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Pirna

Zahlen Freie Träger Erziehern zu wenig?

Die Personalnot in Kitas könnte hausgemacht sein, vermutet die DGB-Kreisvorsitzende. Stimmt nicht, sagen die Kommunen.

Erzieherin mit Kindergartenkindern: Viele Kitas klagen über Personalmangel.
Erzieherin mit Kindergartenkindern: Viele Kitas klagen über Personalmangel. © Foto: dpa

Mit großer Aufmerksamkeit hat Anja Oehm aus Rosenthal-Bielatal die jüngsten SZ-Berichte über die Personalnot in einigen Pirnaer Kitas Pirna gelesen. Weil Erzieher fehlen, kam es zu Engpässen in der DRK-Kita in Graupa sowie in der AWO-Kindertageseinrichtung Schlängelbachweg. Die freien Träger baten die Eltern, die Betreuungszeit der Kinder zu reduzieren.

Anja Oehm ist ehrenamtliche Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Landkreis und gleichzeitig Mitglied bei Verdi. Sie vermutet, dass die Personalprobleme in Verbindung mit der Bezahlung der Erzieherinnen stehen könnten. „Die freien Träger zahlen meistens nach eigenen Tarifverträgen, während die Kitas, die in kommunaler Hand sind, nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst zahlen. Nach meinen Kenntnissen liegt der öffentliche Tarif höher“, sagt sie. Demzufolge sei es verständlich, wenn die Erzieherinnen sich einen Arbeitgeber suchen würden, der besser bezahlt.

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Auftrag nur mit Tarifbindung

Auch für Verdi-Gewerkschaftssekretär Benjamin Ludwig aus Dresden besteht eindeutig ein Zusammenhang zwischen der Bezahlung der Erzieherinnen und der Personalsituation der jeweiligen Einrichtung. „Einige freien Träger versuchen, beim Gehalt der Erzieherinnen zu sparen, was sich schließlich in der Personalsituation widerspiegelt“, erklärt er. Konkrete Zahlen hat er jedoch nicht.

Das Einstiegsgehalt einer staatlich anerkannten Erzieherin in Vollzeit liegt nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst bei 2 792 Euro brutto monatlich. Nach 15 Jahren Berufserfahrung bekommt sie 3 815 Euro brutto. „Der Lohn bei einigen der freien Träger liegt vielfach darunter, da sie nicht an diesen Tarifvertrag gebunden sind“, so Ludwig.

Möchte eine Kommune keine Kitas in eigener Trägerschaft betreiben, kann sie diese Aufgabe an Wohlfahrtsverbände wie DRK, Awo, ASB, Johanniter oder andere Freie Träger abgeben. Pirna ist in den vergangenen Jahren diesen Weg sehr konsequent gegangen, auch, um eigenen Verwaltungsaufwand und damit Geld zu sparen. Bewirbt sich ein Freier Träger um den Betrieb einer Kita bei der Kommune, geht es dabei immer auch um Kosten. Bei der Bezahlung des Personals sparen müssen die Wohlfahrtsverbände aber eigentlich nicht, denn der Gesetzgeber sichert eine vollständige Tarifrefinanzierung zu. Das bestätigt auch Verdi-Sekretär Ludwig.

Betonen müsse man, dass es Wohlfahrtsverbände gibt, die sich durchaus nahe dem Niveau des öffentlichen Tarifs bewegen, sagt er. Das seien aber noch nicht alle. Aus seiner Sicht sind die Kommunen hier gefragt. „Bei den jeweiligen Ausschreibungen und der Auswahl muss eine Tarifbindung der Anbieter eine klare Bedingung sein“, fordert Ludwig. „Nur so schafft man es, dass der Beruf flächendeckend attraktiver ist und mittel- bis langfristig der Personalnot entgegengewirkt werden kann.“

Kommunen und Freie Kita-Träger allerdings messen dem Zusammenhang zwischen Lohn und Erziehermangel eine weitaus geringere Bedeutung zu als die Gewerkschaft. So sind zum Beispiel Lohmens Kindertagesstätten in kommunaler Hand, bezahlt werden die Erzieherinnen in Anlehnung an den Tarif des Öffentlichen Dienstes. „Trotzdem haben wir derzeit Personalprobleme und mussten die Eltern fragen, ob sie die Betreuungsstunden ihrer Kinder reduzieren konnten“, sagt Lohmens Bürgermeister Jörg Mildner (CDU). „Viele kamen dem nach. Es liegt nicht an der Bezahlung, sondern generell daran, dass es momentan zu wenig Erzieherinnen gibt. Wir suchen händeringend“, so Mildner.

Zu den großen Freien Trägern in der Region gehört der Ortsverband Königstein/Pirna des Arbeitersamariterbundes (ASB), der sechs Kitas in Pirna, eine in Heidenau und eine in Königstein betreut. Personalleiter Danilo Schubert bestätigt, dass die Freien Träger ihren Mitarbeitern in der Regel weniger als die öffentlichen Träger bezahlen. „Aber die Differenz zum Tarifvertrag und unserem Hausvertrag ist gering“, sagt er. Konkrete Summen möchte er nicht nennen. Der ASB spüre den Druck auf dem Arbeitsmarkt und halte dagegen. „Wenn der öffentliche Dienst erhöht, ziehen wir nach.“ Außerdem biete der ASB seinen Mitarbeitern Sonderzahlungen, Zuzahlungen zur betrieblichen Altersvorsorge und kostenlose Weiterbildung. „Wir hatten auch Mitarbeiter, die vom öffentlichen Dienst zu uns gewechselt sind“, betont Schubert. Sein Fazit: Wenn das Gesamtpaket stimmt, dann spiele Geld immer noch eine wichtige, aber nicht die alleinige Rolle. Aus seiner Sicht sei die Wurzel des Problems ein anderes. „Es gibt einfach zu wenige Erzieher.“

Ausbildung ist lang und unattraktiv

Das habe mehrere Gründe. Zum einen sei die Ausbildung zum Erzieher mit insgesamt fünf Jahren zu lang. Und sie sei nicht kostenfrei. „Immer noch ist Schulgeld zu zahlen. Die 50 Euro im Monat Zuzahlung vom Land sind lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein“, ordnet Schubert ein. Darüber hinaus gebe es aktuell zahlreiche Renteneintritte.

Und man dürfe nicht vergessen, dass meistens jungen Frauen als Erzieherinnen eingestellt werden. „Sie bekommen Kinder, was wir toll finden, aber das bedeutet für uns, dass wir uns um Ersatz kümmern und neu einstellen müssen“, betont der ASB-Personalleiter.

Ähnlich sieht Ilka Pohl, Vorstandsmitglied des DRK-Kreisverbandes Pirna, die Situation. Das DRK habe sachsenweit einen eigenen Tarifvertrag, bestätigt sie zunächst. „Dieser orientiert sich am Tarif des Öffentlichen Dienstes.“ Außerdem erkenne das DRK als Arbeitgeber Dienstjahre an und biete den Mitarbeitern eine dem öffentlichen Dienst gleichwertige Altersvorsorge. Auch sie sieht vor allem die Rahmenbedingungen für die Erzieher-Ausbildung als größtes Problem. „An der Vergütungsstruktur kann der Erziehermangel nicht liegen. Vielmehr ist die Ausbildung zu lang und somit für junge Leute oftmals unattraktiv“, lautet das Fazit von Ilka Pohl.

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