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Wie ein 34-Jähriger AfD-Chef Chrupalla herausfordert

Florian Oest kämpft für die CDU darum, den Wahlkreis Görlitz zurückzuerobern. 2017 ging der an AfD-Chef Tino Chrupalla. Ein Sieg wäre eine kleine Sensation.

Sachsens Innenminister Roland Wöller (r.) und andere CDU-Spitzen unterstützten Florian Oest im Kampf um das Direktmandat in Görlitz. Er will es von der AfD zurückerobern.
Sachsens Innenminister Roland Wöller (r.) und andere CDU-Spitzen unterstützten Florian Oest im Kampf um das Direktmandat in Görlitz. Er will es von der AfD zurückerobern. © Franziska Klemenz

Der Gast tut genau das, was man von ihm erwartet. Er poltert von der Bühne und kassiert Applaus. „Ich finde, dass wir 2015, 2016 einige Fehler gemacht haben“, sagt Friedrich Merz vor 500 Menschen, die sich auf Bierbänken im Innenhof der Görlitzer Landskron-Brauerei aneinanderreihen. Bei den ersten Asylsuchenden habe Deutschland sich „von seiner besten Seite gezeigt.“ Dann sei es „zu viel des Guten“ geworden. Der Jubel über neue Fachkräfte, „das ist alles grober Unfug gewesen.“ Ministerpräsident Michael Kretschmer und CDU-Generalsekretär Alexander Dierks klatschen so heftig, dass die Bierbank bebt. Nur einer am CDU-Tisch hält still. Florian Oest, der als Direktkandidat um Görlitz kämpft.

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Einerseits ist der Auftritt von Merz der heilsame Höhepunkt eines zermürbenden Kampfes in Oests Kreis, der 2017 an die AfD ging. Merz ist beliebt in der Region, ein Gros der Ost-CDU wollte ihn als Kanzlerkandidaten. Oests Konkurrent in Görlitz ist AfD-Bundeschef Tino Chrupalla, der den Kampf um das Mandat 2017 ausgerechnet gegen den heutigen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer gewann. Chrupalla ebnete der Erfolg in Görlitz seinen Weg an die AfD-Spitze. Neben ihm ist Oest ein Neuling. Viele finden seine Mission tapfer, aber aussichtslos. Prominente Unterstützung kann der 34-Jährige gut gebrauchen.

Auf der anderen Seite passt das, was Merz von der Bühne poltert, zwar in den asylkritischen Tenor der Region, aber nicht zu den Überzeugungen von Oest. Gerade wenn es um Geflüchtete geht, beharrt der gebürtige Görlitzer auf „Christlichkeit“.

Merz beharrt bei seinem Auftritt darauf, dass es „Grenzen der Integrationsfähigkeit“ gebe. 2015 dürfe sich nicht wiederholen, so der Direktkandidat des Hochsauerlandkreises, der gern Wirtschaftsminister wäre. „Ich denke, Herr Oest, wir beide stehen auch dafür, dies im Deutschen Bundestag hinreichend klar zu sagen.“ Jubel und Beifall. Oest lächelt und klatscht mit.

Fans hat Oest in der Landes-CDU nicht

Das tut er oft. Mit seinen blauen Augen, dem Dreitagebart und den frisch geschnittenen Haaren würde das Gesicht des Hünen auch auf einen Fußball-Sammelsticker, in eine Boyband oder hinter einen Bankschalter passen. Studiert hat Oest Fächer wie Business Administration. „Aber ich habe keinen Karriereplan.“ Zu seinen Professoren gehörte der berühmte Medienanwalt Christian Schertz. Der habe gelehrt: „Du darfst nicht vorgeben, etwas zu sein, was du nicht bist.“ Oest sagt, dass er leidenschaftlich, ungeduldig und hibbelig sei. Aus seinem Umfeld heißt es, dass er nicht der größte Redner, keine Rampensau, eher „ein Macher“ sei.

Es ist der erste eigene Wahlkampf, den Oest bestreitet. Als die Kreispartei vergangenen Sommer einen Kandidaten suchte, kam sie schnell auf Oest. Es mag verwundern, dass die CDU gerade im Wahlkreis ihres Ministerpräsidenten kein prominenteres Gesicht aufgestellt hat. Zwar konnte Oest, Kreisrat und bis vor Kurzem Landesvorsitzender der Jungen Union, sich in der Kreispartei den Ruf eines jungen Machers erarbeiten, der „frischen Wind“ reinbringt.

Respekt fängt er sich gerade für seinen engagierten Wahlkampf in einem besonders großen Kreis ein. Nur Fans hat Oest in der Landes-CDU aber nicht. Die Positionen, die er als JU-Chef vertrat, waren vielen zu liberal. Vor einem Jahr äußerte er sich kritisch zur Diätenerhöhung im Landtag. Ein hochrangiges Parteimitglied spricht von einem „falschen Signal“, das der Landtagsfraktion missfallen habe. Doch Alternativen zu Oest konnte die Partei kaum vorweisen. Eine andere Parteigröße sagt: „Wen hätten wir aufstellen sollen? Den Landrat? Ansonsten gibt es keinen Prominenten.“

Friedrich Merz ist in Görlitz beliebt.
Friedrich Merz ist in Görlitz beliebt. © Martin Schneider

Wenn Oest das Direktmandat nicht erobert, zieht er auch nicht in den Bundestag ein. Sollte CDU-Kollegin Corinna Franke-Wöller das Direktmandat im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge nicht holen, ist ihr Einzug ins Berliner Parlament dank Listenplatz 8 dennoch ziemlich sicher. Oest hat das abgelehnt. „Nur direkt gewählt ist stark gewählt“, sagt er. Sein Geld verdient er als Referent an der Polizeihochschule in Rothenburg. Die hat ihn für den Wahlkampf freigestellt. Für seine Frau, den vierjährigen Sohn und die acht Monate alte Tochter bleibt gerade trotzdem kaum Zeit. Die Themen, mit denen Oest gern um Stimmen wirbt, sind andere als Asyl und AfD: der Strukturwandel in der Lausitz, die geplante Bahnstrecke von Görlitz über Weißwasser nach Berlin, eine Bundesstraße über Weißwasser nach Halle, besseres Internet. Doch die AfD macht es der CDU unmöglich, sie zu ignorieren.

Immer wieder stören AfD-Anhänger Auftritte. Als Oest mit Ministerpräsident und 250 Gästen in Großschönau grillt, protestieren sie neben den „Freien Sachsen“, deren Köpfe bekannte Neonazis sind. Als Merz kommt, empfangen ihn „Hau ab“-Rufe, Trillerpfeifen und „Verräter“-Schilder.

"Das sind Neonazis, blau angestrichen und braun in der Seele"

Letztendlich hat die CDU die Auseinandersetzung mit der AfD in ihren Wahlkampf integriert. „Unsere Heimat braucht Macher statt Spalter“, steht auf Plakaten. „Wir hatten in den letzten vier Jahren keine konstruktive Stimme im Bundestag“, sagt Oest. „Protest bringt uns nicht voran, gestaltet nicht den Strukturwandel, bringt keine Pflegekräfte.“ Bei Reden und in Gesprächen vermeidet er es, Partei oder den Gegenkandidaten zu benennen. Gleichzeitig ist er sehr deutlich: „Das ist kein Protest, sondern eine Partei, die unseren Rechtsstaat umstürzen will. Das sind Neonazis, blau angestrichen und braun in der Seele.“

Chrupalla widerspricht dem Vorwurf, dass er keine Erfolge vorweisen könne. „Ich habe erfolgreich Oppositionspolitik betrieben, die Wiedereinführung der Meisterpflicht beschleunigt.“ Dieser vermeintliche Erfolg war allerdings ohnehin Bestandteil des Koalitionsvertrags der aktuellen Bundesregierung. Außerdem ist Chrupalla nur eins von 48 Mitgliedern im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, der eine Empfehlung zur Wiedereinführung der Meisterpflicht in zwölf Berufen gab. Sein größter Erfolg, so Chrupalla: Dass dem Kreis „ein patriotisches Mandat der AfD zuteil wurde, wodurch erstmals die Bedürfnisse und Interessen der Lausitzer in den Mittelpunkt gerückt wurden“.

In der Lausitz scheint Chrupalla sich wohl nur teilweise auszukennen. Gegenüber dem „Sachsenspiegel“ klagte er über Strukturwandel-Gelder für eine Kita in Weißig. „Weißig ist in Dresden. Es ist unglaublich, wie hier betrogen wird“, sagt Chrupalla. „Das ist CDU-Filz. Da werden Bürgermeister bedacht, die sich wahrscheinlich wohlwollend für Kretschmer geäußert haben.“ Tatsächlich ging das Geld an den Oßlinger Ortsteil Weißig in der Oberlausitz.

Auch Michael Kretschmer (M.) ist für Oest unterwegs.
Auch Michael Kretschmer (M.) ist für Oest unterwegs. © Franziska Klemenz

Patzer leistete Chrupalla sich viele im Wahlkampf. Mal verschlief er einen Termin in Brandenburg, mal forderte er mehr deutsche Gedichte an Schulen, konnte aber selbst keines aufsagen. Aus Sicht von Konkurrent Oest „sind das Sachen, die nehme ich ihm gar nicht übel. Was ich ihm wirklich übel nehme, sind Sprüche, die an die Substanz unserer Demokratie gehen.“ Nach dem vereitelten Anschlag auf eine Synagoge in Hagen nannte Chrupalla die Meinung des Zentralrats der Juden, der 100.000 Menschen vertritt, eine „Minderheitsmeinung.“

Der AfD scheint es nicht geschadet zu haben. Auf Bundesebene könnte der Wahlkampf der CDU kaum schlechter laufen. In Sachsen befürchtet man, dass die AfD diesmal noch deutlicher als 2017 vorne liegen könnte. „Im Fernsehen sehen die Leute von der CDU vor allem Laschet und Spahn“, klagt ein Mitglied. Damit lasse sich schwer punkten. Anders als Merz kam Laschet nicht nach Görlitz. Von hiesigen CDU-Größen erhält Oest mehr Unterstützung als die meisten anderen Kandidaten im Freistaat.

Ein grauer Samstagmittag. Florian Oest steht im Regen. „Wir brauchen Macher“ dringt seine sonore Stimme aus einem Lautsprecher, um den sich vielleicht zwei Dutzend Menschen im Halbkreis gesammelt haben. Tropfen treffen Oest nicht, er hat einen Schirmhalter dabei. Innenminister Roland Wöller schirmt seinen früheren Referenten Oest ab. Wenige Hundert Meter von Chrupallas Haus in Gablenz entfernt laufen sie los. Das Ziel ist Kromlau.

Während Wöller den Leuten erklärt, warum sie Oest wählen sollen, spielt der mit Wöllers Sohn, balanciert Steinchen auf seinem Fuß. Vor dem Jugendclub Kromlau gibt es Bratwurst, Bier und Limonade. Eine Seniorin schwärmt: „Kretschmer war ein vorbildlicher Abgeordneter, kam zu jedem neuen Tennisplatz, der eröffnet hat. Chrupalla lässt sich nur ganz selten blicken.“

In Weißwasser, so weit im Nordosten, dass es einst zu Brandenburg gehörte, ist Chrupallas Gesicht omnipräsent. Ein Plakat zeigt ihn mit der Aufschrift: „Null Asyl in Deutschland!“ Vor einem Discounter antwortet ein Mann auf die Frage nach seiner Wahl: „Man weiß ja gar nicht, was man wählen soll.“ Eine Kassiererin sagt: „Chrupalla. Weil mir die Pandemie auf die Eier geht.“ Ein Herr mit langem grauen Bart: „Ich weiß nicht, ob die mich ohne Impfung ins Wahllokal lassen. In Supermärkten wollen sie’s verbieten, schreibt die Bild.“ Wenn doch, werde er die Linken wählen. „Die sollen’s jetzt auch mal probieren.“

„Null Asyl in Deutschland“, wirbt die AfD.
„Null Asyl in Deutschland“, wirbt die AfD. © © by Matthias Rietschel

Würde man jedes Mal einen Schnaps trinken, wenn ein Unterstützer sagt, dass Oest „ein Macher ist“, man wäre schon vor dem Gottesdienst betrunken. Am Sonntag vor der Wahl geht er mit Kretschmer beten. Die Reihen der Bergkirche Oybin sind voll. Vor den Türen harrt die Junge Union aus. Einer sagt, dass er Katholik sei, der Gottesdienst evangelisch, er deshalb draußen warte. Ein anderer: „Ich hab’ verschlafen.“ Etwa 70 Leute wandern mit ihnen auf den Oybin. Viele nutzen die Nähe zum Klagen: niedrige Renten, teure Mieten, Asyl. „Ich kandidiere erstmals. Es geht um den Blick nach vorn“, sagt Oest. Eine Seniorin raunt: „Es müsste mehr Fokus auf uns sein.“

Es sind Orte wie in Märchenfilmen, die Oest passiert. Felsen erinnern an Schildkrötenköpfe, drüber thront die Burg. Zwei zermürbte Politiker und viele bunte Jacken trotten an Bäumen und Teichen vorbei. Kiesel knirschen unter den Füßen. Oben wirbeln Mädchen zu mittelalterlicher Geigenmusik mit brennenden Stangen durch die Luft. Ein grauhaariger Brillenträger zischt Kretschmer an: „Das hier könnten einige Politiker auch mal brauchen: Feuer!“ In einem Zelt lädt Oest zu Brezeln, Bier und Weißwurst. Kretschmer rettet sich hinter die Theke, trinkt Bier, isst eine Wurst. Schmaler als früher sieht der Ministerpräsident in der Wanderkluft aus, Ringe haben sich unter seine Augen gegraben. Ein älterer Herr bestellt Pils. „Ich will vom Ministerpräsidenten bedient werden.“

Der Oybiner Bürgermeister Tobias Steiner bittet in die Burg. Auf den bunten Fenstern kniet ein Knecht vor einem Ritter, auf dunklen Holztischen steht Sekt zum Anstoßen. Auf die Gesundheit und „dass die Wahl so ausgeht, dass wir eine starke Stimme in Berlin haben“, sagt der Bürgermeister zu Florian Oest. Vergangene Woche habe er „Dresche gekriegt“, erzählt der SPD-Mann, weil er Oest zur Wahl empfahl und nicht seinen Parteigenossen. Oest lächelt. „Das weiß ich sehr zu schätzen.“ Auch der Oberbürgermeister von Görlitz konnte sich 2019 nur gegen die AfD durchsetzen, weil vor der Stichwahl selbst die Linke dazu aufgerufen hat, CDU zu wählen.

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Mitarbeit: Tobias Wolf

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