweile 7.000 aktive Mitglieder, 60 Prozent mehr als 2015“, sagt Otto. Die Gewerkschaft, mit bundesweit 2,27 Millionen Mitgliedern größte Arbeitnehmervertretung weltweit, hat sich nach jahrelangem Aderlass gefangen und kann im Gegensatz zu den meisten Schwestern im DGB Zuwächse verzeichnen.

Jörg Hofmann ist „sehr zufrieden“ mit seinem Besuch. Er sehe „eine neue Generation, die, statt zu jammern, ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt“. Im „Zunftsaal“ des „Tuchmachers“ herrscht Aufbruchstimmung – und Miteinander. René Straube appelliert an die Runde und die Führung, „diese Vernetzung zu forcieren“. Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von Bombardier, sieht „parteiübergreifend einen Sinneswandel der Landespolitik“ im Umgang mit Gewerkschaften und Betriebsräten. Man könne mit Öffentlichkeit viel erreichen, sagt er mit Blick auf die Rettung der Jobs bei Siemens und Bombardier.

„Nicht jeder Arbeitsplatz muss erhalten werden“, sagt Jörg Hofmann. „Aber was erhalten werden muss, sind Beschäftigung und Perspektiven für die Belegschaft.“ Unternehmen sollten in Digitalisierung und Weiterbildung investieren und ihre Mitarbeiter mitnehmen. „Die Arbeitgeber sind genervt, dass wir da sind“, sagt Gastgeber Otto, „doch sie werden mit uns leben müssen.“ Er würde sich freuen, wenn man sich nicht nur über den Osten erschreckt. Manches könne man gar adaptieren. Die Lausitz habe die schwierigste politische Situation, Nachteile in der Struktur, keine etablierte Sozialpartnerschaft. „Wenn man es dort schafft, gibt es keine Ausreden mehr.“

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