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Digital wird Nachhilfe bezahlbar

Unternehmer und Studierende aus Sachsen wollen helfen, Lernlücken zu schließen. Das unterstützt auch das Land.

Wie können Kinder am besten Online Rückstände aufholen.
Wie können Kinder am besten Online Rückstände aufholen. © Thomas Kretschel

Zwar dürfen inzwischen nahezu alle Schüler in Sachsen wieder zurück in die Schule. Doch die Monate im Wechsel- und Distanzunterricht haben oft zu Lernrückständen geführt. Vielen Eltern bereitet das große Sorgen. Auch wenn einige Kinder ihre Rückstände nicht alleine aufholen können, sollten Eltern laut Oliver Dickhäuser Verantwortung abgeben. Er ist Professor für pädagogische Psychologie an der Universität Mannheim und sagt: „Eltern können zwar unterstützend wirken, wegfallende Bildungsangebote durch Schulen aber nicht alleine kompensieren.“

Die erste Anlaufstelle für Hilfe seien laut Dickhäuser die Schulen selbst. Sie seien über zusätzlichen Förderunterricht und Angebote, zum Beispiel im Rahmen von Sommerschulen, am besten informiert. Zudem gibt es die Möglichkeit, klassische Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. Allerdings ist die Suche nach einem passenden Lehrer nicht einfach. Und nicht jeder kann sich teure Stunden leisten.

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Große Nachfrage

Unternehmer Remo Kelm, der Vater von vier Kindern ist, kennt die Probleme. „Es ist extrem schwierig, die Kinder beim Home-Schooling zu unterstützen. Wir Eltern sind keine Pädagogen und haben meist auch nicht genug Zeit.“ Als er beobachtete, wie sich im Bekanntenkreis immer wieder Eltern zusammentaten, um sich gegenseitig bei der Beschulung zu unterstützen, kam ihm eine Idee. „Ich dachte mir, dass man das irgendwie besser organisieren und strukturieren müsste.“

Also entwickelte Kelm das Konzept für seine Online-Nachhilfe-Plattform Dozeon: Die Schüler werden dort in kleinen Gruppen über Zoom von Nachhilfelehrern unterrichtet. Weil man die Kosten für den Lehrer danach aufteilt, bezahlt man für eine Stunde bestenfalls 3,43 Euro. Dieser Preis wird allerdings nur erreicht, wenn alle sieben Plätze für die Stunde ausgebucht sind. Ob das der Fall ist, erfahren die Eltern erst kurz vorher. „Ab 18 Uhr des Vortags kann sich niemand mehr ab- oder anmelden“, so Kelm.

Diese Hilfen plant Sachsen für seine Schüler

Um die Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche abzumildern und Lernrückstände zu beseitigen, beteiligt sich Sachsen am Corona-Aufholprogramm des Bundes und der Länder. Damit können zusätzliche Maßnahmen in Höhe von 47,5 Millionen Euro Bundesmittel finanziert werden.

Diese Hilfen plant Sachsen für seine Schüler

Sachsen ergänzt das Programm mit Maßnahmen in gleicher Finanzhöhe. Damit sollen jene Schüler unterstützt werden, „die Hilfe am dringendsten benötigen“, so Kultusminister Christian Piwarz.

Diese Hilfen plant Sachsen für seine Schüler

In den nächsten zwei Jahren sollen allen Schulen in Sachsen dafür zusätzliche Finanzmittel zur Verfügung stehen. Mit dem Geld sollen unter anderem Förder- und Nachhilfeangebote, auch von externen Anbietern, bezahlt werden.

Diese Hilfen plant Sachsen für seine Schüler

Schulen sollten eigenverantwortlich über deren Ausgestaltung und die Zusammenarbeit mit Partnern entscheiden können. Auch ein Ausbau von Ganztagsangeboten ist vorgesehen. Zudem soll die Schulassistenz verstärkt werden.

Diese Hilfen plant Sachsen für seine Schüler

Die Mehrheit der Angebote werden im kommenden Schuljahr starten, informiert das Kultusministerium. Derzeit laufen noch Abstimmungen. (rnw)

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Die Nachfrage für das Angebot ist laut Kelm groß. Damit die Kinder alle auf einem ähnlichen Stand sind, können nur Schüler der gleichen Klassenstufe eines Bundeslandes gemeinsam eine Stunde buchen. Die Eltern werden zudem darum gebeten, den aktuellen Stand ihrer Kinder vorab per Mail an die Lehrer zu senden. Dennoch behandeln nicht immer alle Schüler gerade das gleiche Thema. „Man muss dann versuchen, die größtmögliche Schnittmenge zu finden. Das klappt meist ganz gut.“

Am besten funktioniert das Konzept jedoch, wenn mehrere Kinder, die die gleiche Klasse besuchen, gemeinsam eine Stunde buchen. „Ich habe einige Gruppen, bei denen das so ist. Die Eltern buchen dann immer wieder gemeinsam Stunden.“ Laut Oliver Dickhäuser ist das eine gute Idee. „So werden nicht nur Wissenslücken ausgeglichen, sondern es entsteht zumindest in Ansätzen bei den Schülern wieder ein Gefühl von sozialer Eingebundenheit.“

Auch nach der Pandemie soll es weitergehen

Remo Kelm ist jedoch nicht der Einzige, dem der Bedarf an günstiger Nachhilfe aufgefallen ist. So bietet die von Studierenden gegründete Plattform Lern-Fair ebenfalls online Nachhilfe an. Das Angebot ist kostenlos und in Einzel- als auch Gruppenstunden nutzbar. Außerdem gibt es Unterstützung bei Schulprojekten. Die Nachhilfe übernehmen Studenten aus ganz Deutschland.

Madlyn Senkyr und Sophie Leutritz studieren an der TU Dresden und versuchen, weitere Studenten als Nachhilfelehrer für Lern-Fair zu gewinnen. „Wir können die Stunden gratis anbieten, weil unsere Studierenden sich ehrenamtlich engagieren. Gegründet wurde Lern-Fair von einer Gruppe Mathematik- und Informatikstudenten, die auch unsere Webseite programmiert haben.“ Lehramtsstudenten können auf der Plattform auch ein Praktikum absolvieren. Das Projekt wird vom Bildungsministerium gefördert.

Sophie Leutritz studiert Grundschullehramt und hat so ein Praktikum bereits gemacht. Sie erklärt: „Vorab wird in einem Vertrag festgelegt, wie viele Stunden man geben muss und wie das Verhältnis von Gruppen- und Einzelstunden zu sein hat. Außerdem bekommt man einen erfahrenen Pädagogen als Mentor an die Hand.“

Die Plattform soll auch nach der Pandemie weitergeführt werden. Ziel sei es, weiter mit kostenloser Online-Nachhilfe gegen Bildungsungerechtigkeit vorzugehen. „Wir wollen Schüler und Studierende deutschlandweit vernetzen. So findet man dann auch leichter einen passenden Lehrer“, sagt Madlyn Senky.

Kostenlose Online-Nachhilfe

Auch Christian Bohner glaubt an die Zukunft der digitalen Nachhilfe. Deshalb hat er bereits vor der Pandemie 2019 die Firma Kuravisma gegründet. Zum Unternehmen gehört die Plattform Bidi. Hier können Eltern nach geeigneten Nachhilfelehrern suchen. „Wir unterstützen sie bei der Auswahl und versuchen beispielsweise in Gesprächen herauszufinden, welcher Schüler zu welchem Lehrer passen könnte.“ Die Nachhilfe findet über eine unternehmenseigene Software in einem digitalen Klassenzimmer statt. Eine Stunde kostet zwischen 18,80 und 24,80 Euro.

„Die Kommunikation ist online einfacher. Man kann Anfragen per Messenger senden und mit dem Nachhilfelehrer über Whatsapp kommunizieren“, so Bohner. Außerdem könne online einfach bezahlt werden, und die Fahrt zum Nachhilfeinstitut oder Lehrer falle ebenfalls weg.

Viele Eltern befürchten jedoch, dass sie ihren Kindern mit zusätzlicher Nachhilfe zu viel zumuten. Laut Oliver Dickhäuser ist aber genau das Gegenteil der Fall. Denn die Nachhilfe-Stunden böten ihnen jene Struktur, die im Lockdown lange gefehlt hat. Sophie Leutritz bestätigt: „Die Kinder vermissen ihre sozialen Kontakte. Sie freuen sich, dass sie überhaupt mit jemandem reden können.“ Außerdem weist sie darauf hin, dass es gerade für Kinder, deren Familiensprache nicht Deutsch ist, wichtig sei, regelmäßig mit jemandem auf Deutsch zu sprechen und zu lernen. (mit dpa)

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