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Landkreis SOE: AfD ist stark, wo Kaufkraft gering ist

Die Landkarte zur Wahl zeigt eine auffällige Ähnlichkeit mit einer IHK-Studie. Bei der CDU zeigt sich ein anderes Bild.

So unterschiedlich war der Zweitstimmenanteil der AfD im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.
So unterschiedlich war der Zweitstimmenanteil der AfD im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. © SZ

Nach der Bundestagswahl heißt es für viele Parteien, das Ergebnis zu analysieren. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hat die AfD mit 31,9 Prozent zwar bei den Zweitstimmen 3,5 Prozent verloren, dennoch erneut das Direktmandat geholt. Die CDU kam hier nach den Zweitstimmen mit nur noch 17,1 Prozent wie schon 2017 nur auf Platz 2. Die Christdemokraten büßten gegenüber der Wahl vor vier Jahren sogar 8,5 Prozent ein. Sächsische de. gibt eine Übersicht über Hochburgen, Gewinner und Verlierer.

AfD verliert in 28 Kommunen

Das beste Ergebnis aller Parteien erzielte die AfD in Rathmannsdorf mit 44,1 Prozent der gültigen Stimmen und in Reinhardtsdorf-Schöna 43,1 Prozent. Das ist sachsenweit das fünft- beziehungsweise sechstbeste Ergebnis aller Gemeinden im Freistaat. Allerdings hat die AfD im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 in 28 der 36 Städte und Gemeinden Stimmen verloren.

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Laut Statistischem Landesamt liegen im hiesigen Landkreis sogar die drei Gemeinden in Sachsen, wo die AfD größten Verluste hinnehmen musste. In Stadt Wehlen ging der Anteil um 10,2 Prozent zurück, so stark wie nirgends anders. Von den acht Gemeinden mit den größten Verlusten in Sachsen sind gleich fünf aus dem hiesigen Landkreis. Das sind Kurort Rathen (- 9,9 %), Struppen (-8,9 %), Bannewitz (-6,6 %) und Müglitztal (-6,1 %).

Merklich zulegen konnte die Partei lediglich in Reinhardtsdorf-Schöna (3,6 Prozent), Dorfhain (1,5 Prozent) und Neustadt (1,0 Prozent).

Auffällig bei der Analyse der Wahlergebnisse der AfD ist, dass sie sich mit den von der IHK Dresden veröffentlichten Zahlen zur Kaufkraft im Landkreis ähneln. Dort ist abzulesen, dass die Kaufkraft von Altenberg bis Sebnitz entlang der Grenze zu Tschechien wesentlich geringer ist als in den Dresdner Randgebieten von Wilsdruff bis Dohna. In Sebnitz oder Rathmannsdorf liegt die Kaufkraft unter 20.000 Euro je Einwohner für das Jahr 2021. Im Dresdner Speckgürtel zehn Prozent und mehr darüber. Wo die Kaufkraft gering ist, ist die AfD stark, und umgekehrt. Sachsenweit ist sie besonders niedrig im Landkreis Görlitz. Dort schnitt die AfD noch besser ab.

Selbst die nicht so eindeutige Kohärenz in Neustadt widerspricht dem nicht unmittelbar. Denn dort ist die Partei besonders gut vernetzt und hat mit Kreischef Lothar Hoffmann einen moderaten Pensionär, der es öffentlich vermeidet, zu polarisieren.

Zahlenspiegel der IHK Dresden zum Thema Kaufkraft je Einwohner in Euro. Die Daten sind aus dem Jahr 2021.
Zahlenspiegel der IHK Dresden zum Thema Kaufkraft je Einwohner in Euro. Die Daten sind aus dem Jahr 2021. © Screenshot SZ

In einer ersten Analyse erklärte die AfD-Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel, dass die Verluste auf die Konkurrenz von Freien Wählern und Basispartei zurückzuführen sind. Weidel sprach davon, die AfD-Verluste um die Prozente von Freien Wählern und Basis "bereinigt", gar nicht mehr bestünden. Doch selbst dann hat die AfD beispielsweise in Wehlen und Struppen immer noch mehr als vier Prozent verloren. Es muss also andere Ursachen geben, die sicher noch wissenschaftlich ermittelt werden.

CDU kann Wählerpotenzial nicht ausschöpfen

Bei der CDU fällt die Verteilung der Stimmen nicht ganz so eindeutig aus. Auffälligkeiten gibt es dennoch. Lediglich in zwei kleinen Gemeinden im Osterzgebirge kam die CDU noch über 20 Prozent, in Hartmannsdorf-Reichenau (21,9) und Hermsdorf (20,2). Die schlechtesten Ergebnisse, wo die CDU unter 15 Prozent geblieben ist, gab es in Rathmannsdorf (14,2 Prozent), Reinhardtsdorf-Schöna (14,9) und Gohrisch (14,6).

Insbesondere für den Rathmannsdorfer Bürgermeister Uwe Thiele (CDU) dürfte das eine schwere Niederlage sein. Er hält dort nicht nur für die CDU die Fahne hoch, sondern seine Arbeit wird im Allgemeinen auch geschätzt. Honoriert wird das von den Wählern aber nicht. Stattdessen holt dort die AfD die Lorbeeren ab, also am Ende die Gelder für Abgeordnetendiäten und politische Infrastruktur.

Eine schlüssige Erklärung hat auch Thiele nicht. "Es wird nicht akzeptiert, was wir das ganze Jahr über schaffen", sagt er und hofft, dass das zur Bürgermeisterwahl im kommenden Jahr wieder anders wird, und dass möglicherweise mit ihm auch wieder ein CDU-Kandidat in Rathmannsdorf gewinnen kann.

Die Wahlbeteiligung zur Bundestagswahl lag in Hartmannsdorf-Reichenau bei 85,8 Prozent, das ist der zweithöchste Wert in Sachsen. In der Gemeinde holt die CDU noch das beste Ergebnis im Landkreis. In den drei Städten Sebnitz, Heidenau und Pirna, wo die Wahlbeteiligung kreisweit am niedrigsten war, schnitt die CDU vergleichsweise schlecht ab. Die Partei konnte offenbar das Wählerpotenzial nicht aktivieren. Dafür wird insbesondere Kanzler-Kandidat Armin Laschet verantwortlich gemacht.

Zweitstimmen der CDU zur Bundestagswahl im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.
Zweitstimmen der CDU zur Bundestagswahl im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. © SZ

CDU-Kandidatin zieht sich zurück

Ob auch Direktkandidatin Corinna Franke-Wöller einen größeren Anteil an der Wahlniederlage hat, ist schwer zu beurteilen. Im Vergleich zur Wahl von 2017, als die CDU noch mit Klaus Brähmig antrat, verlor sie massiv 9,6 Prozent der Erststimmen. Die Partei selbst musste bei den Zweitstimmen im Landkreis "nur" 8,5 Prozent Verlust verkraften. Bis auf Königstein holte Franke-Wöller aber überall mehr Erststimmen für sich als es Zweitstimmen für die Partei gab. Zudem trat Brähmig als Einzelkandidat erneut an. Wo dieser seine besten Ergebnisse hatte - Königstein und Gohrisch - war die Ausbeute für Franke-Wöller geringer.

In Freital, wo sie wohnt und etwas bekannter war, kam sie immerhin bis auf zehn Prozent an Wahlgewinner Steffen Janich (AfD) heran. Meist war der Abstand größer. Dennoch zieht sich Franke-Wöller nach eigenen Angaben wieder aus der Politik in der ersten Reihe zurück.

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Im Landkreis war die Wahlbeteiligung mit 77,2 Prozent im Vergleich zu 2017 um 1,4 Prozent niedriger ausgefallen. Insgesamt verzichteten mehr als 45.000 Wählerinnen und Wähler darauf, bei der Zusammensetzung des Bundestags mitzubestimmen. Das sind mehr Menschen, als in der größten Stadt des Landkreises wohnen - in Freital.

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