merken
PLUS Politik

Der Hass im Netz gegen Baerbock eskaliert

Seit Bekanntgabe ihrer Kanzlerkandidatur häufen sich Falschmeldungen über Annalena Baerbock. Die Grünen gehen nun auch rechtlich dagegen vor.

Die Grünen haben entschieden: Annalena Baerbock soll den Bundestagswahlkampf anführen.
Die Grünen haben entschieden: Annalena Baerbock soll den Bundestagswahlkampf anführen. © Kay Nietfeld/dpa

Von Felix Hackenbruch

Annalena Baerbock hat es sich gemütlich gemacht. Breiter Sessel, zwei Kissen, vor ihr ein Glas Wasser, im Hintergrund grüne Baumwipfel. Es ist eine entspannte Gesprächsatmosphäre für Baerbock mit einem Parteikollegen, den sie duzt. Und es soll auch locker zugehen, schließlich stellt sich die Grünen-Chefin hier nicht der Hauptstadtpresse, sondern den Fragen von Facebook-Nutzern. Von ausgewählten Fragestellern wird sie zu Bildung, Digitalisierung und dem klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft befragt. Ein paar Mal hakt die Technik, Mikrofone bleiben ausgeschaltet, doch alles läuft zivilisiert und freundlich.

Im parallel laufenden Chat dagegen herrscht ein anderer Ton. Bereits nach fünf Sekunden will eine Userin wissen, ob sie die private Haustierhaltung wegen des hohen CO2-Ausstoßes verbieten wolle. Andere werden despektierlich. „Schande“, „peinlich“, „die kann nix“, steht da – harte Beleidigungen werden gar nicht erst angezeigt.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Für die Grünen offenbart der Auftritt ein Dilemma. Die Partei sucht gezielt neue, junge Wählergruppen, will ein breiteres gesellschaftliches Spektrum ansprechen. Nur einen Tag vor ihrem Facebook-Gespräch hat die 40-Jährige bekannt gegeben, als erste Kanzlerkandidatin der Grünen in den Bundestagswahlkampf zu ziehen. Noch am selben Abend gab sie ihr erstes ausführliches Fernsehinterview dem Privatsender ProSieben. Einen Abend später ist sie live bei Facebook, eine Woche später bei Instagram. Doch die sozialen Medien sind für die Grünen nicht nur Chance, sondern auch Gefahr. Die Kommentarspalten bei Live-Veranstaltungen sind da noch das kleinste Problem.

Ungewohnte Runde: Ihr erstes ausführliches TV-Interview gab Baerbock ProSieben
Ungewohnte Runde: Ihr erstes ausführliches TV-Interview gab Baerbock ProSieben ©  Screenshot/Sächsische.de

Spätestens seit Bekanntgabe der Kanzlerkandidatur von Baerbock kursieren überall im Netz Falschbehauptungen über die Grünen und ihre Spitzenkandidatin. Mal sind es nur Zusammenschnitte von Versprechern, die auf der Videoplattform TikTok viral gehen und Unwissenheit suggerieren sollen.

Doch häufig sind es politische Fakes. Die Partei wolle den Islam zum Pflichtfach an allen Schulen machen, heißt es dann oder die Grünen würden ein privates Haustierverbot wegen des hohen CO2-Ausstoßes fordern. Zuletzt tauchten zudem vermeintliche Nacktbilder von Baerbock auf. Dazu ein angebliches Zitat von ihr: „Ich war jung und brauchte das Geld.“ Dass es sich bei dem Foto um ein russisches Nacktmodell handelt, das Baerbock nur ähnlich sieht, leiste der Verbreitung offensichtlich keinen Abbruch. „Das Ganze hat seit vergangener Woche noch einmal eine neue Dimension angenommen“, sagte der politische Geschäftsführer der Grünen, Michael Kellner „t-online“.

"Baerbock ist für die neurechte Szene die neue Merkel"

„Zugespitzt formuliert, ist Annalena Baerbock für die neurechte Szene die neue Angela Merkel“, sagt Johannes Hillje. Für den Politikberater und Kommunikationsexperten handelt es sich bei der Mischung aus Sexismus, Fakes und Beleidigungen um eine „orchestrierte Kampagne“. Zentral verantwortlich seien dabei zwei Gruppierungen. Ein rechtes Netzwerk um die inzwischen aufgelöste Gruppierung „Reconquista Germanica“, zu der er Identitäre, Rechtsextreme und AfD-Sympathisanten zählen.

Die zweite Gruppe seien prorussische, teils sogar staatlich finanzierte Akteure. „Allein, dass sie weiblich, erfolgreich und liberal ist, triggert dieses Milieu“, sagt Hillje. Bei den prorussischen Aktivitäten, käme hinzu, dass Baerbock in der Vergangenheit Russland immer wieder wegen des Ukraine-Konflikts kritisiert und einen Baustopp der Gas-Pipeline NordStream2 gefordert hatte.

Hillje hält die meisten Falschmeldungen mit Blick auf das Grüne Wahlergebnis für unbedeutend. Allerdings müsse man als Partei die Desinformationen im Netz beobachten und gegebenenfalls eindämmen. Dafür gebe es inzwischen sogar Software, die Facebook, Twitter und Co. auf entsprechende Inhalte durchleuchte. Erst wenn eine Falschmeldung viral gehe – wie zuletzt das angebliche Haustierverbot – solle man als Partei reagieren und dies öffentlich klarstellen.

Angriffe gingen zuletzt immer Hass im Netz voraus

Doch immer häufiger hilft auch diese Technik nicht. Geschlossene Gruppen bei WhatsApp, Telegram oder Signal seien schwerer zu beobachten. „Die Messenger sind das Epizentrum der Desinformation“, sagt Hillje. Das bestätigen auch die Grünen, die im Bundestagswahlkampf für die Beobachtung extra Personal eingestellt haben.

Für Hillje geht es dabei nicht nur um den Erfolg bei den Wahlen. „Man muss das ernst nehmen, damit aus Worten im Netz nicht Taten auf der Straße werden.“ Angriffen auf Politiker seien immer Verunglimpfungen im Netz vorausgegangen. Seit Bekanntgabe ihrer Kandidatur steht Baerbock unter Personenschutz.

Weiterführende Artikel

Baerbock will Kurzstreckenflüge abschaffen

Baerbock will Kurzstreckenflüge abschaffen

Die Kanzlerkandidatin der Grünen sagt Billigflügen und der Kurzstrecke den Kampf an.

Das hält Sachsen von Baerbock und Laschet

Das hält Sachsen von Baerbock und Laschet

Würde der Kanzler direkt gewählt, hätte die Kandidatin der Grünen derzeit die besten Chancen. Der CDU-Chef hingegen landet noch hinter einem anderen Bewerber.

Wie gefährlich wird Baerbock der Union?

Wie gefährlich wird Baerbock der Union?

Die Grünen haben entschieden: Annalena Baerbock soll den Bundestagswahlkampf anführen. Was das für die Union bedeuten könnte.

Annalena Baerbock und der Osten

Annalena Baerbock und der Osten

Zwischen Ostsee und Erzgebirge ticken die Grünen anders als im Westen. Für die Kanzlerkandidatin kann das eine Chance sein. Ein Kommentar.

Die Grünen versuchen zu reagieren. Mitglieder haben sich als „Netzfeuerwehr“ zusammengetan, um bei Facebook Falschmeldungen und Hass zu melden. Zudem geht man auch rechtliche Schritte. „Wir planen und führen Verfahren gegen Fake News“, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Bislang habe man nur auf Beleidigungen und Hate Speech reagiert, doch die Falschmeldungen seien zuletzt „um ein vielfaches in die Höhe geschnellt“. Deshalb habe man allein in den vergangenen zwei Wochen 15 Meldungen über das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gemacht.

Mehr zum Thema Politik