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Aus der Festanstellung nach Afghanistan

Bis Mittwoch hat Zaidullah A. als Schweißer in Plauen gearbeitet, dann wird er abgeschoben. Ein neues Gesetz kommt zu spät.

Schon Ende Juli verließ ein Flugzeug mit Abgeschobenen aus Afghanistan den Flughafen Leipzig/Halle. Auch damals startete der Flieger im Dunkeln.
Schon Ende Juli verließ ein Flugzeug mit Abgeschobenen aus Afghanistan den Flughafen Leipzig/Halle. Auch damals startete der Flieger im Dunkeln. © Archiv/Michael Kappeler/dpa

Seine 40 Stunden kriegt Zaidullah A. diese Woche nicht voll. Bisher galt der 26-Jährige als fleißiger, zuverlässiger Mitarbeiter. Seit Mittwoch arbeitet er nicht mehr bei seiner Firma in Plauen. Stattdessen reiste er zuerst nach Leipzig und dann weiter nach Afghanistan. In Polizeibegleitung, ohne Rückflugticket. A. ist einer von 36 Männern, die am Mittwoch abgeschoben wurden.

Ende 2015 war er nach Deutschland gekommen, im August hat sein Chef ihn als Schweißer von einer Zeitarbeitsfirma übernommen. „Er stand fest im Leben, hatte einen Arbeitsvertrag, war geschätzt bei seinem Arbeitgeber“, sagt Betreuerin Jeannette Haase-Pfeuffer, die sich hauptberuflich um die Integration von Geflüchteten im Arbeitsmarkt kümmert. „Unsere Erfahrung der letzten Zeit zeigt, dass oft Menschen abgeschoben werden, die arbeiten gehen. Die sind für die Behörden auffindbar.“ 

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Ein Gericht hat im September die Abschiebung von A. beschlossen. Afghanistan sei kein Kriegsland, biete auch ruhige Gegenden. A. und sein Umfeld hofften weiter, dass er bleiben kann. „Ein Schlag ins Gesicht, auch für alle, die bei seiner Integration geholfen haben“, sagt Haase-Pfeuffer.

Dank seiner Festanstellung hätte A. nach dem kürzlich beschlossenen Beschäftigungs-Duldungsgesetz der Bundesregierung gute Chancen auf einen dauerhaften Aufenthaltstitel gehabt, wenn er geblieben wäre. Das Gesetz soll Menschen, die außerhalb der EU leben, den Eintritt in den hiesigen Arbeitsmarkt erleichtern – auch zugunsten der Unternehmen, die unter Fachkräftemangel leiden. Das Gesetz tritt am 1. Januar 2020 in Kraft. Für A. zu spät, auch der Eilantrag eines Plauener Rechtanwalts kann ihn am Mittwoch nicht vor der Abschiebung bewahren, das Verwaltungsgericht lehnt ab. 

Fast jeder Rückkehrer erlebt Gewalt

Am Mittag holen Polizeibeamte den 26-Jährigen von der Arbeit ab, bringen ihn nach Hause, damit er seine Sachen packt. Dort verletzt A. sich, mutmaßlich, um der Abschiebung zu entgehen. Er wird in einer Psychiatrie behandelt, bei der Entlassung wirkt er nach Einschätzung der Betreuerinnen sediert, von Beruhigungsmitteln weggetreten. Sie sind gekommen, um sich zu verabschieden. Aus Zeitgründen ist das nicht möglich, A. muss zum Flughafen. Am Abend verlässt eine Maschine mit 36 afghanischen Insassen aus sechs deutschen Bundesländern Leipzig. Drei der Männer haben in Sachsen gelebt.

Warum musste A. das Land verlassen, so kurz, bevor das neue Gesetz in Kraft tritt? Eigenangaben zufolge will sich das zuständige Bundesinnenministerium (BMI) aus Datenschutzgründen nicht zu A., sondern nur allgemein äußern: „Bei allen 36 Personen handelt es sich um volljährige Männer. Darunter befinden sich zahlreiche Straftäter“, heißt es von einem Sprecher. Beispielsweise Vergewaltiger, Betrüger, versuchte Totschläger. Und A., auch ein Straftäter? Das BMI antwortet darauf nicht, die Landesdirektion Sachsen schon: A. sei nicht straffällig geworden. Auf die Frage nach einem Grund für die Abschiebung nennt die Landesdirektion lediglich die Ablehnung des Asylantrags.

Gegen 8 Uhr erreicht die Maschine am Donnerstag die afghanische Hauptstadt Kabul. Knapp 5.000 Kilometer liegen hinter A. Einem Freund berichtet er, es gehe ihm „beschissen“. Was ihn erwartet? Einer Studie zufolge erleben 90 Prozent der Rückkehrer in Afghanistan Gewalt. Wer das neue Leben gesucht und nicht gefunden hat, gilt als geächtet bis verdächtig.

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