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Weißwasser

Wo einst Pferde gewechselt wurden

Eine neu angelegte Gedenkstätte erinnert an die frühere Siedlung Neu Driewitz Borduc.

Eine kleine Gedenkstätte erinnert jetzt an die frühere Siedlung Neu Driewitz Borduc. Sonnabend war feierliche Einweihung im Beisein vieler Driewitzer und Interessierter.
Eine kleine Gedenkstätte erinnert jetzt an die frühere Siedlung Neu Driewitz Borduc. Sonnabend war feierliche Einweihung im Beisein vieler Driewitzer und Interessierter. © Foto: Andreas Kirschke

Driewitz/Lohsa. Vier frisch gepflanzte Linden umgrenzen den Platz. Liebevoll ist er mit kleinen Steinen und Holzpalisaden gestaltet. Mittendrin laden zwei Baumstümpfe zum Verweilen und Innehalten ein. „Neu Driewitz – Borduc – 1831“ steht in Deutsch und Sorbisch auf dem Gedenkstein. Eine Gedenktafel erinnert an jene kleine Siedlung zwei Kilometer südlich von Driewitz.

„Wir wollen den Standort für die Jugend und für die Geschichte bewahren. Der Gedenkstein soll sichtbar sein. Direkt am Weg von Milkel nach Driewitz. Der eigentliche Standort lag 120 Meter entfernt von hier im Wald“, erläutert Initiator Werner Bunk, Ortschaftsrat und Mitglied im Heimatverein Driewitz 1999, am Samstag zur Einweihung. Etliche Driewitzer und Interessierte hören gespannt zu. Die Bläsergruppe Driewitz begleitet musikalisch.

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Neu Driewitz, so schildert Werner Bunk, hieß auf Sorbisch Borduc. Das bedeutet „die kleine Kiefer“. 1831 entstand die kleine Siedlung. Ein Vorwerk und fünf Hauswirtschaften gehörten dazu. Bereits 1900 wurde die Siedlung aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. „Vermutlich aus Wassermangel“, sagt Ortsvorsteher Frank Linge. Die letzte Postkutsche fuhr 1904 durch Borduc. Mehr an handfesten Fakten ist (noch) nicht bekannt. Warum zogen Familien 1831 hierher? Wovon lebten sie? Wie viele Einwohner hatte die Siedlung? Wie verlief der Alltag? Welche Familien genau lebten hier? Wieweit sprachen sie im Alltag Sorbisch? „All diesen Fragen wollen wir nachgehen. Und das mithilfe der Bürger“, sagt der Ortsvorsteher.

Dank Werner Bunks Initiative entstand jetzt die Gedenkstätte. Die Finanzierung gelang durch Sponsoren. Im Januar begann der Heimatverein mit dem Anlegen der Gedenkstätte. Letzte Handgriffe leistete er im Juni. Unterstützung für die Gedenkstätte kam von den Waldbesitzern Clemens Bresan und Johannes Gano. Die Gemeinde Lohsa half mit Personal und mit Technik. Die Firma Hartmut Zieger aus Mönau führte Arbeiten für Tiefbau, Palisaden, Roden und Steinesetzen aus. Weitere Firmen und Privatpersonen unterstützten das Vorhaben finanziell. „Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank“, unterstreicht Werner Bunk.

Nur noch Häuserreste

Die Älteren in Driewitz, so erzählt er, kannten noch die Häuserreste von Borduc. Die Jüngeren wie er selbst wissen noch von den letzten Steinhaufen. „Ich bin gebürtiger Lippitscher“, erzählt der heutige Driewitzer Horst Symank (85). „Als Kinder sind wir manchmal gleich nach der Schule zum Spielen nach Borduc gelaufen. Schon zu meiner Zeit gab es dort nur noch Steinhaufen. Mehr war nicht mehr zu erkennen. Gleich in der Nähe gab es Grenzsteine Preußen/Sachsen.“ Von Borduc aus führten Wege nach Driewitz, Milkel und Lippitsch. Die kleine Siedlung lag mitten im Wald. „Pferdewechsel soll es hier gegeben haben. Und eine kleine Hausbäckerei“, erzählt Siegfried Dankhoff (87), Heimatchronist aus Friedersdorf. „Kurt Kieschnick aus Lippen hat mir berichtet, dass sein Großvater Holzfuhrmann war. Er brachte früher oft Langholz von Lippen nach Bautzen. Hier in Borduc hat er auf dem Rückweg dann frisches Brot eingekauft.“

So wird Geschichte bewahrt

Für solche Erinnerungen sind Werner Bunk und seine Mitstreiter vom Heimatverein sehr dankbar. Kurios ist, dass sich erst jetzt (nach Fertigstellung der Gedenkstätte) Bürger melden. Gut möglich ist somit, dass der Heimatverein in einigen Jahren dank neuer Erkenntnisse eine zweite Gedenktafel für Neu Driewitz Borduc gestaltet. Bürgermeister Thomas Leberecht (CDU) ist sehr offen dafür. „Die Gedenkstätte ist aller Ehren wert. Sie zeigt, was es heißt, Driewitzer zu sein. Sie ist ein gutes Zeichen für die Bewahrung der Geschichte“, unterstrich er bei der Einweihung.

Ein Gedenkstein, so versinnbildlicht Uwe Pakoßnick als Vertreter für Gemeindepfarrer Matthias Gnüchtel, heißt Zurückschauen auf das Gewesene. Er erinnert daran, dass in Neu Driewitz Borduc Menschen gelebt, gelacht, geweint, geliebt und gelitten haben. „Ohne des Menschen Hand hätte dieser Ort nicht existiert, und wir hätten keinen Grund, heute hier zu stehen“, meint er in seinem Grußwort zur Einweihung. „Menschen aber sterben. Steine bleiben.“ Noch in 100 Jahren, so hofft er, werden sich Vorbeifahrende daran erinnern, dass an jener Stelle einst eine Ortschaft lag. Sie werden an die Vergänglichkeit menschlichen Lebens erinnert. „Ein Jegliches hat seine Zeit. Geboren werden und sterben, pflanzen und ausreißen, einreißen und aufbauen, weinen und lachen, suchen und finden, schweigen und reden, lieben und hassen, Steine sammeln und Steine zerstreuen“, zitiert er aus der Bibel.

Erinnerungen sind willkommen

Die Siedlung Neu Driewitz Borduc gibt noch viele Fragen auf. Heimatverein, Ortschaftsrat und Gemeinde wollen die Geschichte weiter erforschen. Hinweise, Erinnerungen und historische Fotos über Borduc sind willkommen. Kontakt: Ortsvorsteher Frank Linge, Tel. 0151 44562141, E-Mail: [email protected]

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