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Wie blau denkt „der Osten“?

Bei der Suche nach Gründen für die Erfolge der AfD wird ständig auf Ost-Erfahrungen seit 1990 verwiesen. Doch das reicht nicht.

Der Osten scheint ganz im Griff der AfD zu sein. Ist das wirklich so?
Der Osten scheint ganz im Griff der AfD zu sein. Ist das wirklich so? © Marion Doering

Manche Ereignisse sind schon vor deren Eintreten so sicher absehbar wie das abschließende Amen in der Kirche. Noch während am Sonntag die ersten Hochrechnungen der Wahlergebnisse durch die Republik flimmerten, war bereits klar, welche Zeile alsbald mindestens diverse Male in die Medien einschlagen würde: „Der Osten wählt blau.“ Und so geschah’s.

Nicht minder erwartbar war der Tenor der üblichen Reaktionen und Erklärungsversuche. Weitgehend verständnisloses Kopfschütteln und latentes Abstempeln „des Ostens“ im Westen, im Osten überwiegend verstehenwollende bis tendenziell abwiegelnde Erklärungsversuche, die aber nur selten über die alten Standards hinauskommen: „Der Osten“ habe halt nach 1990 sehr gelitten und sei bis heute unterrepräsentiert und gegenüber dem Westen benachteiligt in den gesamtdeutschen Eliten, auch den medialen. Außerdem bei der Wohlstandsverteilung, den Löhnen, den Infrastrukturen ...

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"Der Osten" ist mitnichten blau

Das alles ist ja nicht falsch. Enttäuschte Hoffnungen, frustrierte Erwartungen, das Gefühl der Fremdbestimmtheit sind wirkungsmächtige Faktoren. Aber das alles scheint eben nicht wirklich alles zu sein. Denn beim Betrachten der bunten Grafiken der Stimmenverteilung fällt auf: „Der Osten“ insgesamt ist mitnichten blau. Vielmehr sind es weiteste Teile von Sachsen, Thüringen sowie die untere Hälfte Sachsen-Anhalts. Nicht aber der Norden. Und es besteht durchaus ein gravierender Unterschied zwischen 16,7 Prozent und 24,6 Prozent, um einmal die Extreme zu benennen und abzustecken.

Dorfchemnitz, eine Hochburg der AfD.
Dorfchemnitz, eine Hochburg der AfD. © Jürgen Lösel

Wie ließe sich das erklären? Haben die Mecklenburger unter den Umwälzungen seit 1990 weniger gelitten als die Sachsen? Sind Thüringer Ostdeutsche innerhalb der gesamtdeutschen Gesellschaft etwa stärker benachteiligt und unterrepräsentiert als Brandenburger? Sind die Löhne im Norden vielleicht höher, die Straßen besser, die Praxen der Ärztinnen und Ärzte mehr und näher gelegen, die Busse wie Bahnen dichter getaktet und deren Linien engmaschiger übers Land verteilt?

Es gibt eine Mentalitätsgrenze Ost

Nicht zu vergessen: Sind die Prägungen durch die DDR-Zeit in Dresden tiefer und nachhaltiger verankert als in Rostock? Wer diese Fragen zu beantworten versucht, dem muss es naheliegend erscheinen: Ohne Zweifel gibt es in Ostdeutschland durch die gemeinsamen Erfahrungen vor und noch mehr nach 1990 eine flächendeckende Grundstimmungs-Grundierung.

Doch die herkömmlichen und zu jedem Bedarfsfall herbeibemühten Erklärungsmodelle für die im Osten teils deutlich höheren Zustimmungswerte zu einer radkialen Partei, deren Fernziel ohne Zweifel die Abschaffung unserer liberalen, vielschichtigen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft in der gegenwärtigen Ausprägung ist; sie reichen bei weitem nicht aus. Eben weil es „den Osten“, auch im Blick auf die Wahlergebnisse, als homogene Einheit gar nicht gibt. Egal, wie oft und innig diese Homogeniät zum Zwecke einer identitätsstiftenden „Wir“-Konstruktion samt „Ost-Empowerment“ auch beschworen wird.

Alice Weidel bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD auf dem Marienplatz. Görlitz.
Alice Weidel bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD auf dem Marienplatz. Görlitz. © Martin Schneider

Was nun sagen die Hauptnutznießer dieser gewissen östlichen Besonderheiten dazu, die es ja irgendwie schaffen, traditionelles Schwarz und Rot in Blau zu verwandeln? Man höre einmal ins Blaue hinein, zum Beispiel auf Oliver Kirchner. Der AfD-Fraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt sieht durch Ostdeutschland eine „historische Mentalitätsgrenze“ verlaufen. In Sachsen, Thüringen und im Süden von Sachsen-Anhalt „ticken die Leute anders“, sagte Kirchner. Ähnlich äußerten sich unter anderem AfD-Mann Björn Höcke und AfD-Fan Götz Kubitschek, Gründer des rechtsradikalen „Institut für Staatspolitik“ von Schnellroda im Saalekreis.

Was im Osten bislang eher selten bis gar nicht gesehen und beachtet wurde, gehört zum allgemeingültigen Standardwissen über den Westen: Es gibt in den älteren Bundesländern tatsächlich: eine „historische Mentalitätsgrenze“. Auch die lässt sich aus den bunten Grafiken der Wahlergebnisse ablesen. Der Norden des Westens hat viel weniger konservativ abgestimmt als der Süden, man wählt eher klassisch-konservativ CSU und CDU. Doch wo der Westen sich untenrum schwarz färbt, leuchtet der Süden des Ostens blau, weil mehr Menschen hüben als drüben lieber der radikalen AfD ihre Stimme geben.Anders gesagt: Der Süden des Ostens ist tendenziell deutlich rechter als konservativ. Und obwohl die Thüringer und die Sächsische CDU zu den konservativsten Landesverbänden der Partei zählen, ist das einem knappen Viertel der Sachsen und Thüringer noch nicht rechts genug.

Radikal? Wir doch nicht!

Folgt man der These einer historisch bedingten Mentalitätsgrenze, fallen im östlichen Süden tatsächlich einige stimmrelevante Eigenheiten auf. Mehrere Studien belegen, dass gerade in Thüringen und Sachsen viele Menschen das Althergebrachte unbedingt bewahren wollen und Traditionen besonders hoch halten. Dem Neuen und „Fremden“ stehen sie dabei tendenziell nicht nur eher skeptisch gegenüber; sie empfinden es als mindestens latent bedrohlich.

Explizit den Sachsen bescheinigen die Soziologen Hans Vorländer, Steven Schäller und Maik Herold einen ausgeprägten Stolz, der jedoch nur zu einem Selbstbewusstsein führe, dass recht dünnhäutig sei und sich schnell als herabgewürdigt und bedroht empfinde. Das lasse Eigensinn leicht in Trotz abgleiten und verführe zum Aufbegehren. Zudem gehe die eigene Aufwertung einher mit der Abwertung von anderen und anderem.

Gegen „linksgrüne Bevormundung“

Demzufolge ließe sich rückschließen: Was 1989 in Sachsen begann und eben von hier aus das SED-Regime schließlich hinwegfegte, richtet sich heute gerne gegen Globalisierung und deren Folgen, „linksgrüne Bevormundung“, überhaupt gegen „die da oben“ und deren Politik, auch und gerade in Corona-Zeiten. Bis hin zur Ablehnung der Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik praktiziert wird.

Deshalb wird der Hang zur blauen Stimmabgabe gerne pauschal als Protestwahlverhalten verharmlost. Dabei steht außer Zweifel: Das Verhältnis zwischen Protest- und Inhaltswählern ist mehr oder weniger ausgewogen. AfD-Anhänger sind nicht allesamt Trotzköpfe. Sie haben Überzeugungen, und die sind bei vielen Wählerinnen und Wählern nun einmal radikal. Auch wenn ein großer Teil von ihnen weder sich selbst für radikal hält noch die AfD.

Motivation mit Sinatra

Natürlich sind das alles keine Rezepte dafür, wie sich an der bestehenden Lage und der zunehmenden Radikalisierung vieler Ostsüddeutscher etwas ändern ließe. Doch Strategien kann man nicht entwickeln ohne einen klaren und unverwässerten Blick darauf, worin das eigentliche Problem besteht, welches dessen tiefere Ursachen sind – und wo deren Kerngebiete liegen.

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Ein Anfang wäre die Einsicht, dass es „den Osten“ nicht gibt. Und dass ebensowenig „die Sachsen“ alle blau sind, aber viele von uns durchaus, und nicht nur aus Trotz.Damit sollte man gezielter als bisher arbeiten können. Vielleicht zur Motivation mit einem Sinatra-Song im Kopf: „If I can make it there, I‘ll make it everywhere.“

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