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Warum die Union ihre Wähler verliert

Mangelnde Sachkompetenz und das schlechte Ansehen von Armin Laschet lassen die Union auf ein Allzeittief fallen. Davon profitiert die SPD.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, hier ein Foto von seiner Abschlusskundgebung in Münster, profitiert von einem historisch schwachen Unions-Bewerber.
SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, hier ein Foto von seiner Abschlusskundgebung in Münster, profitiert von einem historisch schwachen Unions-Bewerber. © dpa

Ihre Stimmengewinne bei der Bundestagswahl verdankt die SPD vor allem dem schwachen Kandidaten der Union. Nie zuvor habe ein Kanzlerkandidat so geringes Ansehen gehabt wie Armin Laschet. Das geht aus einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen hervor, die am Sonntag 41.373 Wählerinnen und Wähler befragt hat. Bei der Wahl fällt die CDU/CSU auf ein Allzeittief, die SPD legt zu und ist - als schwächster Wahlsieger bei Bundestagswahlen - auf dem Weg zur stärksten Partei. Die Ergebnisse der Wahlforscher im Detail:

Die Union verliert die älteren Wähler

Besonders bemerkenswert ist nach Ansicht der Forschungsgruppe Wahlen der SPD-Erfolg in der Generation 60plus. Mit 35 Prozent, das ist ein Zuwachs von elf Prozentpunkten, liege sie hier mit der Union auf Augenhöhe. Es ist die Altersgruppe, die für die C-Parteien langjähriger Erfolgsgarant war. Bei allen unter 60-Jährigen führt die SPD (22 Prozent). Union und Grüne liegen mit 18 beziehungsweise 19 Prozent gleichauf. Bei den unter 30-Jährigen fällt die Union mit nur noch elf Prozent weit hinter Grüne (22 Prozent), FDP (20 Prozent) und SPD (17 Prozent) zurück.

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Armin Laschet hat ein historisch schlechtes Ansehen

Das Gros der Befragten attestiert dem SPD-Bewerber Olaf Scholz den meisten Sachverstand. Bei der Frage nach "Glaubwürdigkeit" oder wer "zukünftige Probleme lösen" kann, führt er nach Angaben der Wahlforscher weniger deutlich. Die Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock punktet etwas beim Thema "Sympathie". Armin Laschet bleibt überall schwach. Hinzu komme ein erhebliches Imageproblem: Auf der +5/-5-Skala liegt der CDU-Chef bei minus 0,5. Nie zuvor hatte ein Kanzlerkandidat weniger Ansehen.

Die Grüne Baerbock erreicht nur minus 0,3, wogegen Scholz bei schwacher Polarisierung mit 1,4 positiv bewertet werde, ohne allerdings an das Ansehen von Angela Merkel heranreichen zu können. 48 Prozent wünschen sich Scholz als Kanzler, 24 Prozent Laschet und nur 14 Prozent wünschen sich Baerbock als Kanzlerin.

Beim Thema "Zukunftsvorbereitung" haben Union und SPD Defizite

Dass die SPD jetzt auch beim Parteiansehen führt, liegt in erster Linie am schwachen Auftreten der Konkurrenz. Auf der +5/-5-Skala wird die SPD konstant positiv bewertet, wogegen die Union einbricht. Der Imageverlust der Union geht einher mit rückläufiger Bewertung der Sachkompetenz, die bei den Themen Wirtschaft und Zukunft sehr heftig ausfallen. Erstmals seit 2005 spricht eine Mehrheit von einer schlechten Zukunftsvorbereitung des Landes, wobei die SPD die Wähler im Politikfeld "Zukunft" ebenfalls nicht überzeugen kann, heißt es in der Analyse.

Rente und Bildung gelten als SPD-Kernthemen

In den Kompetenzbereichen "Rente" und "Bildung" lässt die SPD die Union hinter sich. Bei der Frage nach "neuen Jobs" verliert die Union nach fast zwei Jahrzehnten ihre Vormachtstellung. Bei "sozialer Gerechtigkeit" werden die C-Parteien geradezu deklassiert. Die meisten Bürger beklagen eine Schere zwischen Arm und Reich. Sie befürworten stärkere Abgaben auf hohe Einkommen und setzen auch beim Thema "Steuern" mehrheitlich auf SPD-Politik.

Corona hatte wenig Einfluss

Die Union gilt bei den am Wahltag Befragten als führend bei den Themen "Flüchtlinge/Asyl" und bei "Corona". Allerdings hatten diese Bereiche eher wenig Einfluss auf die Wahlentscheidung. Beim Klimaschutz setzen die meisten Deutschen auf die Grünen. Sie gelten auch häufiger bei "Zukunft" und "Bildung" als kompetenteste Partei. Bei wirtschaftlichen Themen bleiben sie jedoch schwach und stagnieren zudem in der Kategorie "Ansehen der Partei".

Große Skepsis gegenüber Koalitionsbildungen

Mit dem Ende der Ära Merkel verliert die Union ihren Nimbus als dominante Kraft. CDU und CSU sind zusammen so schwach wie nie. Die Bürger lehnen eine erneute große Koalition ab. Sie gehen aber auch auf Distanz zu einem möglichen Jamaika-Bündnis aus Union, Grünen und FDP. 33 Prozent finden diese Konstellation gut, 49 Prozent halten sie für schlecht. Auch eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP stößt überwiegend auf Ablehnung. "Rot-Grün-Rot" ist noch unbeliebter. 64 Prozent finden sie schlecht, 22 Prozent finden sie gut.

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Anders als 2017 wünschen sich die Befragten lieber eine SPD-geführte Bundesregierung (55 Prozent). Für eine CDU/CSU-geführte Regierung sind nur 36 Prozent. Dies erklärt sich laut Forschungsgruppe Wahlen neben dem inhaltlichen Gesamtplus der SPD mit dem Kandidatentableau: In einem Land mit einer breiten Problemagenda stehe Scholz für eine Veränderung, die nach dem Abgang von Merkel am ehesten qualitative Kontinuität verspreche.

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