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Der Trend ist ein Genosse

SPD-Direktkandidat Harald Prause-Kosubek aus Niesky erlebt im Kreis Görlitz zum ersten Mal gute Stimmung für die SPD. Umso ärgerlicher, dass sein Listenplatz so schlecht ist.

Harald Prause-Kosubek auf dem von der Linksjugend organisierten CSD-Tag im Görlitzer Stadtpark.
Harald Prause-Kosubek auf dem von der Linksjugend organisierten CSD-Tag im Görlitzer Stadtpark. © Martin Schneider

AfD-Bewerber Tino Chrupalla inszeniert sich gern als Handwerker. Einige Plakate zeigen ihn als Malermeister mit blauem Polo-Shirt und weißer Latzhose. Chrupalla hat schnell erkannt, dass er daraus politischen Honig ziehen kann: Im Bundestag sitzen ganz wenige Handwerker, noch weniger Handwerksmeister, dafür viele Beamte, Juristen oder Lehrer.

Die Analyse teilt sein SPD-Herausforderer im Görlitzer Wahlkreis Harald Prause-Kosubek auch. In der SPD-Bundestagsfraktion gab es in der ablaufenden Wahlperiode gerade mal zwei Handwerker. Auch der SPD-Mann erkennt Folgen daraus für die Art und Weise, wie Politik in Berlin gemacht wird. Prause-Kosubek kann das einschätzen, denn er ist selbst Handwerker: ausgebildeter Tischler. Einen Beruf, den er mit Leidenschaft ausführte. Aber anders als Chrupalla geht er damit humorvoll um: Am liebsten wäre er bei einem direkten Aufeinandertreffen mit dem AfD-Bundesvorsitzenden in Tischler-Montur erschienen. Aber die Gelegenheiten sind rar dazu in diesem Wahlkampf, Chrupalla nimmt nur zehn Wahlkampftermine vor dem 26. September im Kreis Görlitz wahr.

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Das ärgert Prause-Kosubek. Nicht deswegen, um als Tischler in Erscheinung zu treten, sondern weil er findet, dass sich Chrupalla und die AfD so der Auseinandersetzung entzieht. Mit den Rechtspopulisten geht Prause-Kosubek nicht anders um als mit anderen Konkurrenten. Wenn Chrupalla jetzt im Wahlkampf vom Landkreis Görlitz als Armenhaus mit Verweis auf die Einkommensstatistiken spricht, dann setzt Prause-Kosubek entgegen, die Lage nicht schlechter zu reden als sie ist, sich nicht in Schwarzmalerei zu sonnen, sondern positive Erzählungen vom Kreis Görlitz nach innen und außen zu tragen, um Menschen zu begeistern, hier ihr Glück zu finden.

Harald Prause-Kosubek hat es gefunden. Er lebt im Nieskyer Ortsteil See, sagt von sich selbst, er sei "Nieskyer aus Überzeugung" und blieb der Region auch 1989 treu, als alle weggingen und sich sein Freundeskreis in Luft auflöste. Für einen 18-Jährigen, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hatte, ein tiefer Einschnitt. In seinem Ausbildungsjahrgang hatten noch 40 junge Leute die Tischlerlehre aufgenommen.

Aha-Erlebnis bei der Oberbürgermeisterwahl in Niesky

Treu ist Harald Prause-Kosubek in vielerlei Hinsicht. Er ist seit 20 Jahren verheiratet, Vater von zwei Söhnen und war 27 Jahre lang Tischler. Zuvor hatte er sich in einem Ferienjob mal als Bäcker versucht, sah aber schnell ein, dass das nichts wird. Unentschlossen, aber mit einem guten Zeugnis in der zehnten Klasse, nahm ihm sein Vater die Entscheidung ab. Der war Schlosser im Waggonbau Niesky, mit über 3.000 Arbeitern der größte Industriebetrieb in der Kreisstadt. "Du wirst Tischler", stellte er seinen Sohn eines Tages vor vollendete Tatsachen, die Lehrstelle hatte er bereits geregelt. Wie das so eben war in der DDR, erklärt Harald Prause-Kosubek und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. "Und ich habe es ja auch nicht bereut", fügt er an.

Als ihm die Perspektive im Waggonbau zu unsicher wird, wechselt er 1992 zum neu gegründeten Möbelwerk, qualifiziert sich zum CNC-Programmierer, schreibt selbst Programme für die Maschine, bildet Lehrlinge aus, ist Vorarbeiter in der Fertigung. Die Freizeit füllt nicht nur die Familie, sondern auch der Sport. Prause-Kosubek, ein leidenschaftlicher Tennis- und Volleyball-Spieler, macht den Schein, um andere in beiden Sportarten zu trainieren. So hätte das noch bis zur Rente gehen können.

Doch dann kommt die Oberbürgermeisterwahl in Niesky vor sieben Jahren. Aus dem Stand erreicht Harald Prause-Kosubek als SPD-Bewerber 32 Prozent der Stimmen, ein ungewohnt hoher Zuspruch in der SPD-Diaspora, wie er selbst die Region für seine Partei bezeichnet und dabei mit "Diaspora" einen Begriff verwendet, den sonst fast nur die Katholische Kirche in der Region benutzt. Für ihn ist diese Wahl ein Aha-Erlebnis, er spürt, dass er gerne Politik macht, auch zeigen sich mit Anfang 40 die ersten Spuren des Berufslebens. Tief im Inneren begreift er, dass jetzt eine neue Zeit beginnen könnte. Da ergibt sich eine Chance, im Büro von Landtagsabgeordnetem Thomas Baum mitzuarbeiten. Er wechselt und spricht heute vom Glücksgriff.

Der Trend geht in Richtung SPD - erstmals seit Jahren

Mit Baum verbindet ihn bis heute nicht nur eine politische, sondern auch eine persönliche Freundschaft. So überrascht es kaum, dass Baum sich für Prause-Kosubek jetzt ins Zeug legt, beispielsweise als zwei SPD-Bürgermeister für CDU-Bewerber Florian Oest die Werbetrommel schlagen. Zu den Genossen im Norden und rund um Görlitz hat Prause-Kosubek ohnehin ein etwas besseres Verhältnis als zu den Mitgliedern im Süden, vor allem um die Peuker-Fraktion. Mit dem Großschönauer Bürgermeister stritt er sich öffentlich bis aufs Messer, seine Partei folgte ihm und nicht Peuker, der mittlerweile nicht nur die Partei verlassen hat, sondern auch die Fraktion im Kreistag.

Prause-Kosubek will auch im Wahlkampf ehrlich und aufrichtig bleiben. "Ich vertrete nur, wovon ich überzeugt bin", erklärt er. Ein hoher Anspruch, der ihn auch in Konflikte mit seiner Partei treibt. Der Görlitzer Verband lehnte schon vor vier Jahren die Große Koalition leidenschaftlich ab, obwohl die SPD in der Regierung zahlreiche Sozialprojekte durchsetzen konnte. Und auch als sich Olaf Scholz als Parteichef bewarb, traf das nicht unbedingt auf Gegenliebe an der Neiße. Als Kanzlerkandidat hat Prause-Kosubek den Finanzminister aber als einzig denkbare Variante für die SPD bezeichnet. Nun spürt Harald Prause-Kosubek auch, wie sich die Stimmung gedreht hat. "Um 100 Prozent gegenüber 2019" - der Landtagswahl, als die SPD im Landkreis Görlitz mit rund fünf Prozent der Stimmen abgestraft wurde.

Auch für diesen Stimmungswechsel kann Prause-Kosubek ein Beispiel nennen. Sonntagvormittag in Förstgen, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Mücka. Immer fährt er dahin, um vor der Landbäckerei Gerber zu plakatieren. Da kommen viele Menschen hin, das sei ein guter Ort für Werbung. Als er so auf seiner Leiter steht, beobachtet ihn ein Senior von der gegenüberliegenden Straßenseite und staunt: "Das sind Sie ja selbst. Dass Sie die Plakate selber aufhängen, hätte ich nicht gedacht". Und ermuntert ihn, weiterzumachen: "Es ist wichtig, dass es die SPD gibt". Das hätte es vor zwei Jahren nicht gegeben. Auch damals hängte Prause-Kosubek Plakate auf, wurde zig mal blöde angemacht, hörte "das kannste gleich wieder abmachen." Das ist ihm dieses Jahr nicht einmal widerfahren.

SPD honoriert Einsatz Prause-Kosubeks nicht

Und trotz allem Einsatz, trotz aller zeitlicher Mühen - seine sächsischen Genossen haben Prause-Kosubeks Arbeit nicht gewürdigt. Eigentlich hatte die Görlitzer Kreisorganisation gehofft, dass Prause-Kosubek als Nachfolger von Thomas Jurk einen guten Listenplatz erhält. Aber bei der SPD wird die Liste nach Proporz vergeben, die Großstädte spielen eine besonders wichtige Rolle und Prause-Kosubek will als Neuling nach Berlin. So ging der Spitzenplatz an den Leipziger Holger Mann, auf Platz zwei - der Platz, mit dem der Weißkeißeler Thomas Jurk vor vier Jahren nochmals in den Bundestag einzog - geht Kathrin Michel ins Rennen. Immerhin eine Bautzenerin, aber eben nicht Prause-Kosubek. Für ihn blieb Listenplatz 14 - weiter hinten geht nicht. Und ein Platz, der praktisch aussichtslos für den Bundestag ist.

Seinen Elan hat das nur kurzzeitig ausgebremst, seit Wochen macht er beherzt Wahlkampf, nachdem er noch Ende August Kraft an der Ostsee getankt hat. Er hat ein junges Team, Schüler helfen ihm in den sozialen Netzwerken. Auf den Straßen und Plätzen lädt er die Menschen ein, ihre Ideen auf einen großen roten Würfel zu schreiben. Viele Mitglieder opfern ihre Freizeit für ihn. Das ist auch einer der Gründe, warum er die Unterstützung von zwei SPD-Bürgermeistern für CDU-Bewerber Florian Oest als ein Foul von der Seitenlinie empfindet und dünnhäutig reagiert.

Zumal Prause-Kosubek eben nicht nur Direktbewerber, sondern eben auch Parteimann ist, und nicht die gute Stimmung, den Lauf für die SPD gefährden will. Allerdings hat er sich so viel Realitätssinn auch im Wahlkampf erhalten, dass er den galoppierenden Umfragen misstraut. Weder kann er sich die 25 oder 27 Prozent für die SPD so richtig vorstellen, noch sieht er, dass selbst ein gutes Ergebnis direkt zu einer Kanzlerschaft Scholz führen wird.

Klares Votum für eine Linksregierung

Ginge es nach ihm und seinem Kreisverband sollte die SPD nach der Wahl Mut zeigen und mit den Grünen und - wenn das nicht reicht - auch mit der Linkspartei eine Koalition schließen. Die Kontakte zwischen den Parteien sind hier an der Neiße gut, man versteht sich, das sieht man auch bei den Wahlforen, da sprechen die drei Direktbewerber häufig eine Sprache. Ob es so kommt, bleibt die große offene Frage. Nach Untersuchungen des Allensbacher Institutes für Demografie sind sich die Wähler in diesem Jahr besonders unsicher, was sie nach der Wahl für eine Regierungskoalition erhalten werden, 40 Prozent der Wähler sind noch unentschlossen.

Auch wenn es dieses Mal nicht zum Sprung in den Bundestag reicht, Prause-Kosubek wird auch künftig Politik machen, zumal Kommunalpolitik. Das fülle er mit Leib und Seele aus. Und überrascht dabei auch. Als es jetzt darum ging, ob er erneut für die SPD bei der Oberbürgermeisterwahl am 7. November in Niesky antritt, da sagte er nach langem Überlegen ab. Denn noch wichtiger als Kommunalpolitik ist ihm Ehrlichkeit: Die Nominierung hätte einige Wochen vor der Bundestagswahl stattgefunden. "Da hätten die Wähler doch gesagt, was will er denn nun: Bundestag oder Rathauschef in Niesky?" Jetzt wissen sie es.

Die SZ porträtiert im Vorfeld der Bundestagswahl am 26. September die Direktkandidaten der aussichtsreichsten Parteien. Bislang erschien:

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