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Mit Corona-Leugnern reden - hat das Sinn?

Wie sollte man mit den Protesten an der B 96 umgehen? Eine Anwohnerin und ein Bürgermeister haben verschiedene Strategien – aber dasselbe Ziel.

Cunewaldes Bürgermeister Thomas Martolock (CDU) und Anja Hennersdorf, Vorsitzende des SPD-Ortsverbands Bischofswerda und Umgebung, sind sich in der Sache einig. Beide wollen die B-96-Protestler, die nicht für die Demokratie verloren sind, erreichen.
Cunewaldes Bürgermeister Thomas Martolock (CDU) und Anja Hennersdorf, Vorsitzende des SPD-Ortsverbands Bischofswerda und Umgebung, sind sich in der Sache einig. Beide wollen die B-96-Protestler, die nicht für die Demokratie verloren sind, erreichen. © SZ/Uwe Soeder

Cunewalde/Bautzen. In der Nacht vor unserem letzten Tourtag schlafen wir unruhig. Vor uns liegen eine kurze Rad-Etappe von Großpostwitz nach Weigsdorf-Köblitz und das schwierigste Thema der Woche. Vier Tage sind wir inzwischen an der B 96 entlanggeradelt – jener Straße, die in den vergangenen anderthalb Jahren traurige Berühmtheit erlangt hat. Seit Mai 2020 protestierten entlang der Trasse jeden Sonntag Gegner der Corona-Maßnahmen. Die Bilder der Demonstrationen schafften es unter anderem in den Spiegel und ins ZDF. Inzwischen kennt sie jeder: Reichsflaggen, Symbole der Verschwörungsszene, diffuse Forderungen rund um die Corona-Maßnahmen.

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Uns interessiert, wie sich die Bewegung seither entwickelt hat – und wie die kleinen Gemeinden am Wegesrand damit umgehen. Vor allem aber wüssten wir gerne: Was tun gegen Hass und Hetze? Mit diesen Fragen im Gepäck steuern wir einen Supermarkt-Parkplatz in Weigsdorf-Köblitz an. Er ist jeden Sonntag einer der Kern-Schauplätze der Proteste. Am Freitagvormittag aber spielen sich hier nur unauffällige Alltagsszenen ab: Eine Frau schiebt einen Einkaufswagen, eine andere führt ihren Hund spazieren, ein alter Mann transportiert einen Sack Blumenerde im Fahrradkorb.

Anja Hennersdorf sieht uns schon von Weitem und winkt uns zu sich heran. Die Juristin und SPD-Ortsverbandvorsitzende wohnt nicht weit von hier. Seit Beginn der Proteste ist sie die Kette der Demonstrierenden mehrfach abgefahren, hat ihre Beobachtungen im Internet geteilt. Dort verfolgt sie auch, wie die Szene sich digital organisiert. Oft entdeckt sie dort Inhalte, die ihr große Sorgen bereiten.

Erst kürzlich, erzählt sie uns, habe sie wieder Kommentare bei der Polizei gemeldet. Sie zeigt uns eine Auswahl auf ihrem Handy. Deren Inhalte: Beleidigungen weit unter der Gürtellinie, Kriegsrhetorik, Aufrufe zu Gewalt und Straftaten. Auch sie selbst, sagt sie, sei schon Opfer von Drohungen und Beleidigungen geworden.

Dazu, wie man mit dem Protest umgehen sollte, hat sie vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen eine klare Haltung. Und zwar: Nicht jeden Protestierenden könne man mit Gesprächen noch erreichen. Für einige von ihnen sei Grenzen-überschreitendes Verhalten bis hin zur Gewaltbereitschaft Normalität geworden. Es gelte jetzt, Haltung zu zeigen, lauter zu sein als der Protest, wieder mehr Wert auf die demokratische Bildung auch von Erwachsenen zu legen.

Die fünfte und letzte Etappe der SZ-Wahltour führte die Reporterinnen von Großpostwitz nach Cunewalde.
Die fünfte und letzte Etappe der SZ-Wahltour führte die Reporterinnen von Großpostwitz nach Cunewalde. © SZ Grafik

Als sie uns all das erzählt, stößt Thomas Martolock (CDU), Bürgermeister der Gemeinde Cunewalde, zu unserer Gruppe dazu. Das trifft sich gut, denn auch an ihn und seine Amtskollegen richtet sich ihr Appell: „Ich möchte, dass die Bürgermeister sich hier hinstellen und Haltung zeigen“, fordert sie.

Thomas Martolock sieht das ganz anders. „Ich fahre aus Prinzip hier am Sonntag nicht hin.“ Kirchenbesuche, Frühschoppen oder eben der Gang an die B 96 – jeder habe da so seine eigene Art, den Sonntagvormittag zu verbringen. „Ich wüsste inhaltlich gar nicht, was ich an der B 96 besprechen sollte“, sagt er. Und: Er wolle den Protestierenden auch nicht mehr Bedeutung beimessen, als sie aus seiner Sicht verdienen.

Martlock sucht das Gespräch beim Stammtischabend

Das heißt aber nicht, dass Thomas Martolock, der sich selbstironisch „Dorfschulze“ nennt, das Gespräch meidet. Im Gegenteil: „Verflucht nochmal, was machen wir denn jeden Tag? Wir führen Bürgergespräche“, poltert er los. Stammtische, Vereinsfeiern, Dorffeste – das sind für Martolock geeignete Rahmen, um auf die Leute zuzugehen.

Ehe wir uns versehen, sind Hennersdorf und Martolock in eine hitzige Diskussion verwickelt – und wir nur noch Statisten. Beim Zuhören wird uns klar, dass die beiden dasselbe Ziel eint: Diejenigen, die für die Demokratie noch nicht verloren sind, wollen sie einfangen. Mit dem Rest lohne sich das Gespräch nicht mehr, finden beide. Thomas Martolock formuliert es so: „Diskussionen mit Corona-Leugnern sind vergebene Liebesmüh.“

Wer neben Reichsflagge protestiert, muss Kritik aushalten

Soweit, so gut. Aber wer sind diejenigen, die sich dort jeden Sonntag an die Straße stellen, wollen wir von beiden wissen. So richtig sicher sind sich da beide nicht. „Ich führe da natürlich keine Statistiken“, sagt der Bürgermeister. Natürlich seien da ein paar Cunewalder darunter. Der größte Teil aber reise extra für die Proteste an.

Auch Anja Hennersdorf findet, eine konkrete Antwort gebe es auf die Frage nicht. Stattdessen beschreibt sie ihren Eindruck wie folgt: Insgesamt sei die Gruppe diffus, und nicht einmal anhand einer gemeinsamen Forderung zu charakterisieren. Viele der Demonstrierenden seien politisch ungebildet – und bereit, auch rechtsradikale Meinungen zu akzeptieren.

Diese Einschätzung teilt Martolock. „Wer an der Bundesstraße steht und dem Nebenmann, der die Reichsfahne in der Hand hat, keine Fragen stellt, muss sich selber Fragen gefallen lassen.“ Gleich mehrmals wiederholt er dieses Mantra.

So geht es noch eine ganze Weile weiter. Uns wird noch einmal vor Augen geführt, wie weit entfernt wir noch von einer Lösung sind. Und: Selbst Anja Hennersdorf und Thomas Martolock – eigentlich Verbündete in Hinblick auf das Ziel – könnten sich bei der Suche nach dem Weg dorthin verstreiten.

Thomas Martolock will uns die Wahltour lieber mit einer positiven Nachricht beenden lassen - und führt uns in den Umgebindehaus-Park. „An einem schönen Herbsttag hat der Umgebindehaus-Park mehr Besucher als die der Gäste an der B 96 an einem Sonntagvormit
Thomas Martolock will uns die Wahltour lieber mit einer positiven Nachricht beenden lassen - und führt uns in den Umgebindehaus-Park. „An einem schönen Herbsttag hat der Umgebindehaus-Park mehr Besucher als die der Gäste an der B 96 an einem Sonntagvormit © SZ/Uwe Soeder

Vielleicht kann Thomas Martolock an unseren Gesichtern ablesen, dass wir uns insgeheim wider besseren Wissens eine klare Lösung gewünscht hätten. Die kann er uns nicht liefern. Dafür aber einen versöhnlichen Ausgang unserer Wahltour. Er führt uns zum Umgebindehaus-Park im Cunewalder Dorfkern und sagt: „Cunewalde ist weit mehr als 150 Meter Aufmarschfläche an der Bundesstraße.“

Inmitten der originalgetreu nachgebauten Oberlausitzer Fachwerk-Häuschen fühlen wir uns wie Gulliver in Lilliput. Thomas Martolock macht eine ausladende Bewegung. Dann sagt er: „An einem schönen Herbsttag hat der Umgebindehaus-Park mehr Besucher als die der Gäste an der B 96 an einem Sonntagvormittag.“

Sie haben die ersten Tage der Tour verpasst?

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