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Zahnarzt in Nadelstreifen

30 Jahre Creditreform in Dresden: Das Coronavirus nimmt dem Chef zwar die Fete fort, nicht aber den Stolz auf das Erreichte.

Signore mit Durchblick: Andreas Aumüller, Chef und Inhaber von Creditreform Dresden, ist seit gut zehn Jahren als Honorarkonsul für Italien unterwegs.
Signore mit Durchblick: Andreas Aumüller, Chef und Inhaber von Creditreform Dresden, ist seit gut zehn Jahren als Honorarkonsul für Italien unterwegs. © Matthias Rietschel

Schwarzer Anzug, Einstecktüchlein, Schlips, weißes Hemd mit goldenen Manschettenknöpfen: So sieht ein Honorarkonsul aus, erst recht einer für Italien. Andreas Aumüller erfüllt nicht nur den Dresscode, seit 2009 ist er auch einer von rund 350 Konsuln ehrenhalber, die im Auftrag anderer Länder in Deutschland tätig sind – der 65-Jährige im Nebenjob für sein Lieblingsland. Er kümmert sich vor allem um Pässe, verlorene Ausweise, Visa, Beglaubigungen und genießt nur im Rahmen seiner konsularischen Aufgaben Amtsimmunität. 15 Anfragen bekommt sein Büro im Dresdner Stadtteil Striesen im Schnitt pro Woche, „ein Routinegeschäft“, sagt Aumüller.

Der Franke, der seine Lieblingspizza vorzugsweise selbst mit Schinken, Tomaten, Mozzarella und Kapern belegt, schätzt „la dolce Vita“. Doch in Zeiten von Corona, strengen Ausgangsbeschränkungen bei den Südeuropäern und geschlossenen Grenzen rückt das in den Hintergrund. Derzeit geht es eher um „Perché – warum?“, „Quanto costa – was kostet das“ und „Non capisco“, Unverständnis.

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Der Repräsentant der Südeuropäer schwankt zwischen Zweckoptimismus und Ohnmacht, denn Fernsehbilder nicht nur aus der Lombardei verheißen nichts Gutes. Eine sächsische Firma mit Montageauftrag in Italien habe angefragt, ob sie den Job besser abbrechen sollte, sagt Aumüller. Auch er hat nicht auf alles eine Antwort. Erst recht bei den Unternehmen ist die Verunsicherung in diesen Tagen groß, der Umfang verlässlicher Prognosen, Daten und Zahlen eher klein.

Ganz anders am Sitz des Honorarkonsulats, einer Kombination aus Bürogebäude und Backhaus mit Aumüllers Ehefrau, Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, als Chefin. In den oberen Etagen wird nicht nur Italienisch geredet, sondern Sächsisch – und vor allem Tacheles. Das Gros der Räume beansprucht die Wirtschaftsauskunftei Creditreform Dresden, die Andreas Aumüller und seinem Bruder Michael gehört und deren Geschäft der Wahldresdner im Hauptjob führt.

„Insolvenzen werden zunehmen“

Eigentlich wollte der Mann im feinen Zwirn dieser Tage einen runden Geburtstag feiern: 30 Jahre Creditreform in Dresden. Doch der geplante „Tag der offenen Tür“ muss virusbedingt ausfallen, „weil die Gesundheit meiner Mitarbeiter und unserer Kunden vorgeht“, wie der Chef sagt. Einen Teil der Belegschaft habe er ins Homeoffice geschickt, damit auch in der Corona-Krise der Betrieb aufrechterhalten werden kann.

Aumüller hatte sich schon im Nachwendesommer an der Elbe niedergelassen – mit dem gleichen Modell einer Kommanditgesellschaft wie in Regensburg und Nürnberg, wo er mit seinem Bruder die 1905 vom Großvater begründete Familientradition fortführt. Im März 1990 hatte der damals 35-Jährige zunächst ein Büro im Wirtschaftsrat des Bezirks Dresden auf der Budapester Straße – Tür an Tür mit Sachsens Wirtschaftsministerium und der Treuhand, die damals auch im Margonhaus residierten. Die Mitarbeitersuche per Annonce sei schwierig gewesen, weil die dünnen DDR-Zeitungen nur sporadisch Anzeigen gedruckt hätten, blickt Aumüller zurück. Seinen ersten Vertriebsmitarbeiter habe er „Mitte Juni mit dessen Trabi und ausgestattet mit Westgeld“ zur Ausbildung nach Nürnberg geschickt. Die folgenden Beschäftigten sicherte sich Aumüller unkonventionell: „Am Sonntag, dem 1. Juli, Tag der Währungsunion“, erzählt er, „habe ich in der langen Schlange, die vor der Bayerischen Vereinsbank nach Westgeld anstand, 200 Zettel mit Jobangeboten verteilt.“ Mit Erfolg.

Ein halbes Jahr später war aus dem fränkischen Einzelkämpfer eine 27-köpfige Mannschaft geworden, die im Haus über acht Etagen verteilt war. „Wir hatten damals exzellente Telefon-, Fax- und Telexverbindungen“, schildert er neben dem engen Kontakt zu den Entscheidern einen großen Vorteil. „Funktionierende Telefonleitungen sind unser Lebensnerv“, sagt der Chef. Weiterer Personalzuwachs zwang ein Jahr später zu Vergrößerung und Umzug auf die Königstraße. 1995 wurde dann das Quartier in der Augsburger Straße im Dresdner Osten bezogen und 2016 der heutige Sitz vis-à-vis über besagter Bäckerei. „Weil die Telekom keinen Internetanschluss mit Glasfaserkabel einrichten konnte, haben wir uns selbst geholfen und eine Richtfunkanlage aufs Dach gestellt“, so Aumüller.

Hermann Weisskarmmerer und Leopold Essinger waren die Gründungsväter des „Vereins für Barzahlung Mainz“, dem Vorläufer von Creditreform.
Hermann Weisskarmmerer und Leopold Essinger waren die Gründungsväter des „Vereins für Barzahlung Mainz“, dem Vorläufer von Creditreform. © Screenshot/Creditreform

Von solchen Problemen konnten die Väter des Verbandes nicht mal träumen. Der „Verein Creditreform zum Schutz gegen schädliches Creditgeben“ war 1879 in Mainz gegründet worden. Sein Ziel: das „Kreditgeben“ durch gegenseitigen Erfahrungsaustausch über Auskünfte reformieren. Dazu wurde eine weitverzweigte Organisation selbstständiger Unternehmer aufgebaut – 1885 auch eine Niederlassung in Dresden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg durch die sowjetische Militäradministration aufgelöst, erwachte der Verein mit Sitz in Neuss bei Düsseldorf 1990 im Osten zu neuem Leben. „Ossis brauchen weder Auskünfte noch Inkasso, wir kennen unsere Kunden“, hieß es anfangs. „Wer nicht zahlt, bekommt nichts mehr.“ Diese Annahme sei bald korrigiert worden. Heute seien die Informationen seines Verbandes fester Bestandteil des Wirtschaftssystems.

Sächsische Adressen gibt es noch in Görlitz, Leipzig, Chemnitz, Zwickau. Der Verein ist im Postleitzahlgebiet 01 Marktführer für Inkasso und Wirtschaftsinfos – wie bundesweit die Organisation mit 129 Standorten und rund 540 Millionen Euro Jahresumsatz. Das Dresdner Büro mit 43 Mitarbeitern hat seit 1990 gut 2,6 Millionen Auskünfte erteilt, 36 Lehrlinge ausgebildet und meist übernommen.

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„Wir machen zugleich Prophylaxe, Auskünfte über künftige Geschäftspartner, als auch Therapie, das Inkasso, um Geld einzuziehen“, beschreibt der geschäftsführende Gesellschafter die Arbeit. „In diesem Monat knacken wir die 2.000er-Marke bei den Kunden“, ergänzt er stolz. Weil in Sachsen große Konzerne fehlten, müssten viele kleine Kunden dieses Manko kompensieren. Doch die kleinteilige Wirtschaft habe auch einen großen Vorteil: „Sie ist in schwierigen Zeiten wie dieser wegen ihrer Krisenerfahrung robuster“, weiß der Finanzexperte.

„Wir sehen schon seit einem Dreivierteljahr, dass die Aufträge massiv zurückgehen, vor allem in der Autoindustrie und im verarbeitenden Gewerbe“, sagt Aumüller. Diese Entwicklung werde nun durch die Corona-Epidemie verstärkt. Wo die Reise hingeht, lasse sich noch nicht sagen, „aber die Insolvenzen werden definitiv zunehmen“, ist sich der Geschäftsführer sicher.

Bei „600“ geht das Licht aus

Die angekündigten Vorhaben von Bundes- und Landesregierung zur Abmilderung der Krise – wie erweitertes Kurzarbeitergeld, unbegrenzte Kredite, Steuerstundung, gelockerte Bankenregeln und Notfallfonds – seien richtig, „doch es muss schnell passieren“, fordert er. Fördermaßnahmen müssten die Liquidität erhöhen. Deshalb brauchten die meisten ohnehin verschuldeten Firmen nicht zusätzliche Kredite, „sondern Cash“. Auch auf die Gefahr von Mitnahmeeffekten durch manche, die Virusfolgen als Grund für ihre Misere vorschieben würden. Das sei das kleinere Übel. Um sich ein umfassendes Bild von der Geschäftslage der Unternehmen zu machen und sie fair zu bewerten, würden sie von seinem Haus seit drei Monaten auch zu Kurzarbeit und seit vier Wochen zu Corona-Folgen befragt.

Die Wirtschaft hat Respekt vor Creditreform. Kein Wunder, verfügt der mächtige und flächendeckend aufgestellte Verband doch über sensible Informationen zu 3,6 Millionen Firmen in Deutschland. Woher kommt die Ehrfurcht oder gar Angst vieler Zeitgenossen, die man sonst nur gegenüber der Schufa kennt? Immerhin sind 90 Prozent der Auskünfte positiv und beschreiben absolut solvente Firmen. Nur bei zehn Prozent sehe es düster aus, heißt es von den oft verkannten Beschützern. Die Ausfallquote liege bei lediglich 1,7 Prozent.

Ohne Bonitätsprüfung wäre der verbreitete Kauf auf Rechnung undenkbar. Er findet millionenfach und sekundenschnell statt, sodass Besteller meist nichts mitbekommen. In Onlineshops ist die komfortable Zahlungsart überhaupt erst möglich, wenn die Bonitätsampel auf Grün steht.

Creditreform kann ein Unternehmen in Minuten vom Markt nehmen. Der dreistellige Bonitätsindex entscheidet oft über Auftrag oder Kredit, über Sein und Nichtsein. Die erste Stelle gleicht den Schulnoten von Eins bis Sechs. Bei „600“ geht das Licht aus – und der Chef oder ein Gläubiger zum Insolvenzgericht.

Die Entscheidung, das Licht auszuknipsen, erfolgt laut Thomas Schulz, Prokurist bei Creditreform in Dresden, „nur nach genauer Prüfung, emotionslos, aber verantwortungsbewusst“. Schließlich hingen an jeder Bewertung Schicksale und Jobs, sagt der Leiter Vertrieb und Wirtschaftsinformation.

Mehr als ein Pleitenzähler

Schlechte Zeugnisse verbreiteten sich in Windeseile. So würden andere Firmen und ihre Mitarbeiter vor Schaden bewahrt, Betroffene selbst vor Fehlern geschützt – auch wenn sie das nicht immer wahrhaben wollen.

Sein Chef, mit dem Dresdner Büro unter den Top-30 der bundesweit 128 Standorte und Nummer eins im Osten, bemüht gern das Bild vom Zahnarzt: „Keiner kommt gern zu uns, aber die meisten sind froh, dass es uns gibt.“ Man erfahre, wie gut oder schlecht die Zahlungsmoral eines Kunden ist, ob Schecks oder Wechsel geplatzt sind oder eine eidesstattliche Versicherung abgegeben wurde. Aber Aumüller sagt auch: „Wir sind nicht die Caritas.“

Ohne das Vorsorgeangebot der Auskunftei existierten viele jener 2.900 Unternehmen nicht mehr, die wie Creditreform 1990 in Dresden anfingen. Allein voriges Jahr gab es in Sachsen 685 Firmeninsolvenzen. Doch Creditreform ist mehr als ein Pleitenzähler. „Unsere Auskünfte über Firmen und Personen sollen andere vor Schaden bewahren und die Überschuldung von Verbrauchern und Unternehmen verhindern“, beschreibt Aumüller ein Standbein. Weitere sind Inkasso und Factoring, also das Eintreiben und Aufkaufen von Schulden, außerdem Seminare, Marketing und Konjunkturanalysen – in Summe ein Geschäft mit 4,3 Millionen Euro Jahresumsatz.

Und wie stehen die auskunftsfreudigen Dresdner Finanzexperten selbst da in Sachen Bonität? Sie glänzen als Musterschüler: „129“ lautet der Creditreform-Index von Aumüllers Unternehmen. Das verheißt für den italienischen Honorarkonsul eine Geburtstagsfeier ohne Gewissensbisse. Wann auch immer sie nach Corona stattfinden wird. Salute!

Ungeliebte Auskünfte

  • Creditreform, 1879 gegründet, ist Deutschlands führender Anbieter von Wirtschaftsinformationen und europaweit organisiert.

  • Der Verband bietet auch Marketingadressen, Seminare, Konjunkturanalysen an und verdient Geld mit Factoring, dem Aufkaufen und Eintreiben von Schulden.

  • In Deutschland betreuen 128 selbstständige Geschäftsstellen mit rund 3.500 Beschäftigten etwa 128.000 Mitgliedsunternehmen.

  • Wichtigste Wettbewerber hierzulande: Bürgel (Euler Hermes AG/EOS Holding) und Bisnode mit US-Partner Dun & Bradstreet, der weltgrößten Wirtschaftsauskunftei.

  • In Dresden ist Creditreform seit 1885 aktiv. 1948 im Register gelöscht, erlebte der Verein 1990 seine Wiedergeburt.

  • Seit 1990 wurden dort 2,6 Millionen Auskünfte über Unternehmen erteilt und rund 287.000 Inkassomandate mit einem Forderungsvolumen von 302 Millionen Euro bearbeitet.

  • In Kooperation mit dem Ifo Institut Dresden entsteht monatlich das Sachsenbarometer, der Wirtschaftsindikator der Sächsischen Zeitung.

  • SZ-Lesern sind auch der Schuldneratlas und der Regionencheck zum Pleiterisiko ein Begriff. (SZ/mr)

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